Relikt aus Deutschlands Nachkriegszeit: Ein Hort von Zigarettenschachteln

 

Immer wieder wird das Glück des Sammlers beschrieben, wenn er auf Münzbörsen in einer Krabbelkiste das eine, das kleine, das unauffällige Stück entdeckt, das außer ihm keiner richtig einzuordnen weiß. So ähnlich ging es der Autorin während eines Flohmarkts in der Stadt Staufen am Fuße des Schwarzwalds. Inmitten von Massen an altem Geschirr und zerfledderten Romanen lag ein kleines Behältnis, das mit alten Zigarettenschachteln gefüllt war. Auf Nachfrage erzählte die Verkäuferin, daß sie auf einem Bauernhof lebe, und diese Schachteln auf einem Haufen liegend gefunden habe.

Ein Hort von Zigaretten.

Damit war die Sachlage klar: Wir hatten einen Hort von Zahlungsmitteln vor uns, allerdings einen sehr ungewöhnlichen. Es handelte sich um Exemplare aus der Nachkriegszeit, als Zigaretten die inoffizielle Währung Deutschlands waren. Der Bauer mochte sie gegen Kartoffeln, Eier und Butter eingetauscht haben. Als Eigentümer von Nahrungsmitteln war er ein „reicher“ Mann geworden, so reich, daß er nicht alle Zigaretten sofort in Gebrauchsgegenstände umsetzte, sondern einige Schachteln in einem kleinen Hort für schlechtere Tage verbarg. Die Währungsreform setzte das „Zahlungsmittel“ Zigarette außer Kurs. Der Bauer, der vielleicht nicht einmal Raucher war, vergaß seinen kleinen Schatz, und erst ein Nachkomme entdeckte ihn ein halbes Jahrhundert später, um ihn auf dem Flohmarkt anzubieten.
Rauchen war während und nach dem 2. Weltkrieg zu einem weit verbreiteten Mittel geworden, um den Hunger zu bekämpfen. Dies illustriert eine Mitteilung des Länderrats der amerikanischen Zone an die Militärregierung: „Tabak ist heute in Deutschland nicht nur ein Genußmittel, sondern weitgehend ein Mittel der Beruhigung und Ablenkung bei Hunger und Sorge.“ Ein Großteil vor allem der weiblichen Raucher hatte erst im Krieg oder in den Nachkriegsjahren angefangen, diesem „Laster“ zu frönen. So war der Kreis der potentiellen Zigarettenverbraucher stark angestiegen.
Die deutsche Zigarettenproduktion und später der offizielle Import amerikanischer Zigaretten reichten bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Deshalb waren bereits 1940 sogenannte Raucherkarten eingeführt worden, mit denen die Verteilung der knappen Ware gesteuert werden sollte. Bis zum Jahre 1948 wurde dieses System beibehalten. Doch die Zuteilungen waren für einen starken Raucher nicht ausreichend. 1945 zum Beispiel erhielt er lediglich 40 Zigaretten im Monat. Wollte er seinen wirklichen Bedarf decken, mußte er auf dem Schwarzmarkt Zigaretten tauschen. Damit war die Zigarette als haltbares und genormtes, begehrtes und in nicht ausreichender Quantität vorhandenes Tauschmedium zum idealen Währungsersatz geworden.

Einige Preise in Zigarettenwährung:
1,5 kg Brot oder Brotmarken  →  10 Zigaretten
1 Huhn  →  30 Zigaretten
100-150 g Fleisch oder Fleischmarken  →  10 Zigaretten
1 Bettbezug  →  125 Zigaretten
75 g Butter oder Buttermarken →  10 Zigaretten
15 g Bohnenkaffee  →  10 Zigaretten
25 g Tee  →  10 Zigaretten
250 g Zucker oder Zuckermarken  →  10 Zigaretten
1 Gans  →  250 Zigaretten
Unser kleiner Hort stellt also den Gegenwert von 4 1/2 Hühnern oder einem Bettbezug plus 15 g Bohnenkaffee dar.

 

 

Alles konnte man im Nachkriegsdeutschland für Zigaretten kaufen. Und der Preisunterschied für amerikanische Zigaretten – in den USA kosteten 1000 Stück ungefähr 5 $ – machte die „Amis“ zum beliebtesten Schmuggelobjekt. Sie kamen mit den Paketen aus der Heimat bei den alliierten Soldaten an. Den Umschlagplatz für das illegale Gut vermutete die Zollfahndung im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo vor allem jüdische Displaced Persons lebten, die versuchten, mit dem Schmuggel ihre Auswanderung nach Palästina zu finanzieren. Erst im Mai 1947 wurde die Einfuhr von Zigaretten per Post verboten, sie durften danach nicht einmal mehr in den so begehrten „CARE-Paketen“ enthalten sein. Diese Maßnahme war zur Bekämpfung des Schwarzmarktes gedacht – genutzt hat sie nichts.
Die American-Blend-Zigaretten, hauptsächlich die Marken Lucky Strike, Chesterfield und Camel, waren am beliebtesten, da sie auf Grund ihrer kräftigen Mischungszusammenstellung den Hunger am effektivsten bekämpften. Für eine „Ami“ erhielt man deshalb auf dem Schwarzmarkt zwischen 5 und 40 Reichsmark, für eine deutsche Zigarette dagegen gab es höchstens zwischen drei und zwölf Reichsmark – immerhin noch ziemlich viel Geld, wenn man bedenkt, daß ein deutscher Arbeiter in der Genußmittelindustrie in den Jahren 1946/7 einen Stundenlohn von 96 Reichspfennigen hatte und daß der offizielle Preis pro Stück bei 16 Reichspfennigen lag. Für seine 40 Zigaretten pro Monat wendete also ein durchschnittlicher Arbeiter den Lohn von knapp 7 Arbeitsstunden auf.

Eine Schachtel der in Lahr produzierten Zigaretten

Der hier vorgestellte „Zigarettenhort“ besteht ausschließlich aus in Deutschland hergestellten Zigaretten, denn auch wenn die „Amis“ den Markt beherrschten, war die Eigenproduktion nicht ganz zum Erliegen gekommen. Im oberen Rheintal wird heute noch großräumig Tabak angebaut – und bis vor kurzem wurden daraus auch Zigaretten produziert: Das auf unseren Päckchen so häufig vorkommende Lahr / Schwarzwald beherbergte bis 2006 eine Zigarettenfabrik des Produzenten Reemtsma.
In solche Zigarettenfabriken konnten deutsche Bürger ihren eigenen Tabak einliefern, denn die Aufzucht von Tabakpflanzen war in der Nachkriegszeit zum weit verbreiteten Hobby geworden. In der Nachkriegszeit bauten immerhin zwei Drittel aller Raucher selbst im Vorgärtchen und auf dem Balkon Tabak an, um den großen Mangel in den Griff zu bekommen. 25 Pflanzen waren 1943 noch steuerfrei, seit 1946 waren offiziell nur noch 15 Pflanzen erlaubt – was die Bürger nicht davon abhielt mehr anzubauen. Allerdings wurde von der Tabakfabrik nur die legale Menge Tabak in Zigaretten umgetauscht. Der Rest der Ernte mußte daheim auf einem Kuchenblech getrocknet, nach Hausrezept mit Wein, Essig, Zucker oder Pflaumen aromatisiert werden, um dann als „Siedlerstolz“ oder „AEG“ (=Aus eigenem Garten) die Luft zu verpesten.

Zigaretten der Marke Bosco

Was unseren Zigarettenhort so interessant macht, ist die Tatsache, daß die Zigarettenhortung den gleichen Gesetzmäßigkeiten folgt, die wir bei Münzhorten verfolgen können. So besteht der Großteil des Horts aus einheimischer „Umlaufwährung“, also aus kleinen, in der näheren Umgebung hergestellten Zigarettenpäckchen, zu denen fremde „Einsprengsel“ aus größerer Distanz oder weiterer Vergangenheit dazukommen. Dazu zählt wohl die Packung aus Dresden, die vermutlich noch während des Krieges hergestellt wurde, und die Packung der eigentlich französischen Marke Bosco, welche aus dem französischen Sektor ihren Weg nach Staufen gefunden haben dürfte.
Nur die wenigsten Besucher des Staufener Flohmarkts dürften realisiert haben, daß in dem kleinen Topf ein außergewöhnlich seltenes Zeugnis unserer eigenen Vergangenheit lag, das wohl die meisten von uns, auch wenn sie die Nachkriegszeit nicht mehr selbst erlebt haben, noch aus den Erzählungen älterer Verwandter kennen.