Antikenhandel in Ägypten

von Ursula Kampmann

16. März 2017 – Sie kennen das: Da gibt es die Guten auf der einen Seite. Es handelt sich um die armen, ausgebeuteten Einheimischen der Mittelmeerländer, die von den bösen Imperialisten ihres kulturellen Erbes beraubt werden. Und da sind die Bösen, die Händler und Sammler, die wegen ihrer Gier nach Objekten den Raub erst profitabel machen. Wir mussten es viel zu oft hören und konnten nicht wiedersprechen, weil wir nicht wussten, wie zum Beispiel im Ägypten der 1930er Jahre der Antikenhandel funktionierte. Nun rekonstruieren Fredrik Hagen und Kim Ryholt die Details basierend auf dem Tagebuch eines dänischen Ägyptologen, der 1899/1900 und 1929/1930 nach Ägypten reiste, um für dänische Museen Ausstellungsobjekte zu erwerben. Die Autoren haben sich aber nicht mit diesem Tagebuch begnügt. Sie zogen eine Vielzahl von Quellen heran, um ein detailreiches Bild davon zu entwerfen, wie der ägyptische Antikenhandel praktisch funktionierte.

Frederik Hagen, Kim Ryhol, The Antiquities Trade in Egypt 1880-1930. The H. O. Lange Papers. The Royal Danish Academy of Sciences and Letters. Scientia Danica. Series H. Humanistica 4, Bd. 8, 2016. 335 S. mit Abbildungen in Schwarz-Weiß und Farbe. Paperback. 21,2 x 26,5 cm. ISBN: 978-87-7304-400-1. 300 DKK (ca. 40 Euro).

Frederik Hagen, Kim Ryhol, The Antiquities Trade in Egypt 1880-1930. The H. O. Lange Papers. The Royal Danish Academy of Sciences and Letters. Scientia Danica. Series H. Humanistica 4, Bd. 8, 2016. 335 S. mit Abbildungen in Schwarz-Weiß und Farbe. Paperback. 21,2 x 26,5 cm. ISBN: 978-87-7304-400-1. 300 DKK (ca. 40 Euro).

Denn eins steht auf jeden Fall fest: Jeder Tourist kaufte als Souvenir irgendwelche antiken Objekte. Das wurde geradezu erwartet. Oder, wie ein zeitgenössischer Reiseschriftsteller es ausdrückte: „Ein Reisender, der Ägypten besucht hat, kann sich in Europa nicht sehen lassen ohne eine Mumie in der einen und ein Krokodil in der anderen Hand.“ Viele etablierte Antikenhändler in ganz Ägypten deckten diesen Bedarf. Und sie waren nicht die einzigen. Alle verdienten mit: Inländer, Ausländer, kleine Straßenhändler und die bessere Gesellschaft. Ein ungenannt bleibender Konsul in Luxor zum Beispiel lud jeden Abend reiche Ausländer ein, um ihnen ein Abendmahl im arabischen Stil zu servieren. Irgendwann während des Desserts läuteten Einheimische an der Tür, um dem Konsul zu zeigen, was man heute gefunden habe. Der Konsul gab regelmäßig seinem reichen Besucher das Vorkaufsrecht – schließlich war der ganze Auftritt von ihm durchgeplant. Die antiken Objekte gehörten ihm, und kein reicher Tourist dürfte diesem Angebot widerstanden (oder gar die Preise hinterfragt) haben.

Überrascht dürfte so mancher sein zu erfahren, dass es – worauf der Baedeker seine Leser ausdrücklich hinwies – im Raum XCI beim Ausgang des Ägyptischen Museums einen Laden gab, in dem man Antiken kaufen konnte, deren Echtheit von den Museumskuratoren garantiert wurde. Man erhielt, als dies 1912 gesetzlich verordnet wurde, auch gleich die Ausfuhrerlaubnis dazu. Der ägyptische Staat verdiente an diesen Exportlizenzen ausgezeichnet. Sie wurden wie eine Art Mehrwertsteuer auf den Verkaufspreis berechnet. In diesem Laden wurden alle Arten von Antiken angeboten: Papyri, Skarabäen, Ushebtis, Münzen, Bronzestatuetten, Mumien, Särge, größere Skulpturen und ganze Grabausstattungen. Wir kennen sogar die Preise, zumindest für das Jahr 1894: Für 20 bis 30 Pfund konnte man eine Mumie inklusive Sarg erwerben. Für 5 bis 20 Pence gab es einen Skarabäus. Viel Erfolg hatte der Laden übrigens nicht. Zwischen 1899 und 1910 nahm er lediglich 15.866 Pfund ein, ein bisschen mehr als er an Museumstickets verkaufte (10.000 Pfund).

Kairo war das wichtigste, Luxor das zweitwichtigste Zentrum für antike Objekte. Daneben gab es mehrere kleine Zentren. Allein in Kairo existierten 1928 sechzehn bedeutende Antikenhändler, die dem Baedeker eine Erwähnung wert waren. Wie es in diesen Läden ausgesehen hat, darüber geben Photographien Auskunft. Auf ihnen sieht man, dass diese Läden teilweise bis in die 1970er Jahre noch aktiv waren.

Natürlich gab es illegalen Handel. Wer vermag sich vorzustellen, dass irgendein Gewerbe auf der Erde ohne schwarze Schafe existiert? Aber wirklich verblüffend ist es zu lesen, dass alle möglichen Händler und Sammler ganz legal von der Regierung eine Grabungserlaubnis erhalten konnten. Dieses Vorrecht war weiß Gott nicht auf Institutionen beschränkt.
Es gab nur eine Bedingung: Die Hälfte der Objekte ging direkt an das Ägyptische Museum, wobei die ägyptische Regierung sich nicht wirklich darum bemühte, diese Teilungen systematisch vorzunehmen. Sobald aber ein Vertreter der Regierung genommen hatte, was er wollte, konnte der Ausgräber über seinen Anteil verfügen. Mit anderen Worten, Nofretete hätte also durchaus auch in einer Grabung zu Tage kommen können, die nicht von der Deutschen Orient-Gesellschaft durchgeführt wurde, sondern von irgendeinem ägyptischen Antikenhändler.

Die Autoren gehen nicht nur ausführlich auf die juristische Seite des Antikenhandels ein, sondern widmen auch den Fälschungen ein ausführliches Kapitel. Sie beschreiben die Jagd nach Papyri und haben ein umfassendes Verzeichnis aller namentlich bekannten ägyptischen Antikenhändler zusammengestellt.

Ihrer enormen Arbeit verdanken wir ein wesentlich klareres Bild davon, wie so viele ägyptische Objekte völlig rechtmäßig in westliche Sammlungen kommen konnten. Ob es nach dieser Publikation für ägyptische Institutionen noch so leicht sein wird, irgendwelche ungerechtfertigten Restitutionsansprüche zu stellen, wird sich zeigen.

Sie können das Buch auf der Seite der Royal Danish Academy of Sciences and Letters bestellen.

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