Antiquare und Numismatik im Spiegel der Korrespondenz

von Ursula Kampmann

8. Juni 2017 – Warum ist es eigentlich so wichtig, Forschungsgeschichte zu treiben? Was irgendwelche Menschen vor 400 Jahren dachten und schrieben, ist doch längst überholt, mag mancher Nicht-Historiker denken. Was grundsätzlich natürlich stimmt, doch wir können nur mit Hilfe der Ideen- und Forschungsgeschichte begreifen, warum sich manche Denkansätze in einer bestimmten Epoche entwickelt haben und andere nicht.

Francois de Callatay eröffnet den Kongress

Francois de Callatay eröffnet den Kongress "Numismatic antiquarianism through correspondence (16th-18th cent.)“. Foto: UK.

Forschungsgeschichte ist nichts anderes als ein Nachdenken über Wege und Irrwege der eigenen Disziplin. Wie zum Beispiel konnte es dazu kommen, dass die Numismatik, einst geschätztes Hobby der Herrscher und Geistesriesen, heute als so genannte Hilfswissenschaft ihr Leben fristet?

Die Belgische Akademie der Wissenschaften. Sie bietet kostenlose Zimmer für jeden Wissenschaftler, der ein Forschungsanliegen zur belgischen Vergangenheit hat, für das er in Rom die Quellen sucht. Foto: UK.

Die Belgische Akademie der Wissenschaften. Sie bietet kostenlose Zimmer für jeden Wissenschaftler, der ein Forschungsanliegen zur belgischen Vergangenheit hat, für das er in Rom die Quellen sucht. Foto: UK.

Dass die Numismatik tatsächlich einmal das Zentrum des Denkens der Antiquare darstellte, spiegelte die Konferenz von FINA vom 31. Mai bis zum 1. Juni 2017 in der Belgischen Akademie der Wissenschaften in Rom. FINA steht dabei für Fontes inediti numismaticae antiquae, also unedierte Quellen zur antiken Numismatik.

Bernhard Woytek berichtet über neueste Erkenntnisse aus der Forschung zu den Briefen von Joseph Eckhel. Foto: UK.

Bernhard Woytek berichtet über neueste Erkenntnisse aus der Forschung zu den Briefen von Joseph Eckhel. Foto: UK.

Es handelt sich um ein Universitäten-übergreifendes Projekt, das immer wieder Numismatiker vor allem aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Österreich und den Vereinigten Staaten versammelt.

Ute Wartenberg referierte über die Dokumentierung englischer Hortfunde im 17. Jahrhundert. Foto: UK.

Ute Wartenberg referierte über die Dokumentierung englischer Hortfunde im 17. Jahrhundert. Foto: UK.

Sie nutzen Briefe, nie gedruckte Manuskripte und Inventare, um die Geschichte der Numismatik zu schreiben und derer, die sich mit Numismatik beschäftigt haben: Die Geschichte der Antiquare, der Sammler und der Händler.

Federica Missere Fontana verfolgte die Spur seltener Münzen des 2. Jh. in der Korrespondenz verschiedener Antiquare. Die Sitzung präsidierte Martin Mulsow. Foto: UK.

Federica Missere Fontana verfolgte die Spur seltener Münzen des 2. Jh. in der Korrespondenz verschiedener Antiquare. Die Sitzung präsidierte Martin Mulsow. Foto: UK.

Was ist überhaupt ein Antiquar? Diese Frage stellte und beantwortete Alain Schnapp in seinem einleitenden Vortrag. Denn ein Antiquar ist etwas anderes als ein Sammler. Mit seinem überlegenen Intellekt und seiner alles durchdringenden Neugier gibt er sich nicht damit zufrieden, ein Stück neben das andere zu legen und so einen bedeutungstragenden Komplex zu schaffen. Er nutzt die Münze als Quelle, um mit ihrer Hilfe sein Bild von der Vergangenheit zu rekonstruieren.

Michiel Verweij warnte davor, den Inhalt von Briefen wortwörtlich zu nehmen, indem er die ausführliche Korrespondenz zu einem Buch vorstellte, das nie publiziert wurde. Foto: UK.

Michiel Verweij warnte davor, den Inhalt von Briefen wortwörtlich zu nehmen, indem er die ausführliche Korrespondenz zu einem Buch vorstellte, das nie publiziert wurde. Foto: UK.

Wie er dies praktisch tat, in wie weit Sammler und Händler selbst Antiquare waren und umgekehrt, in welchen Partnerschaften und Netzwerken all die an Münzen interessierten Parteien agierten, darüber sprachen 18 Redner aus sieben Nationen in drei Sprachen.

Elena Vaiani publizierte jüngst die Korrespondenz von Nicolas de Peiresc und Lelio Pasqualini. Sie stellte Ergebnisse vor. Foto: UK.

Elena Vaiani publizierte jüngst die Korrespondenz von Nicolas de Peiresc und Lelio Pasqualini. Sie stellte Ergebnisse vor. Foto: UK.

Es war wirklich ein internationaler Kongress, der das Internationale, das im 16. und 17. Jahrhundert die Welt der Antiquare prägte, wieder aufleben ließ. Organisiert hatte ihn Francois de Callatay im Rahmen der belgischen Akademie der Wissenschaften und der Bibliothèque royale de Belgique. Unterstützt hatten ihn nicht nur wissenschaftliche Fonds, sondern in großzügiger Weise auch zwei numismatische Auktionshäuser, Numismatica Genevensis und Künker, sowie der deutsche Verband der Münzhändler und der Schweizer Verband der Berufsnumismatiker. Man kann dies nur eine vernünftige Investition in die Zukunft nennen, denn nichts ist wichtiger, als Archäologie-fixierten Politikern und Lobbyisten entgegenzuhalten, auf welch weit zurückreichende Tradition die Numismatik blicken kann.

Bernhard Woytek als Ioannes Vegetius, ein Händler von antiken Objekten. Foto: UK.

Bernhard Woytek als Ioannes Vegetius, ein Händler von antiken Objekten. Foto: UK.

Unbestreitbarer Höhepunkt der Veranstaltung war zweifellos die szenische Aufführung einer Gruppe von Briefen, die um einen Münzkauf von Königin Elizabeth I. kreisten.

Andrew Burnett als Erzähler. Foto: UK.

Andrew Burnett als Erzähler. Foto: UK.

Andrew Burnett hatte das Theaterstück geschrieben und anerkannte Wissenschaftler schlüpften in die unterschiedlichen Rollen. Ein unvergessliches Erlebnis im Rahmen eines wissenschaftlich höchst fruchtbaren Kongresses!

Francois de Callatay als Sir Nicholas Throckmorton, damals englischer Botschafter in Frankreich. Foto: UK.

Francois de Callatay als Sir Nicholas Throckmorton, damals englischer Botschafter in Frankreich. Foto: UK.

Jonathan Kagan als William Cecil, Privatsekretär von Elisabeth I. von England. Foto: UK.

Jonathan Kagan als William Cecil, Privatsekretär von Elisabeth I. von England. Foto: UK.

Maria Christina Molinari als Elisabeth I. mit ihrem Privatsekretär, im richtigen Leben Jonathan Kagan. Foto: UK.

Maria Christina Molinari als Elisabeth I. mit ihrem Privatsekretär, im richtigen Leben Jonathan Kagan. Foto: UK.

If we shadows have offended, Think but this, and all is mended – that you have but slumbered here, while these visions did appear. Von links nach rechts: Andrew Burnett, Johan van Heesch, Alain Schnapp, Bernhard Woytek, Jonathan Kagan, Maria Christina Molinari, John Cunnally und Francois de Callatay. Foto: UK.

If we shadows have offended, Think but this, and all is mended – that you have but slumbered here, while these visions did appear. Von links nach rechts: Andrew Burnett, Johan van Heesch, Alain Schnapp, Bernhard Woytek, Jonathan Kagan, Maria Christina Molinari, John Cunnally und Francois de Callatay. Foto: UK.

Wissenschaft kann richtig Spaß machen, was man den Teilnehmern an diesem Spiel durchaus ansieht.

Die Kongressteilnehmer in der Villa Giulia. Foto: UK.

Die Kongressteilnehmer in der Villa Giulia. Foto: UK.

Für den gesellschaftlichen Rahmen sorgte der belgische Botschafter am Heiligen Stuhl, der alle Teilnehmer zu einem Empfang in den wunderbaren Garten der Botschaft einlud. Nicht zu vergessen die Privatführung, die Valentino Nizzo, der neue Direktor der Villa Giulia mit all ihren wunderbaren etruskischen Funden, den Kongressteilnehmern gab.

Giovanni Battista Piranesi (1720-1778), Ansicht des Trevi-Brunnen in Rom.

Giovanni Battista Piranesi (1720-1778), Ansicht des Trevi-Brunnen in Rom.

Und dass Rom, das Zentrum der Antike und immer eine Reise wert ist, das haben schon die Vorgänger der heutigen Numismatiker, die Antiquare des 16. Jahrhunderts, gewusst.

Ein Programm der Veranstaltung finden Sie in der MünzenWoche.

Wir berichteten live von der Veranstaltung auf unserem Facebook-Account „Ursula Kampmann“.

Und wenn Sie wissen wollen, woher der Brauch kommt, Münzen in den Trevi-Brunnen zu werfen, dann sollten Sie unseren Artikel über den deutschen Archäologen und Antikenhändler Wolfgang Helbig (1839-1915) lesen.

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