Auf dem Rücken der Schwächsten

von Annika Backe

27. Juli 2017 – Der 30. Dezember 2016 war ein wichtiger Tag für Indien. Mit dem 500- und dem 1000-Rupien-Schein wurden die beiden höchsten Nominale ungültig. Premierminister Narenda Modi wollte so Geldfälschung, Korruption und Steuerhinterziehung eindämmen. Ein hehres Ziel, doch ausgerechnet die Ärmsten und Schwächsten leisten am meisten unter den Folgen dieser Maßnahme.

Indiens Premierminister Narenda Modi. Foto: Narenda Modi / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0

Indiens Premierminister Narenda Modi. Foto: Narenda Modi / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0

Mit dieser Entwertung wurden schlagartig mehr als 80 Prozent des Umlaufgeldes – in einem Wert von umgerechnet mehr als 218 Milliarden Euro – wertlos. Zeitgleich sollte die Reserve Bank of India neue Noten ausgeben, so einen 2000-Rupien-Schein als neues Nominal. Ausgegeben wurden jedoch vorerst nur neue 500er. Da die Regierung zugleich die erlaubte Auszahlungssumme gedeckelt hatte, erhielten viele Inder an den Geldautomaten kaum mehr als umgerechnet 60 Euro. 

Die Folgen waren überall spürbar. Die Menschen auf dem Land – knapp 70 % der Bevölkerung Indiens – traf es besonders hart. Um ihre ungültigen Scheine einzureichen, waren sie oft Stunden unterwegs. Um dann festzustellen, dass die Banken massive Probleme hatten, ihre Scheine umzutauschen. Bargeld ist aber die Basis des Zahlungsverkehrs der Inder, von denen übrigens nur ca. 60 % über ein Bankkonto verfügen. So konnten viele Bauern ihre notwendigen Einkäufe nicht mehr tätigen. 

Eine andere Auswirkung war der Anstieg von Meldungen häuslicher Gewalt. Da sie noch seltener als Männer ein Konto besitzen, müssen Frauen Bargeld für sich ansammeln, und das oft heimlich. Auf der Suche nach einzureichenden Scheinen entdeckten viele Väter und Ehemänner diese Verstecke und bestraften gleich an Ort und Stelle. 

Neben gesellschaftliche Spannungen traten spürbare Einbußen auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Produktionsstätten standen tagelang leer. Immer mehr Arbeitgeber hatten Zahlungsschwierigkeiten und mussten zur Vergütung mit Naturalien zurückkehren. Das alles führte dazu, dass – obwohl Indien mit seinen 1,29 Milliarden Menschen die am stärksten expandierende Wirtschaft der Welt ist – die Weltbank ihre Wachstumsprognose für 2017 kurzfristig von 7 % auf 6,4 % korrigieren musste. 

Als die Regierung dann noch feststellte, dass offenbar gar nicht so viel Geld durch Steuerhinterziehung und Korruption verloren war, wie angenommen, dachte sie um. Als wichtigsten Schritt hob sie das Auszahlungslimit auf. Nach Wochen erholte sich die Wirtschaft allmählich. Aktuell rechnen Experten wieder mit einem Wachstum von 7,2 % für 2017/18. Keine offiziellen Zahlen gibt es darüber, wie lange es dauern wird, bis sich die Hauptleidtragenden von dieser glücklosen Maßnahme erholt haben.

Mehr zu diesem Thema lesen Sie in einem Beitrag auf CNN Money.

Besonders die Lage der Frauen beleuchtet dieser Report der World Bank.

Und eine Zusammenfassung des Wichtigsten zu Indiens Wirtschaft finden Sie auf der Seite des Auswärtigen Amtes.

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