Wiener Ausstellung zur erotischen Antikenrezeption Gustav Klimts

21. September 2017 – Die Ausstellung „Klimt und die Antike. Erotische Begegnungen“ widmet sich dem faszinierenden Dialog zwischen Gustav Klimts Werk und der antiken Kunst. In einem interdisziplinären Ansatz verschränkt die von Tobias G. Natter kuratierte Schau Archäologie und Kunstgeschichte. Ausgewählte Belege aus dem Schaffen des Jugendstilkünstlers zeigen den zentralen Wandel in seinem Antikenverständnis. Ein Herzstück der Ausstellung bildet die von den Wiener Werkstätten gestaltete, mit Zeichnungen Gustav Klimts illustrierte Neuauflage der „Hetärengespräche des Lukian“. Die Gegenüberstellung antiker Vasenmalerei zeigt überraschende Übereinstimmungen zwischen Klimts Linienkunst und den antiken Bildwelten.

Blick in die Ausstellung. Foto: Johannes Stoll. © Belvedere Wien.

Blick in die Ausstellung. Foto: Johannes Stoll. © Belvedere Wien.

Die Antike bildete für Gustav Klimt während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn eine wichtige Inspirationsquelle. Die ersten Einflüsse auf sein Schaffen sind in den Dekorationen im Wiener Burgtheater oder im Kunsthistorischen Museum zu erkennen, die reich an klassischen allegorischen Darstellungen sind. In seinem vom Historismus geprägten Frühwerk waren es motivische Details, die den Künstler interessierten. Nach 1900 ist es dann vor allem der „Geist der Antike“, den er in seine eigene Formensprache überträgt.

Gustav Klimt, Die Poesie (Detail Beethovenfries), 1901/02. © Belvedere Wien.

Gustav Klimt, Die Poesie (Detail Beethovenfries), 1901/02. © Belvedere Wien.

Die Ausstellung veranschaulicht Klimts Entwicklung zu einem freieren Umgang mit der Antike durch die Gegenüberstellung mit antiken Vorbildern, die der Künstler aus der Vasenmalerei oder den Abgüssen nach antiken Skulpturen bezog. Ein prominentes Beispiel für die freiere Auslegung der Antike in Klimts Werk stellt auch das Beethovenfries (1902) dar, dessen Replika als Referenz in der Ausstellung gezeigt wird.

„In Klimts Oeuvre finden sich an unvermutet vielen Stellen Reminiszenzen an die Antike, die sich teilweise erst auf den zweiten Blick offenbaren. Die Ausstellung verfolgt die spannende, in der Kunstwissenschaft viel diskutierte Frage nach dem Unterschied zwischen bewusster Anleihe und unbewusster ‚Migration der Form‘. Das Dekor einer antiken Vase entpuppt sich als formverwandt zu einer Zeichnung von Klimt, und diese Entdeckung kann Funken der Erkenntnis schlagen“, so Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere.

Gustav Klimt, Sitzender weiblicher Halbakt, 1904. Leopold Museum, Wien. Reproduziert in: Die Hetärengespräche des Lukian.

Gustav Klimt, Sitzender weiblicher Halbakt, 1904. Leopold Museum, Wien. Reproduziert in: Die Hetärengespräche des Lukian.

Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet die 1907 mit Zeichnungen von Gustav Klimt illustrierte Neuauflage der „Hetärengespräche des Lukian“. Der Originaltext des außergewöhnlichen Erotikons, dessen Bedeutungsebenen und Referenzen vielschichtig und zeitlos sind, stammt vom spätantiken Autor Lukian von Samosata (um 120-185 n. Chr.). In 15 Dialogen unterhalten sich Hetären über alltägliche Sorgen und Nöte ihrer Existenz als Gunstgewerblerinnen, deren sozialer Status weit über dem von gewöhnlichen Prostituierten lag.

Die Übertragung des Textes für die Neuauflage 1907 fertigte der Wiener Schriftsteller Franz Blei an. Verlegt wurde das mit 15 freizügigen Zeichnungen Gustav Klimts illustrierte Buch von Julius Zeitler, der wiederum Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätten mit der äußeren Gestaltung beauftragte.

In der Orangerie werden insgesamt 13 Luxuseditionen des Erotikons zu sehen sein, das zu den schönsten Büchern des europäischen Jugendstils zählt.

Das Buch entstand zu einer Zeit, als sich Gustav Klimt vom gefeierten Shootingstar der Belle Epoque zum Bannerträger der Moderne profilierte. Klimt strebte damals danach, sich von der Zensur durch diverse Auftraggeber zu befreien – die Illustration des Erotikons war ein erstes Going Public seiner erotischen Papierarbeiten, das aufgrund des Ausreizens gesellschaftlicher Normen von manchen als sittliche Grenzüberschreitung empfunden wurde.

Einige der Exemplare gelangten in den Besitz prominenter Persönlichkeiten, wie Koloman Moser, Herrmann Bahr, Karl Ernst Osthaus und Berta Zuckerkandl. Co-Kuratorin Stephanie Auer geht in ihrem Essay ausführlich auf die berühmten Erstbesitzer_innen des Buches ein.

Attisch-rotfigurige Schale des Tarquinia-Malers, um 470-460 v. Chr. Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig, © Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig.

Attisch-rotfigurige Schale des Tarquinia-Malers, um 470-460 v. Chr. Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig, © Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig.

In der Ausstellung werden den 15 Dialogen ausgewählte Beispiele der attischen rotfigurigen Vasenmalerei gegenübergestellt, die jene Bildthemen aufgreifen, die der antike Autor Lukian  in den „Hetärengesprächen“ anspricht. Trotz der zeitlichen Distanz von mehr als zwei Jahrtausenden offenbaren sich im Zusammenspiel der antiken Vasenmalerei und Klimts Linienkunst überraschende Übereinstimmungen, die neue Sichtweisen auf das Antikenverständnis des Künstlers zeigen. Dazu der Ausstellungskurator Tobias G. Natter: „Die Ausstellung fasziniert durch die vielen Facetten von Klimt und seiner Motivsuche. Vor allem aber spricht die Zusammenschau, die es so noch nie gab, vom ewigen Frühling der antiken Kunst.“

Die 82 Werke umfassende Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum, Wien.

Mehr Informationen erhalten Sie auf der Webseite des Belvedere.

Und viel Wissenswertes über den Künstler finden Sie auch auf der Seite des Gustav Klimt Vereins.

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