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Ainos – Eine Handelsstadt in Thrakien

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mit freundlicher Genehmigung von Dr. Hans Voegtli / ACAMA

AINOS. Tetradrachmon, 460-440. Kopf des Hermes mit nietenbesetztem Petasos n. r. Rv. AINI Ziegenbock n. r. stehend, vor ihm Amphora; alles in Quadratum incusum. 16,30 g. May 41, 32 (Av. stgl.).

Ainos, das heutige Enez im europäischen Teil der Türkei, besaß in der Antike keinerlei bedeutende Bodenschätze. Soweit wir wissen gab es auch keine nennenswerte Industrie, und trotzdem erreichte die Stadt im 5. Jahrhundert v. Chr. einen Wohlstand, der seinesgleichen in der antiken Welt suchte. Schuld daran war ihre verkehrspolitisch hervorragende Lage. Ainos besaß einen leicht zugänglichen, geschützten Hafen und lag am Fluß Hebros, der in der Antike schiffbar war. Im Hinterland der Stadt gab es fruchtbare Felder, berühmt für die Schnelligkeit, mit der die Saat reifte und die Schwere der Kornähren. Diese Ebenen wurden erschlossen durch eben den Hebros, auf dem das geerntete Korn mit dem Schiff nach Ainos transportiert werden konnten, von wo aus man es weiterverhandelte und in alle Welt verschickte. Auf umgekehrten Weg kamen die begehrten griechischen Luxusartikel zu den thrakischen Stämmen, die sie mit ihrem Korn und ihrem Silber bezahlten.

In der Schlacht von Salamis kämpften Schiffe aus Ainos auf Seiten der Perser.

Kein Wunder, daß die Perser bei ihrem Zug gegen Griechenland dieses fruchtbare Gebiet unter ihre Herrschaft stellen wollten. Sie gründeten im Jahre 512 das Kastell Doriskos. Es lag in der unmittelbaren Nähe von Ainos, ein wenig landeinwärts an einer Furt des Hebros, von wo aus die Perser den Handel zwischen der Ägäis und
Thrakien kontrollieren konnten. Die Besatzung von Doriskos sollte die persische Herrschaft in diesem Gebiet sichern. Auch Ainos war tributpflichtig und mußte im Krieg gegen Athen Schiffe stellen, die im Verlauf der Seeschlacht von Salamis zum Einsatz kamen. Doch langsam schwand der Einfluß der Perser in Thrakien. 478
wurde das Ainos benachbarte Sestos von den Athenern eingenommen, 477/6 Pausanias aus Byzantion vertrieben. Doch immer noch blieb die Festung Doriskos und bewachte die Umgebung. Man hat den Beginn der Münzprägung von Ainos mit dem Abschütteln des persischen Jochs in Verbindung bringen wollen. Doch wir

haben keine Informationen, wann genau der Übertritt der Stadt Ainos auf die Seite von Athen erfolgte. May glaubt, daß er gleich nach dem Fall der Stadt Byzantion erfolgte. Befreit vom persischen Joch sollen die Handelsströme Thrakiens wie von selbst in Ainos zusammengeflossen sein, und die nun frei und reich gewordene Stadt habe diesen Reichtum genutzt, um Münzen zu prägen. Doch erst für das Jahr 454/3 haben wir sichere Nachricht, daß Ainos zum attischen Seebund gehörte. Außerdem gibt es ein paar merkwürdige Hinweise, die die bisher akzeptierte Theorie von May in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Unser Stück, das in der ersten Phase der Münzprägung von Ainos entstanden ist und damit zu den ältesten Münzen der Stadt gehört, wiegt 16,30 g. Damit entspricht sein Gewicht – genau wie das der übrigen frühen Tetradrachmen – nicht dem Gewichtsstandard der Athenischen Tetradrachme. Es ist um einiges leichter. Man kann dagegen sein Gewicht völlig zwanglos mit dem persischen Münzfuß von 5.50 – 5.40 g. für einen Siglos in Verbindung bringen: Eine Tetradrachme von Ainos entsprach drei Sigloi. So orientierte sich Ainos also in seinem Münzwesen nach Persien. Vielleicht entsprach das auch der politischen Realität. Der Beginn einer eigenen Münzprägung mußte nämlich nicht das Ende der persischen Oberhoheit bedeuten.

Der Vergleich mit anderen Städten im Reich der Achämeniden lehrt uns, daß die Perser niemanden zwangen, die eigene Münzprägung einzustellen. Im Gegenteil, nie wurden so viele und so unterschiedliche Prägungen in Kleinasien herausgegeben wie zur Zeit der persischen „Unterdrückung“. Natürlich verlangten auch die Perser Tribut von ihren Untergebenen, ob er aber genauso hoch war wie die 12 Talente, die Ainos im Jahre 454/3 an Athen zu zahlen hatte, muß dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall war das persische Joch wohl um einiges leichter als das des griechischen Brudervolkes. Man muß es immer wieder betonen: Es war nicht den Persern, sondern der griechischen Stadt Athen vorbehalten, als erste zu versuchen, ihre Verbündeten zu zwingen, die eigene Währung aufzugeben und nur noch mit den Münzen der herrschenden Stadt zu zahlen. Dies sollte uns vielleicht veranlassen, zu zweifeln, ob wir die Propaganda von Athen als Hort der Freiheit und der Demokratie immer noch glauben sollen.

  • I. Carradice, Coinage and Administration in the Athenian and Persian Empires, BAR 343 (1987).
  • J. M. F. May, Ainos. Its history and coinage 474-341 B.C., London, 1950.
  • L. Mildenberg, Über das Münzwesen im Reich der Achämeniden, AMI 26 (1993) 55-79 oder Vestigia Leonis (1998) 3-30.
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