Das Ende eines Traditionsunternehmens: Faude & Huguenin ist bankrott

Mit ihnen fing alles an: Die Brüder Fritz und Albert Huguenin.
[bsa_pro_ad_space id=4]

Fast unbemerkt endete 2022 ein mehr als 150 Jahre langes Kapitel der Numismatik: Faude & Huguenin ist pleite. Schuld am Ende des bedeutendsten Schweizer Medaillenherstellers war wohl nicht nur Covid, sondern auch die kriminelle Energie von führenden Mitarbeitern.

Huguenin Frères – von Uhren zum bedeutenden Medaillenproduzenten

Am Anfang der Erfolgsgeschichte standen keine Münzen, sondern Uhren. 1868 gründeten die Brüder Fritz und Albert Huguenin in Le Locle im Kanton Neuchâtel ein Unternehmen, das sich auf die Herstellung von Uhrengehäusen spezialisierte und bald bedeutende Uhren-Hersteller auf der ganzen Welt versorgte. Als die Nachfrage in den späten 1880er Jahren zurückging, stellten sie die Produktion nach und nach auf das Prägen von Medaillen um – mit großem Erfolg.

In einer Zeit, in der Länder, Städte, Vereine und Privatpersonen mit Begeisterung Medaillen auf jeden Anlass prägen ließen, entwickelte sich Huguenin zum führenden Produzenten in der Schweiz und konnte sich auch international viele Aufträge sichern. Was in einer kleinen Manufaktur begonnen hatte, wuchs dermaßen an, dass man 1899 eine eigene Fabrik eröffnen konnte. 1910 hatte die Firma mehr als 300 Mitarbeiter.

In dieser Zeit war Huguenin Frères eine der weltweit bedeutendsten Adressen für die Produktion von Medaillen und auch Münzen. So entstand damals in Le Locle beispielsweise ein guter Teil aller Schweizer Medaillen, darunter die beliebten Schützenmedaillen, außerdem Hunderttausende Orden und Ehrenzeichen für Serbien sowie Umlaufmünzen für Polen, Lettland, Rumänien, Bolivien und Ecuador.

Während des Sammlerbooms in den 1970er und 1980er Jahren machte Huguenin Frères erneut von sich reden und produzierte im großen Stil Medaillen und Non Circulating Legal Tender (falls Ihnen NCLT nichts sagt, erhellt Sie dieser Artikel) für Sammler. Immer wieder bewies das Unternehmen dabei Einfallsreichtum. Ein Beispiel: Wussten Sie, dass die erste Farbmünze der Welt, die 1992 im Namen Palaus herausgegeben wurde, in Le Locle produziert wurde?

Die Medaillen der Alpinen Skiweltmeisterschaften wurden seit 1952 von Huguenin hergestellt.

Ein weiteres wichtiges Standbein der Firma waren zudem die Sportmedaillen. Seit 1952 stellte Huguenin bis zuletzt die schneeflockenförmigen Siegermedaillen für die Ski-Weltmeisterschaft her. Auch die FIFA, die UEFA und das Olympische Komitee gehörten zu den Stammkunden der Firma.

Niedergang

Dennoch geriet Huguenin in den 1990ern in eine Schieflage. Auf dem Markt für moderne Münzen herrschte Flaute, billigere Konkurrenz aus Übersee machte europäischen Herstellern zu schaffen. Nach einer Fusion mit dem Medaillenhersteller Paul Kramer aus Neuchatel 1999 wurde Huguenin 2002 von der Faude Medaillen AG erworben. Das Unternehmen aus Gippingen im Kanton Aargau, gegründet 1963, war bereits Marktführer für Medaillen, Plaketten und Pins für Sportereignisse, die mit einem Reliefätzverfahren günstig hergestellt werden konnten.

Die neue Faude & Huguenin SA hatte aber weiterhin mit Problemen zu kämpfen. Ab 2006 wurde ein Teil der Produktion nach Jaipur in Indien ausgelagert, nur besonders hochwertige Medaillen sollten weiterhin in Le Locle produziert werden. An diesem Produktionsstandort häuften sich in den letzten Jahren weitere Probleme: veraltete Geräte, fehlender Nachwuchs, verlorenes Know-How – keine guten Grundvoraussetzungen, um durch die Corona-Krise zu kommen. Es ist leicht nachvollziehbar, dass der Wegfall von großen Sportevents auf der ganzen Welt ein gewaltiges Problem für einen führenden Produzenten von Sportmedaillen darstellte. Steigende Material- und Energiekosten waren weitere schwerwiegende Faktoren für das Unternehmen.

Ein Ende mit Schrecken

Ob die angeschlagene Firma, die zuletzt nur noch um die 12 Mitarbeiter beschäftigte, also überhaupt durch die momentanen Krisen gekommen wäre, lässt sich schwer sagen. Dass Faude & Huguenin nun Mitte November 2022 Konkurs anmelden musste, hatte jedenfalls erst einmal einen anderen Grund. Der letzte Sargnagel war hausgemacht: Wie die Neue Zürcher Zeitung am 12.12.2022 berichtete, sollen drei führende Angestellte Einnahmen unterschlagen haben. An der Besitzerfamilie vorbei sollen unter anderem der CEO und der Finanzchef des Unternehmens Ende 2019 ein Konto eröffnet haben. Die Kunden zahlten statt auf das Firmenkonto auf dieses neue Konto, von dem die Täter das Geld auf ihre Privatkonten überwiesen. Mindestens 450.000 Franken Einnahmen seien dem Unternehmen dadurch verloren gegangen, das sollen die Verdächtigen bereits gestanden haben. Die Besitzerfamilie geht sogar von mindestens 1,8 Millionen Franken aus, die der Firma durch dieses Vorgehen an Einnahmen fehlten.

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, gegen die drei Mitarbeiter wurde Anzeige wegen des Verdachts des Betrugs und der ungetreuen Geschäftsbesorgung erhoben. Wie der Fall auch ausgehen wird, für das nun insolvente Traditionsunternehmen kommt wohl jede Rettung zu spät.

 

Hier kommen Sie zu dem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung.