Das Haus Hohenems und seine Bischöfe

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2. Wolf Dietrich von Raitenau

Im Jahr 1558 heiratete Helena, die Schwester des Kardinals und Bischofs von Konstanz Marcus Sitticus von Hohenems, den Hans Werner III. von Raitenau. Sie gebar ihm am 26. März 1559 auf Schloß Hofen bei Bregenz einen Sohn. Der wurde auf den Namen Wolf Dietrich getauft und für eine Karriere in der katholischen Kirche bestimmt.

Wolf Dietrich von Raitenau, Porträt von Kaspar Memberger (ca. 1555-1618)

Die Aussichten des kleinen Wolf Dietrich waren dafür nämlich denkbar günstig. Schließlich war er über seine Mutter der Neffe eines einflußreichen Kardinals. Darüber hinaus konnte er einen (zukünftigen) Heiligen in seiner Verwandtschaft aufweisen. Karl Borromäus, der im Sinne der Gegenreformation vorbildliche Bischof von Mailand, war der Bruder der Schwägerin von Wolf Dietrichs Mutter Helena.

Eine kirchliche Karriere
Eigentlich wollte klein Wolf Dietrich wie sein Onkel und sein Vater vor ihm Condottiere werden. Aber diesen Jugendtraum mußte er begraben. Statt des Waffenhandwerks lernte der Bub das, was ein Bischof so brauchen mochte. War sein Onkel Marcus Sitticus bei seinem Amtsantritt als Bischof von Konstanz völlig unvorbereitet auf die geistigen Pflichten des Amtes gewesen, so wurde Wolf Dietrich mehr als gründlich ausgebildet. Nachdem er bereits im Alter von 12 Jahren seine erste Pfründe, also sein erstes Einkommen aus einer kirchlichen Erwerbsquelle, zugesprochen bekommen hatte – wie gut war es doch, einen einflußreichen Verwandten im Kardinalskollegium sitzen zu haben, ging der 15jährige nach Rom. 5 Jahre studierte er am Collegium Germanicum, damals der renommiertesten Ausbildungsstätte für katholische Priester.
Wolf Dietrich muß ein begabter und überzeugender Kleriker gewesen sein, dem ein Domkapitel durchaus die erfolgreiche Führung einer Diözese zutrauen mochte. Außerdem war er weder mit dem bayerischen noch mit dem habsburgischen Hof enger verwandt, so daß Salzburg, dessen Territorium zwischen diesen Großmächten eingeklemmt war, keine Angst zu haben brauchte vor dem begehrlichen Griff seiner mächtigeren Nachbarn. Und so wählte ihn das Salzburger Domkapitel am 2. März 1587 zum neuen Bischof, nicht ohne sich von ihm vertraglich so viele Rechte wie möglich zusichern zu lassen.
Marcus Sitticus der Ältere, der Onkel im Vatikan, hatte dafür höchstens im Hintergrund die Fäden gezogen. Aber er ließ seine Verbindungen spielen, als der neu gewählte Bischof den Altersdispens brauchte: Mit seinen 28 Jahren durfte er nach neuem kirchlichen Reformrecht eigentlich noch nicht ein so verantwortungsvolles Amt wie das des Bischofs bekleiden.

SALZBURG. Paris von Lodron, Fürstbischof 1619-1653. Taler 1628 auf die Weihe des neuen Doms. Hll. Rupertus und Virgil mit dem Kirchenmodell. Rv. Übertragung der Reliquien. Dav. 3499. Aus Auktion Numismatik Lanz 127 (2005), 373.

So wurde also der junge Wolf Dietrich Herr eines der größten und bedeutendsten geistlichen Fürstentümer Deutschlands – Salzburg gehörte ja bis zum Jahre 1803 zum Reich. Er war ein energischer Fürstbischof, tat all das, was man ein Jahrhundert später von einem absolutistischen Landesvater erwarten sollte. Er drängte, natürlich ohne seinen Vertrag zu beachten, die Bedeutung des Domkapitels zurück, förderte Wirtschaft, Kultur und zum Leide seiner Untertanen auch das Steuerwesen. Und baute, was das Zeug hielt. 60 Bürgerhäuser wurden abgerissen, um dem prachtvollen neuen Dom Platz zu machen, der allerdings erst unter einem seiner Nachfolger Paris von Lodron (1619-1653) eingeweiht werden sollte.

Die Münzstätte
Viel Geld war für den Bau notwendig. Die Münzen lieferte die Salzburger Münzstätte, die unter Wolf Dietrich direkt der Verwaltung des Erzbischofs unterstand. Das System der Verpachtung hatte man bereits unter seinem Vorgänger Johann Jakob Khuen (1560-1586) aufgegeben.
Der Ort, wo die Münzen geprägt wurden, wechselte unter Wolf Dietrich. Er brauchte den Platz, an dem die Münzstätte gestanden hatte, um seine Residenz zu erweitern. Im Jahr 1605 wurde in der Getreidegasse 19 die neue Münze eröffnet. Hier wurden die Stücke weiterhin mit Amboß und Hammer geprägt. Die Walzenprägung wurde erst unter Paris von Lodron eingeführt.

SALZBURG. Wolf Dietrich von Raitenau, Fürstbischof 1587-1612. Taler o. J. Wappen Wolf Dietrichs unter Legatenhut. Rv. Thronender hl. Rupertus. Dav. 8184. Aus Auktion Numismatik Lanz 127 (2005), 272

Die unter Wolf Dietrich von Raitenau ausgebrachten Taler entsprachen mit ihrem Gewicht von ca. 28,8 g und einem Feingehalt von 894/1000 der Reichsmünzordnung von 1535. Offiziell war der Wert dieser Taler bereits im Jahr 1566 auf 68 Kreuzern festgelegt worden. Doch das hatte schon beim Regierungsantritt Wolf Dietrichs nichts mehr mit der Realität zu tun. 1587 tauschten die Geldwechsler solche Taler gegen 70 Kreuzer, 1608 hatten sie gar einen Kurswert von 84 Kreuzern erreicht.
Die Salzburger Münzstätte war effektiv, so effektiv, daß sich die bayerischen Herzöge immer wieder um Hilfe nach Salzburg wandten. 1596 zum Beispiel ließ Maximilian I. im Namen seines Vaters eine geringe Anzahl Dukaten prägen. Um ihre Feinheit festzustellen, schickte er sie nach Salzburg.
Während der innere Ausbau des Bistums Salzburg unter Wolf Dietrich große Fortschritte machte, war er hinsichtlich der Außenpolitik nicht so vom Glück begünstigt. Er sollte sich mit seinen beiden mächtigen Nachbarn in einem solchen Maß überwerfen, daß niemand bei seiner Absetzung und Gefangennahme Protest einlegte. Der so hoffnungsfrohe junge Bischof verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in strenger Haft auf der Festung Hohensalzburg.

Türkenkriege
Grund für die Auseinandersetzung mit Habsburg bildeten die Türkenkriege, und das obwohl Wolf Dietrich zu Beginn seiner Regierung den Kaiser überaus aktiv unterstützt hatte. Das osmanische Reich versuchte damals Europa zu erobern. Der gesamte Balkan war bereits besetzt, die Front hatte sich nach Ungarn verschoben, aber auch Teile von Kärnten und der Steiermark litten unter Überfällen. Dort hatte das Salzburger Bistum einigen Besitz, so daß es durchaus als Selbstschutz verstanden werden kann, daß Wolf Dietrich am 28. Oktober 1592 unter der Führung seines Onkels Jakob Hannibal I. von Hohenems 1.000 Soldaten auf seine Kosten dem Kaiser als Hilfskontingent für den Türkenkrieg schickte. Sie kehrten ein Jahr später zurück ohne auch nur an einer einzigen militärischen Aktion eingesetzt worden zu sein. Wolf Dietrich verteilte an die Beteiligten je nach Rang Goldmünzen und Taler. Und er hörte zu; seinem Onkel Jakob Hannibal und seinem Vater, der wenig später wegen der auf diesem sinnlosen Feldzug erlittenen Strapazen starb. Sie berichteten ihm unisono von der unglaublichen Desorganisation im kaiserlichen Heer.

SALZBURG. Wolf Dietrich von Raitenau, Fürstbischof 1587-1612. Doppelte Talerklippe 1593. Rupertus hält das Wappen des Fürstbischofs. Rv. RESISTIT IMMOTA (= Möge er unbewegt stehen). Turm, von den Wogen umspült, von den Winden umweht, vom Hagel getroffen. Dav. 8198. Aus Auktion Numismatik Lanz 127 (2005), 258.

Zeitgenössische Quellen bringen die Turmtaler des Jahres 1593 mit der Belohnung Wolf Dietrichs für sein Türkenheer in Verbindung.
Fortan kämpfte Wolf Dietrich gegen das Mißmanagement im Türkenkrieg. Er forderte durchaus modern ein klares Konzept, tat dies aber auf so undiplomatische Weise, daß er trotz seiner guten und patriotischen Absichten immer wieder den Kaiser verprellte. Welcher Oberkommandierende läßt sich schon gerne Unfähigkeit vorwerfen, noch dazu wenn die Vorwürfe zutreffen? Auch wenn Wolf Dietrich zumeist seine Reichspolitik unterstützte, blieb er doch für den Kaiser ein unbequemer Reichsfürst.

Bayern und Salzburg
Auch im Verhältnis zum benachbarten Bayern machte sich die wankelmütige Politik Wolf Dietrichs nachteilig für Salzburg bemerkbar. Hatte der Bischof zunächst von dem guten Verhältnis profitiert, das sein Vorgänger zum Bayernherzog hatte, wandelte sich dies schnell. Und als 1597 Maximilian I. die bayerische Alleinherrschaft übernahm, standen sich zwei sture Machtmenschen gegenüber, von denen keiner zum Nachgeben bereit war. Den ersten wirklich großen Konflikt gab es im Jahr 1608, als sich Wolf Dietrich weigerte, der von Maximilian initiierten und geführten katholischen Liga beizutreten. Zum Kampf kam es aber wegen wirtschaftlicher Belange.

SALZBURG. Wolf Dietrich von Raitenau, Fürstbischof 1587-1612. Achteltaler (= halber Ortstaler) o. J. Stifts- und Familienschild unter Legatenhut. Rv. Thronender hl. Rupertus. Probszt 852. Aus Auktion Numismatik Lanz 127 (2005), 289.

Auch wenn wir Darstellungen des hl. Rupert bereits aus dem 12. Jahrhundert kennen: Sein charakteristisches „Salzfaß“, das Attribut, an dem man den hl. Rupertus identifizieren kann, erhielt der Patron Salzburgs zusammen mit der Bischofskleidung erst auf Darstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts.
Salzburg lebte – wie der Name schon sagt – hauptsächlich von seinen Einkünften aus den Salzbergwerken. Dies tat auch der bayerische Herzog. Die großen Salzproduktionsstätten Reichenhall, Hallein, Berchtesgaden waren auf beide Länder verteilt. Salzburg war allerdings insofern im Nachteil, als es für den Weitertransport des hoch begehrten Gutes auf die bayerischen Flüsse angewiesen war, da Österreich seit 1566 die Durchfuhr des Salzburger Salzes völlig verboten hatte. Wolf Dietrich und Maximilian schlossen also im Jahr 1594 einen Vertrag, in dem Bayern die Vermarktung des Salzes übernahm, dafür ihm aber beim Salzpreis ein Mitspracherecht eingeräumt wurde. Der Vertrag legte fest, wie viel Salz Bayern täglich abzunehmen hatte. Doch das konnte bald nicht mehr gewinnbringend verkauft werden, da Österreich auf den Hauptabnehmer Böhmen politischen Druck ausübte, das bayerische Salz nicht zu kaufen. Maximilian geriet also hinsichtlich des Absatzes unter Druck. Der Vertrag band ihn eigentlich, so daß er die finanziellen Einbußen hätte auffangen müssen. Doch dazu war der Bayernherzog nicht bereit. Zu sehr kämpfte er darum, die durch seinen Vorgänger zerrütteten Finanzen Bayerns zu sanieren. Deshalb versuchte Maximilian, den Vertrag durch viele kleine Vertragsbrüche auszuhöhlen.
Sicher hätte man zu diesem Zeitpunkt noch verhandeln können. Aber Wolf Dietrich war nicht der Mann dazu. Er ließ in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1611 das Städtchen Berchtesgaden besetzen. Doch damit hatte sich der Bischof übernommen. Er verfügte über 13.000 Mann. Denen konnte Maximilian von Bayern 24.000 Soldaten entgegen stellen. Damit war die Sache entschieden. Am 22. Oktober 1611 marschierten die Bayern im Bistum Salzburg ein. Wolf Dietrich floh und Maximilian eroberte drei Tage später die Stadt. Wiederum zwei Tage später hatten die bayerischen Truppen den flüchtigen Bischof eingeholt. Obwohl Wolf Dietrich sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf habsburgischem Gebiet befand, und damit das bayerische Heer ihn gar nicht mehr hätte festnehmen dürfen, unternahm der Kaiser nichts gegen seine Gefangennahme. Zu oft hatte ihn der Salzburger Bischof verärgert.
Doch nun stellte sich ein Problem: Wessen Gefangener war Wolf Dietrich eigentlich? Das Domkapitel, das sich schnell mit dem Sieger arrangiert hatte, schickte eine Gesandtschaft an den Papst, und der übernahm 1612 Wolf Dietrich offiziell als seinen päpstlichen Gefangenen. Die Zeit der Abrechnung war gekommen. Kaiser, Maximilian und Domkapitel, sie warfen dem Wehrlosen jeden einzelnen seiner politischen Fehlgriffe vor. Doch Wolf Dietrich von Raitenau verhandelte bis zuletzt. Es gelang ihm seine Familie, ja, in dieser Zeit konnten Fürstbischöfe eine Familie haben, finanziell abzusichern. Dafür verzichtete er am 7. März 1612 auf sein Amt. Bis zu seinem Tode im Jahr 1617 blieb der ehemalige Erzbischof in strenger Haft auf der Festung Hohensalzburg eingekerkert.
Ach ja, ein kleiner Nachtrag zum Thema Wolf Dietrich und Familie. Führende kirchliche Kreise erwarteten damals, Ende des 16. Jahrhunderts, die Aufhebung des Eheverbots für katholische Geistliche, um der protestantischen Bewegung ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen. So sah Wolf Dietrich keine besonders große Sünde darin, die Salzburger Ratsherrntochter Salome Alt in sein Haus zu nehmen, und mit ihr in einer Art Ehe zu leben. 15 Kinder gebar ihm seine treue Lebensgefährtin. Salome Alt, die 1609 von Kaiser Rudolf II. in den Reichsadelsstand erhoben worden war, überlebte ihren „Mann“. Sie starb im Juni 1633 im Exil, in der oberösterreichischen Stadt Wels.

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