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Das Paradox des Thukydides. Was uns die Antike über Covid-19 lehrt

Die Attische Seuche (hier dargestellt in einem Gemälde von Michiel Sweerts, um 1653) war für die antiken Athener das, was Covid-19 heute für uns ist.
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Thukydides von Athen, der Autor des „Peloponnesischen Krieges“, wäre entzückt. Sein Werk wird noch immer von all jenen gelesen, die versuchen, unsere heutige Welt besser zu verstehen. Während des Kalten Krieges studierte man seine Schriften, um die bipolare Weltordnung zu ergründen und vor allem um den Ausgang des Konflikts zwischen den USA und der UdSSR vorauszusagen. Die Sowjetunion war ein totalitäres und kontinentales Reich – und somit Thukydides’ Sparta nicht unähnlich – im Spannungsverhältnis mit einem demokratischen Staat, der weitgehend von seinen mobilen Streitkräften und seiner mächtigen Marine abhing. Genau wie Athen 2.400 Jahre zuvor. In den letzten Jahren ist die „Thukydides-Falle“ zur Modeerscheinung in der außenpolitischen Diskussion geworden. Diese Theorie basiert auf Thukydides’ Aussagen zum Ursprung des Konfliktes zwischen Athen und Sparta und behauptet, dass die Konfrontation einer aufstrebenden Supermacht mit einem alten Reich unweigerlich im Krieg enden muss. Interessanterweise stellt die USA heutzutage Sparta dar und China repräsentiert Athen. In diesem Sinne beschwören einige Politikwissenschaftler den unvermeidlichen Niedergang Amerikas. Sie scheinen dabei zu vergessen, dass die aufstrebende Macht den Peloponnesischen Krieg verloren hat.

Thukydides hat uns noch immer viel zu sagen und kann dabei helfen, die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Das ist einer der Gründe, warum eine Statue des griechischen Schriftstellers der Antike vor dem Österreichischen Parlament in Wien aufgestellt wurde. Foto: Marco Woschitz.

Die Attische Seuche

Aber Thukydides kann uns auch einiges über die momentane Pandemie beibringen. Der erste medizinische Bericht einer Epidemie findet sich im Peloponnesischen Krieg (nach der Übersetzung von G. P. Landmann):

„Sie (die Pest) begann zuerst, so heißt es, in Äthiopien oberhalb Ägyptens und stieg dann nieder nach Ägypten, Libyen und in weite Teile von des Großkönigs Land. In die Stadt Athen brach sie plötzlich ein und ergriff zuerst die Menschen im Piräus […] Später gelangte sie auch in die obere Stadt, und da starben die Menschen nun erst recht dahin. Mag nun jeder darüber sagen, Arzt oder Laie, was seiner Meinung nach wahrscheinlich der Ursprung davon war und welchen Ursachen er eine Wirkung bis in solche Tiefe zutraut; ich will nur schildern, wie es war; nur die Merkmale, an denen man sie am ehesten wiedererkennen könnte, um dann Bescheid zu wissen, wenn sie je noch einmal hereinbrechen sollte, die will ich darstellen, der ich selbst krank war und selbst andere leiden sah. […] Gesunde Menschen befiel ohne irgendeinen Grund plötzlich aus heiler Haut zuerst eine starke Hitze im Kopf und Rötung und Entzündung der Augen, und innen war sogleich alles, Schlund und Zunge, blutig rot, und der Atem, der herauskam, war sonderbar und übelriechend. Dann entwickelte sich daraus ein Niesen und Heiserkeit, und ziemlich rasch stieg danach das Leiden in die Brust nieder mit starkem Husten. Wenn es sich sodann auf den Magen warf, drehte es ihn um, und es folgten Entleerungen der Galle auf all die Arten, für die die Ärzte Namen haben, und zwar unter großen Qualen. […] Die einen starben, wenn man sie liegen ließ, die andern auch bei der besten Pflege. Und ein sicheres Heilmittel wurde eigentlich nicht gefunden, das man zur Hilfe hätte anwenden müssen – was dem einen genützt hatte, das schadete einem andern. […] Übel war, dass sie bei der Pflege einer am andern sich ansteckten und wie die Schafe hinsanken; daher kam hauptsächlich das große Sterben. Wenn sie nämlich in der Angst einander mieden, so verdarben sie in der Einsamkeit. […] Gingen sie aber hin, so holten sie sich den Tod, grad die, die Charakter zeigen wollten – sie hätten sich geschämt, sich zu schonen, und besuchten ihre Freunde; wurden doch schließlich sogar die Verwandten stumpf gegen den Jammer der Verscheidenden, vor der Übergewalt des Leides.“

Die Akropolis in Athen war Wahrzeichen und zugleich Machtsymbol der Stadt. Trotzdem ereilte die Athener das Schicksal einer Epidemie und zahlreiche Menschen verloren ihr Leben. Foto: Alexander Hood auf Pixabay.

Die gesellschaftlichen und moralischen Folgen der Seuche

Thukydides hatte allerdings ein größeres Interesse an den gesellschaftlichen und moralischen Folgen der Seuche als an ihrer medizinischen Beschreibung. Er konzentrierte sich auf den Zerfall sozialer Bindungen, den schwindenden Glauben an die Gesellschaft und den Staat, an die Menschheit und die Götter.

„Denn die Menschen, völlig überwältigt vom Leid und ratlos, was aus ihnen werden sollte, wurden gleichgültig gegen Heiliges und Erlaubtes ohne Unterschied. Alle Bräuche verwirrten sich, die sie sonst bei der Bestattung beobachteten; jeder begrub, wie er konnte. Viele vergaßen alle Scham bei der Beisetzung, aus Mangel am Nötigsten, nachdem ihnen schon so viele vorher gestorben waren: die legten ihren Leichnam auf einen fremden Scheiterhaufen und zündeten ihn schnell an, bevor die wiederkamen, die ihn geschichtet, andre warfen auf eine schon brennende Leiche die, die sie brachten, oben darüber und gingen wieder. Überhaupt kam in die Stadt die Sittenlosigkeit erst mit dieser Seuche richtig auf. Denn mancher wagte jetzt leichter seinem Gelüst zu folgen, das er bisher unterdrückte, da man in so enger Kehr die Reichen, plötzlich Sterbenden, tauschen sah mit den früher Besitzlosen, die miteins deren Gut zu eigen hatten, so dass sie sich im Recht fühlten, rasch jedem Genuss zu frönen und zu schwelgen, da Leib und Geld ja gleicherweise nur für den einen Tag seien. […] Da war keine Schranke mehr, keine Götterfurcht, nicht Menschengesetz; für jenes kamen sie zum Schluss, es sei gleich, fromm zu sein oder nicht, nachdem sie alle ohne Unterschied hinsterben sahen, und für seine Vergehen gedachte keiner den Prozess noch zu erleben und die entsprechende Strafe zu zahlen; viel schwerer hänge die über ihnen, zu der sie bereits verurteilt seien, und bevor die auf sie niederfalle, sei es nur recht, vom Leben noch etwas zu genießen.“

Folgt man dem Gedankengang von Thukydides’ Beschreibung, so besteht die größte Herausforderung einer Pandemie nicht darin, die Körper der mit dem Virus Infizierten zu heilen, sondern darin, die Gesellschaft zu verteidigen und wieder aufzubauen. Besonders wichtig ist dabei die Aufrechterhaltung und die Wiederherstellung des Wertesystems, das für das Funktionieren menschlicher Gemeinschaften unabdingbar ist. Wir sprechen hier von den Werten, die die Bedürfnisse, Rechte und Interessen von Individuen in angemessener Weise schützen, ohne dabei die Sicherheit Dritter zu gefährden oder den Staat zu untergraben.

Büste des Perikles mit korinthischem Helm. Marmor, römische Imitation nach griechischem Original. Foto: Jastrow.

Die Perikles-Falle

Thukydides beschreibt die Seuche unmittelbar nach einer weiteren bemerkenswerten Episode seiner Erzählung. Während der öffentlichen Beisetzung von Soldaten, die in den ersten Feldzügen des Peloponnesischen Krieges gefallen waren, wurde die Grabrede von Perikles gehalten, dem wichtigsten Kopf der Attischen Demokratie. Wir wissen nicht, was er damals tatsächlich gesagt hat. Thukydides behauptet, er habe mit der traditionellen Lobrede auf die Gefallenen gebrochen und sie durch eine Hommage an die Attische Demokratie ersetzt. Die Rede ist ein Paradebeispiel, das demokratische und liberale Denker seit dem späten 18. Jahrhundert immer wieder inspirierte. Kurz gesagt, sie schafft ein perfektes Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen des Staates auf der einen und den Bestrebungen und Freiheiten des Einzelnen auf der anderen Seite.

Die Rede des Perikles ist elegant, aber gleichzeitig ein rhetorisches Meisterstück, das überzeugen will. Der Punkt ist allerdings, dass dieses von ihm gezeichnete Idealbild nicht der Seuche standhielt, die unmittelbar danach ausbrach. Die Beschreibung der Seuche ist eine fast apokalyptische Darstellung des plötzlichen Verfalls der Gesellschaft und der Moral der einzelnen Bürger. Unter dem Druck beispielloser Katastrophen wichen Gottesfurcht und Menschengesetz der egoistischen und brutalen menschlichen Natur. Dieser Gegensatz zwischen dem noblen Ideal der Attischen Demokratie und dem plötzlichen Niedergang all seiner Werte trägt zu einer umfassenderen Lehre bei, die Thukydides seinen Lesern vermitteln wollte.

Die Leichenrede des Perikles in einer mittelalterlichen Handschrift des Geschichtswerks „Der Peloponnesische Krieg“ von Thukydides (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cod. graec. 430, fol. 53v.).

Die heutigen Leser des Thukydides nehmen es als selbstverständlich hin, dass die Seuche in seinem Leben und seinem Werk eine entscheidende Rolle gespielt haben muss. Er selbst überlebte die Krankheit und die Beschreibung der Seuche stellt einen entscheidenden Teil seiner Erzählungen dar. Das muss in Bezug auf sein Leben und seine bitteren Erfahrungen mit der Geschichte genauso gewesen sein. Mit der Attischen Seuche fand die alte, relativ vorhersehbare Welt ein jähes Ende. Athens Bevölkerung wurde dezimiert und seine Position gegen Sparta grundlegend geschwächt. Zwar konnten die Athener dank ihrer unerbittlichen Energie mehr als zwanzig Jahre lang erfolgreich weiter für ihr Reich kämpfen, schließlich wurde es aber doch zerschlagen.

Doch für Thukydides ging es um mehr als die rein strategischen Folgen der Pandemie. Bald nach seinem Bericht über die Pest erwähnt er den Tod eines ihrer berühmtesten Opfer, nämlich des Perikles. Bei dieser Gelegenheit lobt Thukydides in den höchsten Tönen dessen strategisches Genie und beispielloses politisches Talent. In den Augen des Historikers war Perikles der denkbar beste Anführer der Attischen Demokratie. Außerdem sei er in der Lage gewesen, bedeutende historische Entwicklungen vorauszusehen. Deshalb sei Perikles entschlossen gewesen, den Krieg mit Sparta zu provozieren, als er klar absehen konnte, dass dieser unvermeidlich sein würde.

Auf den ersten Blick kommt die Lobrede auf Perikles wie die Beschreibung eines idealen Staatsmannes daher. Dennoch verliert sie in der Zusammenschau von Thukydides’ Erzählung an Wirkung. Denn hier hat der Leser zum ersten Mal die Chance, zu verstehen, dass der schlussendliche Niedergang Athens auf die politischen (Fehl-)Berechnungen des Mannes zurückzuführen ist, der bislang als scharfsinnigster Politiker Griechenlands gegolten hatte. Perikles’ ausgeklügelter Kriegsplan bestand darin, Athen zu Land zu verteidigen und den Feind zugleich ohne Unterlass zur See in der militärischen Paradedisziplin Athens zu attackieren. Allerdings verfügten seine politischen Erben nicht über seine politischen Fähigkeiten und beherrschten die Herzen und Köpfe der Attischen Bürger nicht so, wie es für eine Umsetzung des Plans nötig gewesen wäre. Ohne Perikles war Athen dem Untergang geweiht.

Wie der Staat mit unseren persönlichen Daten umgehen wird, ist nur einer der vielen Aspekte, die wir nach Covid-19 aufmerksam beobachten müssen. Bild: Gerd Altmann auf Pixabay.

Thukydides in Zeiten der Seuche

Also, was kann uns Thukydides in Zeiten der Seuche lehren? Wir alle sind in diesen Tagen wohl überwältigt von der erschütternden Beschreibung des Zusammenpralls von demokratischem Ideal und dem durch das Virus ausgelösten gesellschaftlichen Ruin. Wichtiger ist jedoch, dass Thukydides’ Darstellung der Pandemie und ihrer gesellschaftlichen Folgen es uns ermöglichen sollte, die dringendsten „nicht-medizinischen“ Herausforderungen und Aufgaben vorauszusehen, die der Staat und wir alle in Zeiten der Pandemie und nach ihrem Ende angehen müssen. Doch die wichtigste Lektion des „Peloponnesischen Krieges“ richtet sich, wie der Autor es im Vorwort seines Buches selbst sagt, an verantwortungsbewusste Politiker und vernünftige Bürger der Zukunft. Das sind wir. Jetzt.

Vor einem Monat feierte ich mit einer Gruppe von Freunden den Geburtstag eines der scharfsinnigsten Politologen meines Landes. Bei dieser Gelegenheit präsentierte er eine extrem überzeugende, aber doch angemessen vorsichtige Analyse möglicher Szenarien für unser deformiertes politisches Leben in den zukünftigen Monaten. All diese Szenarien, genau wie jene, die von einer Vielzahl weniger kluger Politologen erdachten worden waren, wurden im Laufe eines einzigen Monats durch, wie Thukydides es vermutlich sagen würde, „das unberechenbare Element“ („ho paralogos“ auf Griechisch) über den Haufen geworfen. Ich spreche hier nicht von reinem Zufall. Weit gefehlt. Zu diesem Zeitpunkt war das Virus bereits in China und darüber hinaus weit verbreitet. Wir waren uns der tödlichen Gefahr für unsere Welt nicht bewusst, obwohl wir alle Daten hatten, die wir brauchten. Aber wir hatten keine Chance, die Ausbreitung und die verheerenden Folgen des Virus vorherzusehen.

Anscheinend passt Thukydides perfekt in unsere Zeit. Es gibt so viele Faktoren um uns herum, die nicht nur dafür sorgen, dass unsere Zukunft unvorhersehbar wird. Aufgrund der Gefahren, die sich am Horizont abzeichnen, machen sie unsere gemeinsamen und individuellen Entscheidungen zunehmend unumkehrbar und endgültig. Es genügt, die drohende Umweltkatastrophe zu erwähnen, die über uns schwebt. Die wahre „Thukydides-Falle“ besteht vermutlich darin, dass wir heute in unserem politischen Leben davon ausgehen müssen, dass wir die Zukunft dank unseres menschlichen Einfallsreichtums zwar noch verändern können, aber gleichzeitig bedenken müssen, wie viele Phänomene um uns herum sich unserem Urteil entziehen. Die Zeit schreit nach mutigen und radikalen Lösungen, aber jede einzelne davon kann, wenn sie im falschen Moment oder aufgrund falscher Voraussetzungen umgesetzt wird, unsere derzeitige Situation unwiderruflich verschlechtern. Wenn dieses enorme Spannungsfeld uns allen bewusst wird, dann hat Thukydides sein Ziel erreicht. Es bleibt nur noch die Frage, ob Perikles immer zum Scheitern verurteilt ist.

Marek Węcowski

Marek Węcowski (MA Warschau; Ph.D. mit Auszeichnung, Paris, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales) lehrt antike Geschichte an der Universität Warschau. Er war Junior Fellow am Zentrum für Hellenische Studien in Harvard und Fulbright Visiting Fellow an der Princeton University. Seine Publikationsliste umfasst „The Rise of the Greek Aristocratic Banquet“ (Oxford University Press, 2014). Die englische Übersetzung seines neusten Buchs über das Attische Scherbengericht (Warschau, 2018) ist in Vorbereitung.

 

Eine Polnische Version dieses Beitrags wurde in der „Gazeta Wyborcza“ veröffentlicht (28.03.2020) als Reaktion auf den von Irad Malkin im „Haaretz“ veröffentlichten Artikel (18.03.2020).

Hier finden Sie eine Analyse von Kent Ponterio, wie der Münzmarkt auf Covid-19 reagiert (auf Englisch).

Und hier beschreibt ein französischer Kunsthändler, wie die Solidarität zwischen Händlern, Käufern, Sammlern und Bürgern gerade jetzt von größerer Bedeutung ist als jemals zuvor.

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