Eine Münzgeschichte von Habsburg-Lothringen

von Ursula Kampmann

22. November 2018 – Wer sich ausschließlich mit antiker Numismatik beschäftigt, ist immer wieder verblüfft, wenn er einen Blick hinüber zur Neuzeit tut, in welch großem Maße die Bibliotheken von Katalogen beherrscht sind, die lediglich Münzen aufzählen, ohne auf den numismatisch-geldgeschichtlichen Hintergrund dieser Prägungen einzugehen. Nur so ist es zu verstehen, dass es im Jahre 2018 tatsächlich noch ein Desiderat der Forschung ist, dass die Münzgeschichte eines der wichtigsten Staaten der frühen Neuzeit systematisch aufgearbeitet wird, des Habsburger Reichs. Reinhold Rieder publiziert eine Münzgeschichte Habsburgs-Lothringens, und zwar der kaiserlichen Prägungen zwischen 1745 und 1806.

Reinhold Rieder, Münzgeschichte Habsburg-Lothringen. Kaiserliche Prägung 1745-1806. Battenberg Gietl Verlag, Regenstauf 2018. 347 S. Abbildungen in Farbe. Hardcover. 21,35 x 30,3 cm. ISBN: 978-3-86646-157-4. 69 Euro.

Reinhold Rieder, Münzgeschichte Habsburg-Lothringen. Kaiserliche Prägung 1745-1806. Battenberg Gietl Verlag, Regenstauf 2018. 347 S. Abbildungen in Farbe. Hardcover. 21,35 x 30,3 cm. ISBN: 978-3-86646-157-4. 69 Euro.

Eigentlich hätte so ein Buch das Zeug zu einem Bestseller. Es gibt jede Menge von Sammlern, die sich mit diesen Münzen beschäftigen. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Arbeit ihre Bedürfnisse befriedigen wird. Sie ist extrem schwer zu lesen und noch schwerer zu verstehen. Die Rezensentin ist an dieser Aufgabe gescheitert. Texte wie dieser sorgen für den schlechten Ruf der Numismatik bei anderen Wissenschaften (und bei Ehefrauen, die den Fehler begehen, ein Buch ihres sammel-besessenen Mannes aufzuschlagen, um zu begreifen, was ihn so an Münzen fasziniert). Ja, es gibt eine wahre Fülle an Fakten, doch ein großes Bild wird mittels der Fakten nicht vermittelt. Dies mag an dem verknappten Stil der Darstellung des Autors liegen, der vielleicht davon ausgeht, dass der Leser ebenso bewandert ist in der Materie wie er, so dass er ihm nur kurz die wichtigsten Fakten in Erinnerung rufen muss. Wobei man sich gelegentlich durchaus über die Gewichtung der Fakten wundern darf.

Hier ein Beispiel, ziemlich willkürlich herausgegriffen. Die Überschrift lautet 3.5.2 Denar für Ungarn (S. 69):
„Die Münzreform von Karl Robert beendet 1323 das ungarische Denar-System der Arpadenzeit. Im Jahre 1464 reformiert Mathias Corvinus (1443; 1458-1490) die ungarische Münzprägung. Die Angleichung an das österreichische Münzwesen beginnt nach der Schlacht von Mohács. Der ungarische Goldgulden bleibt vorerst unverändert, mit der Talerprägung (anfänglich wertgleich 100 Denaren) wird dann im Jahre 1553 begonnen. Die zugehörige Kreuzerrechnung wird von Ungarn erst 1659 übernommen. Die Münzreform von 1750 regelt dann unter anderem die Ausbringung ungarischer Denare (149 Promill fein im Wert von 1/2 Kreuzer). – Anm. 100: Abriss der ungarischen Geldgeschichte: Siehe Huszàr 1979, S. 10-26. – Die „vereinigten Hofstellen“ äußern unter dem 27. Dezember 1787 keine Bedenken, dass für die ungarischen Länder (nationales) „Kleinkupfer“ geprägt wird; und zwar der Avers mit dem „königlich Hungarischen Wappen“, der Revers aber in deutscher Sprache:
1-Hungrisch (als Nominal-Bezeichnung) – Anm. 101 Ausprägung sogenannter Hungrisch in Wien, 1788: Im Detail siehe Fiala 1902, Bd. IV. S. 1173, [30] -; hergestellt werden jedoch nur Proben.“

Als Leser stellt sich mir automatisch die Frage, was mir dieser Abschnitt sagen soll. Werden hier in fünf Zeilen die Münzverhältnisse Ungarns rekapituliert? Will mir der Autor etwas zur Münzreform von 1750 erzählen? Oder geht es ihm um die 1787 beschlossenen, 1788 ausgeprägten Proben, die nie in die reguläre Prägung gelangten? Warum eigentlich nicht? Oder hat der Autor vielleicht selbst keine Ahnung, was Abschnitte wie dieser in seiner Geldgeschichte sollen?

Die Verwirrung wird noch gefördert durch das handgestrickt wirkende Schriftbild und die ziemlich konfuse Nummerierung der Kapitel.

Aber vergessen wir einmal für einen Moment den Text und schauen uns an, was wahrscheinlich der tiefere Sinn dieses Buches sein soll. Es geht um die Rekonstruktion von Aufbau und Struktur des Münzgeldes, das im Namen der Habsburger Kaiser zwischen 1745 und 1806 ausgegeben wurde, bzw. um eine Zusammenstellung all der Nominale, die in den unterschiedlichen Münzstätten mit dem Kaisernamen bzw. dem kaiserlichen Porträt geprägt wurden. (Ob Belagerungsmünzen bzw. Prägungen des Belgischen Aufstands wirklich zum Münzsystem der Habsburger Kaiser gehören, darf man durchaus anzweifeln. Und warum man die Prägungen Maria Theresias von den ihres Mannes trennt, könnte man auch diskutieren. Aber zurück zum Thema.)
Zu diesem Zweck gibt es zwei Kataloge: Einer, wie wir ihn von den Katalogen der Wiener Schule gewohnt sind, in denen die Prägestruktur der verschiedenen Reichskreise katalogisiert ist. Wobei der Nutzer sich auf den ersten Blick darüber verwundern wird, dass die Nummern der Münzen wild durcheinander purzeln. Will man die Ordnung in diesem Chaos begreifen und gleichzeitig etwas über die Herkunft der abgebildeten Münzen erfahren, muss man allerdings den zweiten Katalog zusätzlich konsultieren.
Der Buchrücken gibt Auskunft zum Katalog. Er behauptet, dass „gleichzeitig dem Sammler ein logisches Katalogsystem mit zeitgemäßen, die Typologie der Prägung berücksichtigenden Abbildungen“ vorgelegt werden sollte.
Gelungen ist das nicht. Denn „den Sammler“ hat vielleicht die Rückenaufschrift, aber nicht der Autor als Zielgruppe im Auge. Sonst hätte er sich vielleicht die Mühe gemacht, sein Buch ein bisschen einfacher zu gestalten.

Erhältlich ist das Buch direkt beim Gietl Verlag.

Zusätzlich ist ein Band mit Bewertungen erschienen, der der Rezensentin nicht vorlag.

Wer vor dem Kauf einen Eindruck gewinnen will, kann in die Magisterarbeit des Autors hineinschmökern. Sie steht auf der Seite des Wiener Instituts für Numismatik und Geldgeschichte zur Verfügung.

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