Die Schwedischen Notprägungen des Freiherrn von Görtz

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Ein Lehrstück über Fürsten und ihre Sündenböcke

Es war einmal, hoch im Norden, ein Märchenkönig, oder zumindest fast, denn nur der Anfang seiner Geschichte war märchenhaft. Allein gegen übermächtige Feinde, gelang es Karl XII., dem kindlichen Herrscher von Schweden, sich an der Spitze seines Heeres gegen die Überfälle der Mächtigen zu behaupten; ja, er begann aus der Defensive heraus einen Krieg, der ganz Europa in Staunen versetzte.

Der verletzte Karl XII. wird auf der Tragebahre aufs Schlachtfeld von Poltawa getragen.

Der Rest war weniger märchenhaft. Karl XII. kämpfte kompromißlos und ohne Rücksicht auf Verluste bis zum bitteren Ende. Sein Krieg ist als der große „Nordische Krieg“ in die Geschichte eingegangen. Der starrsinnige König sah sich als ein zu Unrecht Angegriffener, der erst dann Frieden schließen würde, wenn er die Bedingungen diktieren konnte. Und zunächst funktionierte das auch: Karl schlug die Dänen und zwang ihnen den Frieden von Travendal auf. Er schlug August den Starken und vertrieb ihn aus seinem Königreich Polen. Er versuchte Rußland zu schlagen, … und scheiterte kläglich. Karl erlitt an der Poltawa eine totale Niederlage, die ihn praktisch das ganze Heer kostete. Er selbst entkam schwer verwundet in die Türkei, von wo aus er sofort begann, den nächsten Feldzug gegen Rußland vorzubereiten.
Doch dazu mußte Karl erst einmal aus dem türkischen Exil durch feindliches Gebiet in seine Heimat zurückkehren, und so bereitete er im Sommer des Jahres 1714 die Reise vor. Heimlich trainierte der König mit langen, einsamen Ritten die Ausdauer. Und als seine Gefolgschaft am 20. September in Richtung schwedische Besitzungen aufbrach, ritt er allein voraus, um alle Boten, die seine Reise hätten melden können, zu überholen.
Quer durch Europa ritt Karl, ohne Rast, ohne Pause. Nur selten blieb er über Nacht in einem Gasthaus. Um keine Zeit  zu verlieren, reiste der König zur Schlafenszeit in einer schnellen Postkutsche, zum Ausruhen auf dem Boden ausgestreckt. Durch solche Strapazen erreichte Karl eine für die damalige Zeit unglaubliche Reisegeschwindigkeit. Er legte durchschnittlich 160 Kilometer pro Tag zurück. In der Nacht des 10. November war es dann so weit, eine erschöpfte Gestalt verlangte am Stadttor des damals schwedischen Stralsund Einlaß. Der Wächter wußte zunächst nicht, wie er sich verhalten sollte. Er holte den Vorgesetzten, und der wieder seinen; immer höhere Offiziere wurden herbeigeholt, und um vier Uhr morgens stellte der Stadtgouverneur in höchst eigener Person fest: Sein König, Karl XII. von Schweden, hatte soeben nach 15jähriger Abwesenheit wieder Heimatboden betreten.
Nicht etwa, daß der König seinem ausgebluteten Land nun hätte Frieden gönnen mögen. Nein, im Gegenteil, er überlegte sofort, wie er die nötigen Mittel aufbringen konnte, um den nächsten Feldzug zu beginnen. Und hier kommt nun der Mann ins Spiel, den die Schweden zum Sündenbock abstempeln sollten für Karls rücksichtslose Ausbeutung der eigenen Bevölkerung.

Freiherr von Görtz und Karl XII.

Er hieß Freiherr Georg Heinrich von Görtz, stammte aus einer adligen fränkischen Familie und hatte an der Universität Jena studiert. Die Heimat war dem jungen Mann zu eng geworden, und so hatte er im Norden einen Dienstherrn gesucht und in dem jungen Herzog Friedrich IV. von Holstein-Gottorf gefunden. Bei dessen frühzeitigen Tode blieb Görtz am Hof und zog im Hintergrund für den neuen, erst 2jährigen Herzog die politischen Fäden. Dies brachte ihn mit Karl XII. in Kontakt, dessen Erbe der kleine Karl Friedrich von Holstein-Gottorf war, solange der König nicht heiratete und selbst Söhne zeugte – wofür er übrigens nie die Zeit fand. Görtz hatte den Monarchen in Stralsund aufgesucht, um die Interessen seines Schützlings zu wahren, und Karl fand den jungen Diplomaten so nützlich, daß er ihm die gesamte Verwaltung seines Königreichs anvertraute.
Karl sah die Aufgabe seines neuen Ministers vor allem darin, aus dem völlig erschöpften Land neue Ressourcen zu pressen. Schließlich galt es, den nächsten Feldzug zu finanzieren. Und Görtz gehorchte den Befehlen seines Königs: Er erhöhte die Steuern, ließ Papiergeld drucken, die berühmten Görtz’schen Nottaler herausgeben und finanzierte so den nächsten Kriegszug des Königs. Der Adel, die Bürger, der einfache Mann auf der Straße, sie alle haßten ihn dafür. Da spielte es keine Rolle, daß Görtz den König immer wieder zu einem Frieden drängte, um das Reich endlich gesunden zu lassen. Ja, daß Görtz selbst Verhandlungen einleitete, und – teilweise ohne Wissen seines Herrn – versuchte, wenigstens mit Rußland zu einer Einigung zu kommen.

Die Leiche Karls XII. wird heimgebracht.

Und noch während die Verhandlungen am Laufen waren, wurde der Freiherr von Görtz verhaftet. Karl war tot, während seines Feldzugs gefallen. Der schwedische König hatte gewußt, daß sein Land nicht mehr in der Lage sein würde, noch ein weiteres Heer aufzustellen, und so war er hohe persönliche Risiken eingegangen, um den Feldzug zum Erfolg zu führen. Die Risiken waren zu hoch gewesen, und Karl war vor der norwegischen Festung Frederikshald von einem namenlosen Scharfschützen erschossen worden.

Görtzsche Nottaler – auf den Rückseiten sind zum größten Teil griechische Götter dargestellt. Aber auch die Personifikation der Hoffnung darf nicht fehlen. Für einen Katalog der Prägungen vgl. MR 3 (2007).

Es sollen von diesen Nottalern etwa 20, nach anderen Quellen 40 Millionen Stück im Umlauf gewesen sein. Nach dem Tod Karls wurden sie zunächst beibehalten – der Krieg gegen Rußland war keineswegs beendet. Erst nach dem Frieden von 1721 wurden die Nottaler zunächst auf die Hälfte ihres nominellen Wertes herabgesetzt, später ganz entwertet.
Dies kostete auch seinen treuen Minister das Leben. Denn wie sollten die Nachfolger des schwedischen Königs dem Volk erklären, daß sie die Schulden, die Karl XII. durch die Ausgabe von Papier- und Notgeld eingegangen war, nicht mehr würden einlösen können? Es brauchte einen Sündenbock, den man zum Verantwortlichen stempeln konnte für die Mißwirtschaft des großen Kriegshelden. So wurde Görtz gefangen gesetzt. Man nahm ihm alles. Er erhielt weder Messer noch Gabel, weil die Verantwortlichen fürchteten, er könne sich das Leben nehmen.
Nach sechs Wochen glaubten Ulrike Eleonore und ihr Mann Friedrich von Hessen, den Schauprozeß genügend vorbereitet zu haben. Die lange Vorbereitungszeit hatten sie gebraucht, um ein Problem zu lösen: Der Freiherr von Görtz war in seinem Amt absolut ehrlich gewesen – eine Seltenheit in diesen Tagen. Er hatte nichts zu seinem Vorteil getan, sich auch nicht um eine einzige Münze bereichert. Wie also sollte man ihn anklagen?
Man erfand zu diesem Zweck ein neues Verbrechen. Freiherr Georg Heinrich von Görtz, so hieß es, habe dem Volk die Zuneigung seines Königs abspenstig gemacht. Man hätte es nennen können, wie immer man wollte, denn der Prozeß war eine abgekartete Sache, das Todesurteil stand von Anbeginn fest. Görtz mußte sich nicht vor einem regulären Gericht verantworten, man hatte extra für ihn eine außergerichtliche Kommission eingerichtet. Es gab keinen Verteidiger, Görtz durfte keine Zeugen zu seinen Gunsten benennen, ja es war ihm sogar verboten, schriftliche Notizen zu seiner Verteidigung in den Gerichtssaal zu bringen.
So überraschte es den Angeklagten nicht, als er zum Tod durch Enthauptung verurteilt wurde. Daß sein Körper als besondere Strafverschärfung aber kein christliches Begräbnis erhalten, sondern unter der Richtstatt verscharrt werden sollte wie der Leichnam eines Schwerverbrechers, das schien Görtz denn doch zu hart. Er apellierte an die Königin, die auf einer korrekten Durchführung des Urteils bestand. Görtz soll mutig das Schafott bestiegen haben. Seine letzten Worte sind überliefert: „Ihr blutrünstigen Schweden, so nehmt denn den Kopf, nach dem es euch so lange dürstete.“
Das Grab des Ministers ist vergessen. Sein königlicher Herr dagegen ruht bewundert und geliebt von seinem Volk in der Riddarholmskirche von Stockholm, in einem schwarzen Sarkophag, der mit einem bronzenen Löwenfell bedeckt ist. Seine Nachfolger haben ihr Ziel erreicht: Noch heute bringt man die schwedische Notprägung der Jahre 1715 bis 1719 nicht mit ihrem Auftraggeber Karl XII. in Verbindung, sondern mit seinem Minister, dem Freiherrn von Görtz.

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