Eine Drachme aus dem sizilischen Naxos

Münzen & Medaillen Auktion 49, Los 70: Sizilien, Naxos. Drachme, 530-490 v.Chr. Cahn, Naxos 110, 36 (V26/R32, Rv. stgl.). Leichte Prägeschwäche auf dem Rv., sonst vorzüglich. Ex Münzen & Medaillen AG, Basel, Auktion 53 (1977), 29 and Spink & Son, Zurich, Auction 20 (1986), 85. Schätzpreis: 20.000 EUR.
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Einer der Höhepunkte der kommenden Auktion 49 der Münzen & Medaillen GmbH, Weil am Rhein, ist eine silberne Drachme, geprägt in Naxos auf Sizilien in der Zeit zwischen 530 und 490 v.Chr. Diese besonders gut erhaltene Münze zeigt den bärtigen Kopf des Weingottes Dionysos im Profil. Als die Münzen & Medaillen AG Basel dieses Exemplar im November 1977 versteigerte, wurde es als „ce chef d’oeuvre de l’art grec archaique“ beschrieben, und dieses hohe Lob kam immerhin von Herbert Cahn, der nicht nur den Auktionskatalog, sondern auch das vollständigste Werk über die Münzen von Naxos geschrieben hatte (Basel 1944). In den letzten Jahrzehnten gehörte die Münze zu einer kleinen, aber guten Sammlung antiker griechischer Münzen, die mit viel Geschmack und Verständnis von einer Sammlerin zusammengetragen wurde.

Diese Drachme ist eine der ersten Münzen, die von dem sizilischen Naxos geprägt wurden, das Kolonisten aus Chalkis in Euboia auf einem felsigen Landvorsprung, dem heutigen Capo Schisò, auf der Ostseite Siziliens etwa 250 Jahre vorher, um 735 oder 734 v. Chr., gegründet hatten. Wir wissen das aus Textbruchstücken des Geschichtsschreibers Ephorus, dessen Werke sonst verschollen sind. Zur ersten Welle von Kolonisten gehörten wahrscheinlich genug Einwohner des „alten“ Naxos, der Insel in den Kykladen, so dass man die neue Heimat nach der alten benannte, gerade wie es europäische Siedler später in den USA taten. Zum Beginn des 5. Jahrhunderts v.Chr., als die Münze geprägt wurde, war Naxos eine blühende Stadt, die älteste griechische Kolonie in Sizilien. Interessanterweise prägte sie ihre Münzen immer noch nach dem chalkidischen Gewichtsstandard, den die Siedler mit sich gebracht hatten. Hinter der Stadt, die auf einer Halbinsel am Ionischen Meer stand, erhob sich der Berg Ätna. Seine Hänge mit fruchtbarer vulkanischer Erde waren ideal für den Anbau von Wein. Die Bedeutung des Weines für das wirtschaftliche (und soziale) Leben spielte zweifellos eine Rolle bei der Auswahl des Rückseitenmotivs, der stilisierten Weintraube, und wohl auch bei der Entscheidung für den Kopf des Dionysos auf der Vorderseite.

Münzen & Medaillen Auktion 49, Los 62: Sizilien, Leontinoi. Tetradrachme, 430-420 v.Chr. Antikenmuseum Basel 105, 353 (stgl.). Vorzüglich, Rv. sehr schön. Schätzpreis: 2.000 EUR.

Der Gott Dionysos war verbunden mit dem „anderen“ Naxos, der Kykladeninsel im Ägäischen Meer. Nach den mythischen Erzählungen wollte er einmal mit einer Gruppe tyrrhenischer (etruskischer) Seeräuber eine Schiffsreise machen. Als er merkte, dass sie ihn nicht an sein Ziel brachten, sondern ihn in die Sklaverei verkaufen wollten, verzauberte er Mast und Ruder des Schiffes in Schlangen und ließ das Schiff voll Efeu wachsen. Die Seeleute, gepackt von Schrecken oder Wahnsinn (oder beidem), sprangen ins Meer und wurden zu Delphinen. Bekannt ist die Geschichte, wie Dionysos die schlafende Ariadne am Strand des „anderen“ Naxos findet, wo Theseus sie verlassen hatte, und wie er sie zu seiner Braut macht. Ihr Sohn Oinopion, „der Weingesichtige“ oder auch „der Weintrinker“, soll nach einigen Quellen den Wein nach Chios gebracht haben. Die Wahl des Gottes Dionysos für die Münzen des sizilischen Naxos spiegelt sicher die Traditionen der Siedler der Insel Naxos, denn überall sonst auf Sizilien spielte Apollo die größere Rolle auf den Münzen (Los 62). Einige etwas spätere Münzen von Naxos bilden Apollo Archigetes ab, für den es einen berühmten Altar in der Stadt gab, aber sein Bild wurde nicht im selben Ausmaß verwendet wie das des Dionysos.

Diese Münze ist eine Drachme von Naxos, geprägt 530-490 v. Chr. Die Rückseite ist vom selben Stempel wie Cahn, Naxos, Nr. 36 (S. 110, R32); der Vorderseitenstempel ist unpubliziert, ähnelt aber stark Cahns V26. Die Münze stammt aus Münzen & Medaillen AG Basel Auktion 53 (1977), 29, sie war auch in der Spink & Son Zürich Auktion 20 (6. Oktober 1986), 85.

Diese und andere Münzen werden von der Münzen & Medaillen GmbH, Weil am Rhein, am Freitag, 20. November 2020, versteigert. Aufgrund der Corona-Virus-Bestimmungen findet die Auktion nicht als Saalauktion statt. Schriftliches Bieten ist möglich, und Kunden, die sich bis zum 19. November 2020, 18 Uhr dafür angemeldet haben, können über Biddr live an der Auktion teilnehmen.

 

Hier lesen Sie einen umfassenden Auktionsvorbericht.

Möchten Sie mehr über Dionysos auf Münzen lernen? Lesen Sie unseren Artikel „Dionysos – Gott der Extase“.

Mehr über den Hintergrund der Prägungen aus Naxos erfahren Sie in Ursula Kampmanns Serie „Sizilianisches Mosaik“ Teil 12: Naxos und Leontinoi.

In unsrem Who’s who finden Sie weitere Informationen über die Autorin, Claire Franklin, die auch unsere wöchentlichen Cartoons zeichnet.

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