Eine neue Währung für ein neues Japan

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Die schnelle Industrialisierung Japans, die in den Jahren nach 1868 einsetzte, hat bereits zeitgenössische Beobachter verblüfft und beeindruckt. Während andere fernöstliche Staaten während des 19. Jahrhunderts immer tiefer in eine Abhängigkeit vom Westen gerieten, schaffte es Japan, unabhängig zu bleiben, auch wenn es europäische Technik und europäisches Wissen für sich übernahm. Die Grundlage dieser Entwicklung wurde während des Boshin-Bürgerkriegs gelegt.

Die Schlacht von Toba und Fushimi vor den Toren Kyotos. Holzschnitt aus dem Jahr 1868.

„… damit es uns nicht erging wie Indien und China“

Der Boshin-Bürgerkrieg steht am Anfang der Meiji-Zeit, also der Periode zwischen dem 25. Januar 1868 und dem 30. Juli 1912. Die Gegner waren auf der einen Seite die Anhänger des Tokugawa Shogunats, auf der anderen all diejenigen, die für eine straffe Zentralregierung unter dem jungen Kaiser Mutsuhito standen. Der tiefere Grund dieser militärischen Auseinandersetzung war die Wirtschaft: Die Öffnung Japans hatte eine enorme Teuerung ausgelöst. Jeder Japaner war betroffen. Die Preise waren im Durchschnitt um mehr als 650% gestiegen, für das so wichtige Nahrungsmittel Reis sogar um 800%.

Gerade der gebildete Nachwuchs machte die Politik des Tokugawa-Shogunats für die wirtschaftliche Misere verantwortlich. Mit dem Tod von Kaiser Komei am 30. Januar 1867 setzten sie auf einen Neuanfang unter dem gerade 14jährigen Kaiser Matsuhito, der für sich den vielsagenden Thronnamen Meiji (= aufgeklärte Herrschaft) wählte. Bemerkenswert am Boshin-Krieg bleibt die Tatsache, dass beide, Sieger und Unterlegene, bewusst auf ausländische Hilfe verzichteten, die übrigens durchaus angeboten wurde. Vor allem Frankreich konnte nur mit Mühe und Diplomatie davon abgehalten werden, in den Kampf einzugreifen.

Warum die japanischen Machthaber keine ausländische Hilfe wollten, formulierte der Kommandant von Edo anlässlich der Kapitulation am 6. April 1868: „Seit Ausbruch der sogenannten Auslandskrise haben die Tokugawa nicht allein für sich Ratschlag gehalten, sondern dem [gesamten] Kaiserreich Mitteilung gemacht und nicht an den eigenen Vorteil gedacht, damit es uns nicht erging wie Indien und China.“

Kunde Japan

Damit war Japan nach dem Machtwechsel keiner westlichen Macht politisch verpflichtet und konnte seine Geschäftspartner nach ökonomischen, nicht nach diplomatischen Gesichtspunkten wählen. Es wurde zu einem Kunden, den alle Nationen eifrig umwarben.

Eine junge Beamtenschaft – das Durchschnittsalter lag knapp über 30 Jahren – war bereit, neue Wege zu gehen. Die Iwakura-Mission, während der hochrangige Politiker nicht nur über eine Aufhebung der ungleichen Verträge verhandelten, sondern auch die Institutionen des Westens studierten und hinsichtlich einer Übernahme evaluierten, ist legendär geworden. Als diese Mission Ende des Jahres 1871 startete, besaß Japan bereits eine neue Währung und eine eigene Münzstätte, in der nach westlichem Vorbild Münzen geprägt wurden, ein deutliches Zeichen dafür, welche zentrale Bedeutung die Verantwortlichen einer neuen Währung für die Gesundung der japanischen Wirtschaft zumaßen.

Die japanische Münzstätte. Fotographie um 1900.

Die Münzstätte von Hongkong wird nach Osaka transportiert

Noch im Jahr 1868 kümmerte sich der japanische Finanzminister um diese Frage. Er hatte Glück: Die britische Münzstätte in Hongkong wurde aufgelöst, Japan konnte deren komplette Ausstattung übernehmen. Es gelang sogar, den ehemaligen Münzdirektor Thomas William Kinder nach Japan zu locken. Er erhielt ein Gehalt von 1.045 $ monatlich und gehörte damit zu den bestbezahlten Ausländern, die sich Japan leistete. Als er 1870 nach Osaka kam, hatte mit Thomas James Water ein anderer Ausländer bereits die Gebäude für die neue Münzstätte errichtet.

Als Standort wählte man Osaka, das damalige Handelszentrum, das sich in den folgenden Jahrzehnten zum „japanischen Manchester“ entwickeln sollte. Grund dafür war auch die Münzstätte, die sich als ein Zentrum der Innovation entpuppte. Hier wurden für zahlreiche Produkte, die Japan bis dahin noch nicht industriell hergestellt hatte, westliche Fertigungsmethoden adaptiert. So stattete Münzdirektor Kinder seine Münzstätte mit einem Gaswerk für die Beleuchtung aus und begann, in Osaka Schwefelsäure herzustellen. Schwefelsäure gehört damals wie heute zu den meistproduzierten chemischen Grundstoffen, so dass ihre Produktionsmenge als Indikator für den Grad der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes gilt.

Ganz nebenbei verbreitete sich der westliche Habitus von der Münzstätte aus in Osaka: Die Mitarbeiter trugen nämlich demonstrativ westliche Kleidung und verzichteten auf das Schwert und den traditionellen Haarknoten des Samurai.

Japan. Mutsuhito, 1867-1912. 20 Yen Jahr 3 (= 1870), Osaka. Erworben im Jahr 1937 bei der Münchner Münzhandlung Otto Helbing. Sehr selten. Vorzüglich bis Stempelglanz. NGC MS65+. Aus Auktion Künker 352 (2021), 1548. Schätzung: 20.000,- Euro.

Eine neue Währung

1869 entschied die japanische Regierung, den alten Währungswirrwarr zu Gunsten einer einheitlichen Landeswährung aufzugeben. Was das bedeutete, illustriert ein Survey des japanischen Wirtschaftsministeriums aus dem Jahr 1868: Er ermittelte, dass im Zeitraum zwischen 1603 und 1867 insgesamt 1.694 verschiedene Nominale ausgegeben worden waren, die immer noch kursierten. Sie alle sollten durch die auf dem Dezimalsystem beruhenden neuen Münzen nach westlichem Vorbild ersetzt werden. Ihre Bezeichnung als „Yen“ leitete sich dabei von der kreisrunden Form der Münzen ab. „Yen“ bedeutet nichts anderes als „Kreis“ oder „rund“.

Drei bedeutende japanische Künstler entwickelten das Design für die neue Einheitswährung: Es zeigt auf der Vorderseite einen Drachen, auf der Rückseite die Sonne und spielt damit auf den japanischen Tenno an. Der Kaiser zählte nämlich sowohl Amaterasu, die Sonnengöttin, als auch Watatsumi, den Drachengott, zu seinen Vorfahren.

Dieses Design wurde zur Royal Mint nach London geschickt, wo Leonard Charles Wyon Stempel für acht Nominale schuf. Damit entstanden Probeprägungen, mit denen die Royal Mint wohl hoffte, Japan als Kunden zu gewinnen. Doch als die Proben im April 1870 in Japan ankamen, war die Münzstätte in Osaka bereits so weit, eigene Münzen prägen zu können.

Ob es eine Frage der Ehre war, das englische Design nicht zu übernehmen, sondern es zu modifizieren? Jedenfalls wurde die Rückseite stark überarbeitet und ein zusätzliches Nominal geschaffen, das goldene 20 Yen-Stück.

Künker kann eine dieser Ikonen der japanischen Münzprägung im Rahmen der Sammlung Schwarz in seiner Auktion 352 am 27. September 2021 anbieten. Dieses Stück wurde im Jahr 1937 bei der Münchner Münzhandlung Helbing erworben. Seit damals liegt es in der Sammlung Hermann Schwarz. Seine herausragende Erhaltung – NGC bewertet es mit MS 65+ – verdankt es der Tatsache, dass es nie in den allgemeinen Zahlungsverkehr kam.

Wir können uns dieses 20 Yen-Stück als eine Art Probeprägung vorstellen, die entstand, noch ehe das Gesetz über die neue Währung im Jahr 1871 erlassen wurde. Die wenigen Stücke, die man vor diesem Zeitpunkt prägte, gingen wohl ausschließlich an den Kaiser und seine höchsten Beamten. Man könnte vielleicht sogar postulieren, dass sie anlässlich des persönlichen Besuchs des Tenno in der Münzstätte von Osaka präsentiert wurden. Wir wissen nämlich, dass der japanische Kaiser sie höchstpersönlich besuchte. Wie stolz Thomas William Kinder darauf war, zeigt die Erwähnung dieser Visite noch in seinem Nachruf. Auf die Achtung, die der Tenno seinem Münzdirektor erwies, weist die Tatsache hin, dass Kinder vor seiner Abreise im Jahr 1875 drei- oder viermal am kaiserlichen Hof empfangen wurde.

Kinder hinterließ eine funktionierende Münzstätte und ausgebildete Techniker, die in der Lage waren, ihr Land mit den Münzen zu versorgen, die es für seinen ökonomischen Aufstieg brauchte. So ist das 20 Yen-Stück von 1870 ein eindrucksvolles Symbol für die Fähigkeit Japans, westliche Technologie für seinen eigenen Wohlstand optimal zu nutzen.

 

Das Stück finden Sie im Katalog der Künker-Herbstauktion.

Die Auktion haben wir ausführlich in einem Vorbericht vorgestellt.

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