Einleitung „Die Zürcher und ihr Geld“ Teil 2

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Unsere Serie „Die Zürcher und ihr Geld“ stellt ihnen in loser Folge jeweils ein spannendes Kapitel Schweizer Numismatik und Wirtschaftsgeschichte vor. Einen ersten Überblick gibt die Einleitung in zwei Teilen. Der zweite Teil führt uns von den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs in unsere eigene Zeit.

Zürich. 5 Dukaten 1720. Löwe mit Schwert und Wappenkartusche n. l. gehend. Rv. Stadtansicht von Zürich vom See aus gesehen.

Europa hofiert Zürich
Die Zürcher hatten das große Glück, sich aus dem Dreißigjährigen Krieg heraushalten zu können. So hatten sie unter seinen Verwüstungen kaum zu leiden. Die Blüte, die der Wiederaufbau mit sich brachte, setzte deshalb in Zürich früher ein als in den benachbarten Ländern. Spätestens seit dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts nahm Zürich aus Steuermitteln mehr Geld ein als es jemals ausgeben konnte. Jedes Jahr flossen mehrere 10.000 Gulden in den Staatsschatz, damals eine gewaltige Summe. Zwischen 1672 und 1798 konnte Zürich etwas über 3 Millionen Gulden Gewinn herauswirtschaften, und das in einer Zeit, in der die meisten anderen Territorialfürsten Europas am Rande des Staatsbankrotts lavierten – oder einen solchen auch anmelden mussten.
Dies machte die Zürcher natürlich zu einer hofierten Stadt, von der sich manch ein Fürst die Sanierung seiner desolaten Finanzen erhoffte. Der Herzog von Württemberg, der Fürst von Schwarzenberg, ja sogar der deutsche Kaiser, sie alle wollten die Zürcher anzapfen – die meist sehr höflich ablehnten, wobei sie sich gerne der Ausrede bedienten, als Eidgenossen unparteiisch bleiben zu müssen.

Zürich. Doppelduplone zu 32 Franken, 1800, geprägt in Bern. Krieger von vorn, in der Hand Fahne der Republik. Rv. 32 / FRANKEN / 1800 in Eichenkranz.

Die Revolution streift Zürich
Das immer absolutistischere Auftreten des Rates, die großen Unterschiede zwischen dem wirtschaftlichen Wohlergehen von Stadt- und Landbevölkerung und nicht zuletzt die strengen, nicht mehr zeitgemäßen Sittenmandate hatten zu einer solchen Unzufriedenheit mit dem alten Regime geführt, dass ein großer Teil der Bevölkerung die Soldaten der französischen Republik mit offenen Armen begrüßte.
Am 29. März 1798 wurde Zürich gezwungen, sich der Helvetischen Republik anzuschließen und damit die von Frankreich oktroyierte Verfassung anzunehmen. Damit einher ging nicht nur die Übernahme des zürcherischen Staatsschatzes durch die Franzosen, sondern auch die Aufgabe des eigenen Münzsystems. Zu Grunde lag die Idee, für die gesamte Helvetische Republik eine eigene Währung zu schaffen. Doch dieser Versuch scheiterte. Geldnot verhinderte die Ausprägung von genug Münzen dieser neuen Währung, um die gesamte Republik damit zu versorgen. Es liefen also weiterhin die alten Münzen um. Das Experiment einer einheitlichen Währung scheiterte bereits im Jahr 1803 zusammen mit der Helvetischen Republik, als Napoleon in seiner Mediationsakte die Kantone wieder als selbstständige politische Einheiten, natürlich mit einem eigenen Münzrecht herstellte.

Bank in Zürich. 10 Brabantertaler, ausgegeben am 27.5.1837.

Fortschritt und Restauration
1805 gründete Hans Caspar Escher seine mechanische Spinnerei. Damit fiel der Startschuss für die Industrialisierung des Kantons Zürich mit all ihren Vor- und Nachteilen. Politisch gesehen sah Zürich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Gleichberechtigung der Bewohner des Kantons mit denen der Stadt in der Verfassung von 1831. Durch seine fortschrittliche Bildungspolitik und seine liberale Wirtschaftspolitik wurde Zürich zu einem Zentrum der sich industrialisierenden Schweiz.
Große Projekte wie, um nur ein Beispiel für unzählige zu nennen, die erste schweizerische Bahnlinie zwischen Zürich und Baden (AG) waren nicht mehr von einzelnen oder wenigen Geschäftsleuten zu finanzieren. Es brauchte also andere Formen der Kapitalaufbringung. So erlebte die Aktiengesellschaft eine erste Blütezeit.
Um die mit großen Projekten verbundenen hohen Ausgaben bar decken zu können, war eine neue Form von Geld mit einem höheren Nominalwert nötig. Deshalb wurden im Jahr 1837 die ersten Zürcher Banknoten ausgegeben.

Eidgenossenschaft. 5 Franken 1850, geprägt in Paris. Helvetia mit Schweizer Wappen sitzt vor Alpenlandschaft. Rv. 5 Fr / 1850 in Kranz aus Eichenblättern und Alpenblumen.

Die Geburt des Schweizer Franken
Bereits in einem Verfassungsentwurf aus dem Jahr 1832 war eine einheitliche Währung für die gesamte Eidgenossenschaft gefordert worden. Doch zunächst konnte man sich nicht darauf einigen, um was für eine Währung es sich handeln sollte. Die westlichen Kantone liebäugelten mit dem französischen Münzsystem, das durch seinen dezimalen Aufbau leicht und überschaubar zu handhaben war. Die deutschsprachigen Kantone tendierten eher zum süddeutschen Münzsystem mit seinem Gulden.
Die Entscheidung fiel am 7. Mai 1850, als sich die durch die Verfassung von 1848 mit der Gestaltung der neuen Währung betraute Bundesversammlung endgültig für das französische Münzsystem entschied. Ein Bundesgesetz legte die zu prägenden schweizerischen Münzen fest, wobei man sich von vorne herein klar war, dass die Schweiz vorläufig noch auf die Zirkulation von ausländischem Geld angewiesen sein würde. Da es in der Schweiz keine Kapazitäten gab, um so große Mengen an Geld schnell zu prägen, wurden die ersten Schweizer Franken in Paris und Straßburg hergestellt.
Zwischen dem Sommer 1851 und dem Sommer 1852 wurden im ganzen Land die alten Münzen gegen neue umgetauscht, alle Schuld- und Besitztitel in neue Währung umgestellt.

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Eidgenossenschaft. 20 Franken 1888, geprägt in Bern. Weiblicher Kopf n. l. Rv. Schweizer Wappen in Kranz aus Lorbeer- und Eichenzweigen.

Die Lateinische Münzunion
Seit Einführung des Schweizer Franken war es den Verantwortlichen bewusst, dass die Schweiz nicht in der Lage war, genügend Münzen zur Verfügung zu stellen, um den Geldbedarf in der Schweiz zu decken.
So wurde bereits 1850 ein Gesetz erlassen, das die Silbermünzen von Frankreich, Belgien, Sardinien, Parma, der Cisalpinischen Republik (eine im Jahr 1797 auf Napoleons Initiative  gegründete Republik mit der Hauptstadt Mailand) und des Königreichs Italien zu gesetzlichen schweizerischen Zahlungsmitteln machte.

Italien. 20 Lire 1871. Kopf Vittorio Emanueles II. Rv. Gekrönter Wappenschild zwischen Lorbeerzweigen.

Damit sind alle Gründungsmitglieder der Lateinischen Münzunion genannt, die mit ihrer Vereinbarung, die nationalen Münzen der beteiligten Staaten frei innerhalb ihres eigenen Staatsgebiets zirkulieren zu lassen, den Euro um gute 100 Jahre vorwegnahmen. Am 23. Dezember 1865 wurde dieser wichtige Vertrag auf Initiative Frankreichs geschlossen, die Schweiz ratifizierte ihn am 5. März 1866.

Der Franken wird zur alleinigen Währung der Schweiz
Der erste Weltkrieg brachte das Ende der Lateinischen Münzunion, auch wenn sie auf dem Papier noch bis 1926 bestand. Durch die hohen Kosten, welche der Krieg mit sich brachte, sahen sich die Mitgliederländer dazu gezwungen, den Silbergehalt ihrer Prägungen so weit herabzusetzen, dass er nicht mehr den Vorgaben der Unionsverträge entsprach. Papiergeld trat an die Stelle des Münzgeldes und die Schweiz sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, genug Geld für die eigenen Bürger zu prägen, um die „schlechten“ Prägungen der Vertragspartner vom eigenen Land fernhalten zu können.
1926 kündigte Belgien als erstes Land den Vertrag, die Schweiz erließ daraufhin am 1. April 1927 ein Gesetz, in dem in der Schweiz zum ersten Mal nur noch die eigenen Münzen für den Geldumlauf zugelassen waren.

Rationalisierung im Dienste des Fortschritts
Während die internationale Zusammenarbeit in Währungsfragen scheiterte, blühte auf nationaler Basis die Schweizer, und natürlich auch die Zürcher Wirtschaft. Neue Methoden der Betriebsführung setzten sich durch. Dem Abschätzen von Kosten stellten moderne Manager eine sachliche Nutzen-Kalkulation gegenüber. Die Produktions-, Lager- und Transportkosten wurden durch Rationalisierung gesenkt und damit die Gewinne erhöht. Neue Absatzmärkte wurden durch Werbung erschlossen, für manche Produkte konsequent die Preise gesenkt. So kamen die Gewinne dieser neuen Betriebsführung nicht nur den Unternehmern zu gute, sondern auch den Verbrauchern.

Grenzen des Wachstums
Die Wirtschaftskrise, die 1929 von den Vereinigten Staaten von Amerika ausgegangen war, erreichte mit großer Verzögerung erst im Jahr 1931 die Schweiz. Durch die Abkopplung des englischen Pfundes und des amerikanischen Dollars vom Goldstandard und die damit verbundene Entwertung dieser beiden Währungen war der Kurs des Schweizer Franken derartig gestiegen, dass praktisch kein Export mehr möglich war.
Die Folge waren Massenentlassungen. Auf dem Höhepunkt der Krise, im Jahr 1936 waren mehr als 20.000 Menschen im Kanton Zürich als Arbeit suchend gemeldet. Während für diejenigen, die noch Arbeit hatten, das Leben seinen gewohnten Gang nahm, standen viele Familien, deren Ernährer nun arbeitslos war am Rand des Existenzminimums.
Als im September die französische Regierung den Schweizer Bundespräsidenten informierte, auch Frankreich plane eine Abwertung, entschloss sich auch die Schweiz dazu, den Franken vom Goldstandard abzukoppeln. Im Jahr darauf war die Arbeitslosigkeit im Kanton Zürich bereits um etwa ein Fünftel gefallen.

Die Skulpturengruppe Drei Gnomen schuf der Zürcher Künstler Imre Mesterhàzy. © MoneyMuseum.

Eine stabile Währung ohne Anker
1936 war die Goldparität des Schweizer Franken neu auf eine Spannungsbreite zwischen 0,190 und 0,215 g festgelegt worden. Nicht zuletzt deshalb bewährte sich der Franken im Zweiten Weltkrieg als Fluchtwährung. Der große Aufstieg Zürichs als international gefragter Bankplatz liegt allerdings zeitlich etwas später. Die Banken konnten sich als Vermittler betätigen zwischen den Schweizer Firmen, die für ihre expandierenden Betriebe Kapital brauchten, und den kleinen Sparern, welche ihre Guthaben den Banken zur Verwaltung anvertrauten.
Der Bankplatz Zürich gewann internationale Aufmerksamkeit durch die Stabilität des Schweizer Franken und die Gewährleistung des Bankgeheimnisses. Der Aufstieg Zürichs verlief dabei so unspektakulär, ja fast heimlich, dass der englische Außenminister George Brown aus Ärger über eine Schwäche des Pfunds im Jahr 1964 von den Gnomen von Zürich sprach. Damit verglich er das geheime, unterirdische Wirken der legendären Erd- und Berggeister mit dem Wirken der bescheidenen Bankangestellten von Zürich.
Auch als im Jahr 1968 ein plötzliches Ansteigen des Silberpreises die Schweizer Regierung nötigte, jede Relation der Schweizer Währung zum Edelmetall aufzugeben, blieb das internationale Vertrauen in den Schweizer Franken bestehen. Zürich konnte als Finanzplatz weiter wachsen.

Und heute?
Was heute geschieht, ist morgen Geschichte.
Wir selbst sind zu sehr Kinder unserer Zeit, um deren historische Bedeutung abschätzen zu können. So werden erst unsere Nachkommen die Geschichte unserer Zeit zu deuten wissen.

Was aber werden sie über unsere Epoche sagen? Dass sie unwichtig war verglichen zur langen Entwicklung der Menschheit? Dass in ihr wichtige Entscheidungen getroffen wurden für die Weiterentwicklung des Geldes? Werden sie unsere Zeit begreifen als die Zeit, in der das virtuelle Geld das Bargeld verdrängte? Werden sie sie etwa sehen als den großen Crash, der jede traditionelle Form von Geld hinwegfegte? Oder werden sie uns gar als diejenigen feiern, welche die entscheidenden Weichen gestellt haben für neue, alternative Formen des Geldes?

Welche Rolle unsere Zeit in der Geschichte spielen wird, muss erst die Zukunft erweisen. Eines jedenfalls steht fest. Eine Zukunft ganz ohne Geld ist heute nicht mehr vorstellbar.

Lesen Sie im nächste Teil, wie alles in Zürich begann: mit den Kelten und griechischem Geld …

Alle Teile der Serie „Die Zürcher und ihr Geld“ finden Sie hier.

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