Flaschenpost

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Am 25. Oktober 1896 trat in Österreich ein neues Einkommenssteuergesetz in Kraft. Die Personaleinkommenssteuer, die jedem Arbeiter von seinem Lohn abgezogen wurde, diente allerdings nicht zur Erhöhung der Staatseinkünfte, sondern dazu Grundsteuer, Gewerbesteuer und Gebäudesteuer zu ermäßigen. Vor allem die sozialistische Partei kämpfte gegen diese ungerechte Verteilung und organisierte gerne auch für die Angestellten der staatlichen Betriebe Protestorganisationen.

Das österreichische Hauptmünzamt. Foto: Gryffindor / Wikipedia.

Sie fanden fruchtbaren Boden. Dort war man nämlich alles andere als zufrieden, was uns die damaligen Mitarbeiter des österreichischen Hauptmünzamtes selbst überliefert haben. Sie schrieben am 9. Juli 1898 („im Jahre des Elends“) einen Brief, taten ihn als Flaschenpost in eine Bierflasche und mauerten ihn ein. Ihr Schreiben wurde im Jahr 1967 von ihren Nachfolgern beim Abreißen eines Koksschmelzofens wieder gefunden. Es zeugt von Wut, dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, und der Hoffnungslosigkeit.
Genau listen sie die Löhne der einzelnen Mitarbeiter auf und stellen dem die Ausgaben gegenüber. Die Folgerung lautet so: „Es herrscht eine allgemeine Unzufriedenheit. Die Wohnungsmiete ist groß, Lebensmittel sind teuer. Wir leben alle herzlich schlecht.“ Das Jubiläum des Kaisers, das überall mit großem Gepränge gefeiert wurde, war den Arbeitern in der Münzstätte völlig egal: „Es ist das 50jährige Jubiläumsjahr des Kaiser, aus diesem Anlasse werden in Wien Feste abgehalten, es wird jubiliert an allen Ecken und Enden, und im k.k. Haupt-Münzamte werden alle mit 5, 6 und 7jähriger Dienstzeit entlassen. Also wir haben keinen Grund, uns des Jubiläums zu freuen. Es ist gerade Samstag heute, und wir haben, nachdem unsere Schulden weggezahlt sind, gerade so viel wie gestern. … Möge es Euch, wenn Ihr dieses Schreiben findet besser gehen.“
Tatsächlich ging es den Österreichern im Jahre 1967, als der Brief gefunden wurde, viel besser. Das schrieben die damals in der Münzstätte Arbeitenden selbst in ihrer eigenen Flaschenpost, die sie zum Brief ihrer Vorfahren in die Bierflasche steckten. Auch sie listeten ihren Verdienst auf, freuten sich über geregelten Urlaub und darüber dass die Mieten und das Essen sehr billig sei: „Wir befinden uns noch in der Konjunktur nach dem zweiten Weltkrieg. Die Privatverdienste sind höher. Es herrscht allgemein eine gewisse Zufriedenheit und Wohlstand.“
Diese Zufriedenheit spricht aus jeder Zeile des Schreibens. Und die Hoffnungen reichten sogar noch weiter. Man erwartete, dass es noch viel besser werden würde, und so schlossen die Briefschreiber in ihrem Schreiben an die Nachfolger: „Dieses wäre alles wissenswert für Sie, und wir wünschen Ihnen eine noch bessere Zeit als die unsere.“
Ob unsere Zeit tatsächlich besser ist? Um den ungebrochenen Optimismus, der aus dem Schreiben von 1967 spricht, kann man seine Autoren jedenfalls nur beneiden.

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