Greifbare Zeichen – Zeugnisse von Religiosität aus einer anderen Zeit: Teil 2

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Am 16. Oktober 2014 wird in München bei Gorny & Mosch in Auktion 226 die Sammlung Werner Jaggi (1927-2002) versteigert. Der große Kenner der religiösen Kunst vor allem des Alpenraums trug in mehreren Jahrzehnten die größte Sammlung von numismatischen Zeugnissen religiösen Denkens und Tuns zusammen, die jemals auf den Markt gekommen ist. Uns ist mit der Erklärung der Welt durch die Naturwissenschaften das Verständnis abhanden gekommen für die bedingungslose Gläubigkeit, die in diesen Objekten zum Ausdruck kommt. Und so wird mancher nicht mehr verstehen, was ein Gnadenpfennig oder Amulett seinem Träger einst bedeutet haben mag.

Im ersten Teil haben wir insbesondere die deutschen Gnadenpfennige vorgestellt. Heute folgen Exemplare aus Österreich, der Schweiz und Italien.

Österreich

3214: Abersee, Sankt Wolfgang. Silberguss-Wolfgangs-Hackerl, 18. Jh. mit auf der Klinge vertieftem Bild der Kirche links, rechts davon Bischof Wolfgang mit Stab und Beil. Mit zwei Ösen. 41,5 mm. Pachinger 86. Schön bis sehr schön. Schätzung: 75 Euro.

Wer die Ströme von Touristen am Wolfgangsee beobachtet, dem fällt auf, dass die Gemeinde St. Wolfgang heute noch ein Pilgerziel hat: Das weiße Rössl zieht nach dem Welterfolg der gleichnamigen Operette all die Touristen an, die früher vielleicht dem hl. Wolfgang ihren Respekt gezollt hätten.
Der war ein politisch sehr aktiver Bischof gewesen, ehe er im Alter den Wunsch verspürte, sich als Einsiedler zurückzuziehen. Auf der Suche nach einem passenden Ort soll er von einem Berg herab sein Beil (österreichisch: Hackerl) geworfen haben, das ihm beim Niederfallen den Platz zeigte, an dem ehemals seine Klause und heute die Kirche St. Wolfgang im gleichnamigen Ort steht.
Wer in den vergangenen Jahrhunderten zu diesem Ort pilgerte, versäumte es nicht, ein Wolfgangs-Hackerl zu kaufen, denn dieses Amulett wirkte gegen den jähen Tod, den Schlaganfall, den Hexenschuss, die Gicht, dir rote Ruhr, ja sogar gegen Schlangenbiss und böse Gespenster, um nur einige wenige Anwendungsgebiete zu nennen. Um das Amulett wirksam zu machen, musste man es allerdings zunächst hinter das Gitter der Ursprungskapelle werfen. Danach berührte man damit den in der Sakristei aufbewahrten Messkelch, der dem hl. Wolfgang zugeordnet wurde. Der dabei anwesende Priester sprach eine kleine Weihformel, und schon was das Amulett aktiviert.

3231: Nonnberg bei Salzburg. Silberanhänger, hochoval, um 1682 aus der Werkstatt Seel. Büstenreliquiar der hl. Ehrentrud vom Nonnberg, signiert P -S. Rv. Benediktusschild. 38×33,5 mm. Zum Tragen gelocht. Sehr schön. Schätzung: 100 Euro.

Viel ist nicht bekannt über die hl. Erentrudis, die als erste Äbtissin zu Beginn des 7. Jahrhunderts die Benediktinerabtei Nonnberg beherrschte, und damit zur Schutzpatronin Salzburgs wurde. Sie kam mit ihrem Onkel, dem hl. Rupert von Worms nach Salzburg, um dort im Kloster Nonnberg am 30. Juni 718 zu sterben. Wir wissen, dass ihr bereits im Jahr 788 eine Wallfahrt galt. Man verehrte sie als besonders effektive Helferin gegen Kopfschmerzen und Viehseuchen.
Aber erst im Zeichen der Gegenreformation erhielt Ehrentrudis ihre größte Bedeutung. Ihre Gebeine wurden in einem feierlichen Umzug am 4. September 1624 in die erweiterte Abteikirche überführt. Dieser Tag wurde fortan jedes Jahr mit Prozession und Festpredigt begangen. In diese Zeit gehört auch die auffallende Krone des eigentlich gotischen Büstenreliquiars, die auf unserem Silberanhänger deutlich zu erkennen ist.
Die Rückseite diesen Stücks zeigt den Benediktussegen, mit dem der hl. Benedikt von Nursia in Vicovaro den ihm gereichten Giftbecher zum Zerspringen gebracht haben soll. Die Abkürzung CSSML steht dabei für Crux sacra sit mihi lux (= Das heilige Kreuz sei mein Licht), NDSMD für non draco sit mihi dux (= Nicht der Drache = Teufel sei mein Führer). Kreuzförmig darum sind die Buchstaben CSPB gruppiert für Crux Sancti Patris Benedicti (= Kreuz des hl. Vaters Benedikt).
 In der frühen Neuzeit war die Anwendung des Benediktussegens vielseitig. Im Geldbeutel mitgetragen verhütete er Falschgeld und Betrug, im Baufundament eingelassen hielt er Hochwasser und Lawinen ab. An den Glockenriemen von Kühen gehängt, sorgte er für ihre Sicherheit und reichliche Milchgabe. Er verhinderte Blitz und Hagelschlag, Vergiftung, Steinleiden, Fieber, Hexenwerk und böse Geister.
Auch wenn der Käufer dieses Amuletts den Schutz der Ehrentrudis mit dem wirksamen Benediktussegen kombinierte, scheint Ehrentrudis auch alleine äußerst wirksam gewesen zu sein. Immerhin ist die Abtei am Nonnberg heute weltweit das älteste Frauenkloster mit ununterbrochener Tradition.

Schweiz

3243: Kloster Fischingen (Thurgau). Bronzegussanhänger, vergoldet, hochoval. Augsburg Ende 17. Jh., Jakob Neuss. Hüftbild der hl. Idda im Gewand einer Gräfin, seitlich neben ihr ein Hirsch, über der linken Hand Signatur IN. Rv. Hüftbild des betend knienden hl. Benedikt r., oben sein Segensschild, rechts von seinem Gewandärmel die Signatur IN. 33,8×29,8 mm. SNR 28 (1941), 39, 6var. Sehr schön bis vorzüglich. Schätzung: 100 Euro.

Idda war der Legende nach mit dem Grafen von Toggenburg verheiratet. Eines Tages stahl ein Rabe ihren Ehering. Ein Jäger fand ihn im Nest des Vogels und steckte ihn sich an den eigenen Finger, was der Ehemann von Idda natürlich bemerkte. Er soll seine Gattin vor Wut aus dem Fenster seiner Burg gestürzt haben. Doch Gott rettete sie auf wunderbare Weise. Sie zog sich als Einsiedlerin in eine Klause zurück. Ihr Mann, der irgendwann sein Unrecht einsah, soll ihr eine etwas bequemere Klause beim Kloster Fischingen errichtet haben. Wobei diese Legende relativ jung ist. Vor dem 15. Jahrhundert wusste man in Fischingen nichts davon. Erst die Gegenreformation machte die Legende weit herum bekannt. Und der Fischinger Abt Franz Troger (1688-1728) erfand 1704 für sie sogar eine komplette Chronologie: Geburt 1156, Vermählung 1179, Sturz 1191, Aufenthalt in Fischingen 1218-1216… So viel Engagement wurde vom Papst persönlich belohnt, der den Kult der Idda für das gesamte Bistum Konstanz genehmigte.
Auf der Rückseite des Stücks ist der hl. Benedikt zu sehen mit dem Benediktussegen. Damit verweist das Amulett auf die Benediktiner, die im Kloster von Fischingen ihren Sitz hatten.

Italien

3002: Hl. Alois von Gonzaga. Bronzegussanhänger, hochoval, Italien, 18. Jh. Brustbild mit Kruzifix n. r. Rv. Herz Jesu mit Dornenkrone und Kreuz, Öse und Ring. 28 x 27 mm. Schön bis sehr schön. Schätzung: 50 Euro.

Aloisius von Gonzaga wurde am 9. März 1568 als erbberechtigter Sohn des Ferdinand Gonzaga, Markgraf von Castiglione geboren. Er genoss die Erziehung seines Standes, zunächst am Hofe der Medici in Brescia, dann in Madrid bei Philipp II.
Beeinflusst von seinem Verwandten, dem hl. Karl Borromäus, verzichtete Aloisius 1585 zu Gunsten seines jüngeren Bruders auf das väterliche Erbe und trat in den Orden der Jesuiten ein. In dieser Funktion kümmerte er sich besonders um die Seelsorge der Kranken, was zu seinem frühen Tod mit 23 Jahren während einer Pestepidemie führte.
Schon bald kamen Gläubige an sein Grab, um zu beten. Die Amtskirche nutzte dies im Zeichen der Gegenreformation. Schließlich war Aloisius von Gonzaga ein moderner Heiliger, der die gegenreformatorischen Ideale perfekt verwirklicht hatte: Verzicht auf die weltliche Macht, persönliche Demut, hoch gebildet, voller Nächstenliebe. Der Papst sprach Aloisius bereits 14 Jahre nach seinem Tod selig und machte eine offizielle Verehrung möglich. Die Heiligsprechung erfolgte 1726.
Heute gilt der hl. Aloisius von Gonzaga als Patron der christlichen Jugend und Beschützer der Pestopfer, was derzeit auch auf an Aids Erkrankte ausgedehnt wird.

3276: Palermo, Santa Maria del Lume. Silbergussanhänger, hochoval, 17. Jh. Die gekrönte Madonna mit dem Kind, seitlich ein Putto mit einem Korb voller Herzen, unten links ein Mann, der einen Fuß in das Maul eines Löwen stellt. Rv. Hl. Agrippina von Mineo mit Turm, Buch und Kreuz, den am Boden liegenden Teufel an der Kette haltend. 29,8 x 26,9 mm. Sehr schön. Schätzung: 100 Euro.

Die Kirche Santa Maria del Lume geht auf eine Erscheinung zurück, die Maria di Nazareth am 21. November des Jahres 1722 gehabt haben soll. Der Jesuit Giovanni Antonio Genovesi hatte diese fromme Frau gefragt, unter welcher Gestalt er Maria anbeten solle. Darauf erschien die Madonna der Maria di Nazareth in der Nacht, genauso wie es der Künstler unter Mitwirkung der Gläubigen als Altarbild für die Kirche Santa Maria del Lume gemalt hatte und wie es auf diesem Medaillon zu sehen ist: Die Madonna rettet mit der rechten Hand einen Mann aus dem Fegefeuer, das durch das Löwenmaul angedeutet wird. Dafür reicht ihr ein Kind stellvertretend für die gläubige Menschheit einen Korb voller Herzen.
Die Rückseite des Medaillons zeigt die hl. Agrippina von Mineo, ein Opfer der Christenverfolgung unter Kaiser Valerian (253-260). Ihr Kult wurde besonders in Mineo ausgeübt, wohin ihre Schwester die Reliquien gebracht haben soll. Agrippina half gegen die Lepra und andere unerklärliche Krankheiten wie Pest, Ruhr und Cholera.
Bemerkenswert ist die Verehrung, welche die hl. Agrippina heute in Boston / USA erfährt. Dort wird ihre eine Tonne schwere Statue seit 1914 einmal im Jahr von 20 Männern durch die Straßen getragen, um den Unterhalt für ihre Kirche durch Spenden zu sammeln.

Den vollständigen Auktionskatalog finden Sie online auf der Seite des Auktionshauses Gorny & Mosch.

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