Heinrich Wilhelm von Werther: Der Mann, der einen Krieg verhinderte

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„Der König dem ehrenwerten Herrn Werther, außerordentlicher Botschafter und bevollmächtigter Minister von Preußen“, diese Inschrift ließ Charles X. von Frankreich auf den Rand einer goldenen Medaille gravieren. Gedacht war diese Medaille als ein persönliches Geschenk des französischen Königs an den preußischen Botschafter Heinrich Wilhelm von Werther, der als Stellvertreter des preußischen Königs an der Krönung von Charles X. in Reims teilgenommen hatte.

Das Stück erinnert an eine Epoche, in der Frankreich und Preußen eng zusammenarbeiteten. Es stammt aus der Sammlung Hermann Schwarz, die am 25., 27. und 28. September 2021 von Künker in Osnabrück aufgelöst wird. Die Medaille liegt seit 1938 in der Sammlung Schwarz, nachdem der Sammler sie bei der Münchner Münzhandlung Julius Jenke erworben hatte. Die Medaille ist ein einmaliges Zeugnis dafür, dass Deutschland im 19. Jahrhundert nicht nur Politiker hervorgebracht hat, die zum Krieg trieben, sondern auch solche, die ihn verhindern wollten. Aber von Anfang an.

Künker Auktion 352 (2021), Los 1209: Charles X. (1824-1830). Große goldene Medaille auf seine Krönung in Reims am 29. Mai 1825. Geschaffen von E. Gatteaux. Aus Sammlung Schwarz. Vorzüglich. Schätzpreis: 25.000 EUR.

Könige von Gottes Gnaden?

Es lohnt sich, die Medaille genauer anzusehen. Sie zeigt nämlich nicht, wie eigentlich zu erwarten, die Krönung des Herrschers, sondern die Salbung. Und das hat einen ganz besonderen Grund. Mit der Betonung der Königssalbung stellte Charles X. klar, dass er seine Herrschaft direkt von Gott empfing.

Das französische Salböl wurde nämlich als eine Himmelsgabe verstanden, die aus dem König – ähnlich wie bei der Priesterweihe – einen Gesalbten des Herrn machte. Die heilige Ampulle, die seit rund 1000 Jahren unerschöpflich Öl spendete, soll der Legende nach per Taube vom Himmel eingeflogen worden sein, damit der heilige Remigius – der dummerweise seine eigene Ampulle vergessen hatte – den ersten christlichen König von Frankreich salben konnte.

Die moderne Geschichtsschreibung weiß, dass die Salbung spätestens seit den Karolingern Teil der Krönungszeremonie sein konnte und zur Zeit der frühen Kapetinger ein unverzichtbares Ritual der Königserhebung darstellte.

Welche zentrale Rolle sie für das Selbstverständnis der französischen Könige darstellte, sieht man daran, dass die Anhänger der Französischen Revolution im Jahr 1793 – unmittelbar nach der Hinrichtung von Ludwig XVI. – in einer öffentlichen Zeremonie die heilige Glasampulle zerschlagen zu müssen glaubten, um zukünftige Salbungen unmöglich zu machen. Als es dann darum ging, mit der Krönung Charles X. die erste Krönung nach dem Wiener Kongress wieder durchzuführen – Ludwig XVIII. hatte aus diplomatischen Gründen auf eine Krönung in Reims verzichtet –, war das heilige Öl wunderbarerweise wieder da: Fromme Bürger sollen Splitter der Ampulle aufgesammelt haben, an denen noch Öl klebte. Eine andere Überlieferung schreibt die Rettung des himmlischen Öls einem Pfarrer und einem städtischen Beamten zu, die beide der Ampulle ein Tröpfchen der kostbaren Flüssigkeit entnommen hatten, ehe sie öffentlich zerstört wurde.

Man mag diese Spitzfindigkeiten heute witzig finden, sollte aber nicht vergessen, dass sich hinter Ampulle und Öl eine politisch hochbrisante Frage verbarg: Wer legitimierte den französischen König? Gott oder die Bürger? Charles X. zeigte mit seiner Salbung und dieser Medaille, dass er der Auffassung war, dass ihn Gott zum Herrscher Frankreichs gemacht habe, und er deshalb in seinen Entscheidungen unfehlbar sei. Eine Einstellung, die viele seiner Standesgenossen teilten. Der russische Zar, der Kaiser von Österreich und der König von Preußen hatten sich gegenseitig in der am 26. September 1815 geschlossenen Heiligen Allianz versichert, dass sie sich zu Hilfe eilen würden, sollte noch einmal eine Revolution das Gottesgnadentum und die dynastische Legitimität bedrohen. Mit wenigen Ausnahmen – darunter der Kirchenstaat und Großbritannien – traten alle Fürsten Europas der Heiligen Allianz bei, so auch Frankreich im Jahr 1818.

Das wohl bekannteste Bild der Juli-Revolution von Eugène Delacroix: Die Freiheit führt das französische Volk zum Sieg. Louvre.

Die Julirevolution – ein Fall für das Einschreiten der Heiligen Allianz?

Und dann kam die Julirevolution. Die französischen Bürger wehrten sich gegen die Restaurationsversuche Charles X., der 75% der wahlberechtigten Bürger ihr Privileg wieder zu nehmen beabsichtigte. Eine Hungersnot verschärfte die Situation und gab dem Aufstand seine brutale Schlagkraft. Am 26. Juli 1830 wurden die Juliordonnanzen zum Wahlrecht veröffentlicht. Am 27. Juli gingen die Pariser auf die Barrikaden – im wortwörtlichen Sinn. Am 29. Juli besetzten sie den Louvre und am 2. August verzichtete Charles X. auf seine Krone.

Und an dieser Stelle kommt der preußische Gesandte Heinrich Wilhelm Freiherr von Werther ins Spiel. Der 1772 in Königsberg geborene Preuße hatte sich nach einigen Jahren im Militär und am Hof für die diplomatische Karriere entschieden. Sein Weg führte ihn über Konstantinopel, Spanien und London nach Paris, wo er seit 1824 die preußischen Interessen vertrat. Seine Zeitgenossen lobten sein konziliantes Wesen, seine scharfe politische Beobachtungsgabe und sein hervorragendes Netzwerk. Er war zum Beispiel sowohl mit Charles X. als auch mit seinem Nachfolger Louis Philippe vielleicht nicht gerade befreundet, aber doch zumindest vertraut. Es sagt viel über Werther, dass von ihm wiederholte persönliche Kontakte mit dem brillanten Spötter Heinrich Heine überliefert sind.

Werther kämpfte mit diplomatischen Mitteln für ein friedliches Miteinander der Nationen. Und so war er führend daran beteiligt, dass Preußen als Garantiemacht der Heiligen Allianz eben nicht einem Krieg mit Frankreich zustimmte, wie laut Metternich den auch fordern mochte. Wie groß war der Einfluss Werthers, Preußens Zustimmung zu gewinnen, als Frankreich und Großbritannien gemeinsam erklärten, dass jedes Volk das Recht habe, seine Regierung zu verändern? Das heute so selbstverständliche Selbstbestimmungsrecht der Völker ist als europäische Maxime eine Antwort auf die Ereignisse nach der französischen Julirevolution von 1830. Und Werther dürfte an seiner Formulierung beteiligt gewesen sein.

Für wie wichtig Heinrich Wilhelm von Werther seine Anwesenheit im brodelnden Paris hielt, zeigt die Tatsache, dass er im Frühjahr 1831 eine Berufung zum preußischen Außenminister ablehnte! Die Mächte, mit denen er verhandelte, anerkannten seine Leistung: Der Zar verlieh ihm den Alexander Newski-Orden, der französische König das Großkreuz der französischen Ehren-Legion. Der preußische König ehrte ihn 1833 mit dem Titel eines Wirklichen Geheimrats und dem Schwarzen Adlerorden. Nicht zu vergessen, dass er ihn im April 1837, nachdem die Krise bewältigt war, nun doch zum preußischen Außenminister machte.

Künker Auktion 352 (2021), Los 1843: Friedrich Wilhelm IV. (1840-1861). Doppelter Friedrichs d’or aus dem Revolutionsjahr 1848. Aus Sammlung Schwarz. Vorzüglich. Schätzpreis: 1.750 EUR.

Die Rückkehr des Gottesgnadentums nach Preußen

Am 7. Juni 1840 starb Friedrich Wilhelm III. Sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. bestieg den Thron und machte von Anfang an keinen Hehl daraus, dass er sich selbst für einen Herrscher von Gottes Gnaden hielt – und den französischen Bürgerkönig Louis Philippe für einen illegitimen Usurpator. Heinrich Wilhelm von Werther dürfte seiner Entlassung zuvorgekommen sein, indem er im August 1841 selbst seinen Abschied einreichte. So konnte der gewiefte Diplomat das gute Verhältnis zum König zumindest nach außen hin aufrechterhalten und weiterhin vom Hintergrund aus seinen Einfluss geltend machen.

Es spricht für ihn als Vater, dass auch sein Sohn, Karl von Werther, seine Ideale teilte und im diplomatischen Dienst Kriege zu verhindern, nicht zu provozieren beabsichtigte. Doch als er Otto von Bismarcks Pläne für den Krieg von 1870/1 durch Verhandlungen mit Frankreich zu torpedieren versuchte, wurde er mit einem scharfen öffentlichen Tadel aus dem diplomatischen Dienst entlassen. Diesen Krieg musste sein Vater Heinrich Wilhelm von Werther zum Glück nicht mehr erleben.

 

Die vorgestellten Stücke finden Sie im Katalog der Künker-Herbstauktion.

Die Auktion haben wir ausführlich in einem Vorbericht vorgestellt.

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