Herakles der Schlangenwürger

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mit freundlicher Genehmigung von Heiner Stotz, LHS Numismatik

Ein uniker Elektronstater aus Kyzikos geprägt im Jahr 405/4

Im Jahre 407 schickten die Spartaner Lysander nach Kleinasien, wo er die Athener zur See bekämpfen sollte. Dies tat er mit großem Erfolg: Noch im selben Jahr vernichtete er die Flotte der Athener bei Notion. So viel Erfolg war den Spartanern unheimlich. Sie tauschten den siegreichen Lysander gegen Kallikrates aus, der sofort Schlacht und Leben bei den Arginusen verlor. So kam Lysander zurück und siegte bei Aigospotamoi. Damit hatten die Spartaner den Athenern die Vormacht zur See abgenommen, sehr zur Freude einiger Oligarchen. Es gelang ihnen nämlich nun – natürlich mit Unterstützung des Lysander – ihre demokratischen Gegner aus den führenden politischen Ämtern zu verdrängen und selbst die Macht zu übernehmen.

Reste des antiken Theaters von Sparta, im Hintergrund der Taygetos. Foto: Nickthegreek82 / Wikipedia.

Ephesos hatte bereits vor 412 gegen Athen revoltiert und war trotz athenischer Angriffe unabhängig geblieben. Deshalb machte Lysander die Stadt zu seinem Hauptquartier. Dies war für Ephesos mehr als vorteilhaft: Lysander bewirkte einen Aufschwung der Wirtschaft. Er ließ den Hafen vergrößern und sorgte dafür, daß Handelsschiffe aus aller Herren Länder die Stadt anfuhren, um ihre Waren nach Ephesos zu bringen. Die Bürger von Ephesos lohnten diese Bemühungen mit ihrer unverbrüchlichen Treue gegenüber Sparta.
Auch Knidos hatte bereits 412 seine Mitgliedschaft im Delisch-Attischen Seebund widerrufen und alle Angriffe der athenischen Flotte abgewehrt. Es wurde von Lysander im Jahr 407 zu einem Flottenstützpunkt ausgebaut. Dasselbe geschah mit Rhodos, das ebenfalls von Athen abgefallen war. Im Jahr 408/7 hatten sich auf dieser Insel die Bürger der verschiedenen Siedlungen in einem Synoikismos in Rhodos versammelt, um sich so leichter verteidigen zu können. Diese neue Hauptstadt von Rhodos wurde zu einer weiteren Seebasis für Lysander. Byzanz, Kyzikos, Lampsakos und Iasos mußten nach der Schlacht von Aigospotamoi von Lysander mit mehr oder weniger Gewalt erobert werden. Samos blieb Athen am längsten treu. Erst im Jahr 404 gelang es Lysander, hier die Herrschaft erringen. So mußte sich die Stadt mit einer Regierung abfinden, die ihr Lysander aufoktroyierte. Zehn Sparta freundliche Archonten bestimmten für die folgenden Jahre das Schicksal der Samier.

Im athenischen Parthenon lagerte nicht nur die Kasse des Delisch-Attischen Seebundes. Er war auch mit Mitteln der Bundeskasse bezahlt worden. Fotographie aus dem 19. Jahrhundert.

All diese Städte mußten nun keinen Tribut mehr an Athen zahlen. Und dabei hatte es sich um gewaltige Summen gehandelt. Ephesos zahlte zwischen 6 und 7 1/2 Talente, Knidos zwischen 3 und 5, Rhodos hatte bis zu 10 Talente abgeliefert und Byzanz sogar zwischen 15 und 21. Kyzikos trug 9 Talente bei, Lampsakos 12 und Iasos zwischen einem und 4. Samos mußte kein Geld zahlen, dafür aber seine Flotte Athen im Notfall zur Verfügung stellen. All das Silber, das nun nicht mehr nach Athen floß, konnten die Städte für eine eigene Münzprägung nutzen. Daß sie dafür ein Motiv wählten, das Lysander als ihren Befreier feierte, ist leicht zu verstehen.

Herakles am Scheideweg zwischen Tugend und Laster. Gemälde von Annibale Carracci, um 1596. Wikipedia.

Obwohl Lysander keiner der beiden spartanischen Königsfamilien angehörte, gab er an, von Herakles abzustammen. Und so wählten die befreiten Städte ein Motiv, das den Stammvater des Lysander bei seiner frühesten Heldentat zeigt.
Herakles war der Sohn von Zeus und Alkmene, die ihn als den ersten von Zwillingen gebar, wobei das andere Kind von ihrem menschlichen Gemahl, König Amphitryon von Theben stammte. Hera war auf dieses Kind fürchterlich eifersüchtig und sie schickte zwei Schlangen, um Herakles zu töten. Als nun der kleine Herakles vom Geschrei seines menschlichen Bruders aufwachte, erwürgte er die beiden Schlangen, bevor die herbeigeeilten Eltern etwas unternehmen konnten. Diese Tat erwies ihn als wahres Kind des Zeus, das sich selbst von den Übeln befreite, die ihm Neid und Mißgunst geschickt hatten. Und genau dieselbe göttliche Leistung glaubten die Städte, die Münzen mit diesem Motiv prägten, in den Handlungen Lysanders wiederzuerkennen. Er hatte sie von der politischen Unterdrückung durch die Athener befreit.

Samos. Tridrachmon, um 405/4. Jugendlicher Herakles, zwei Schlangen würgend. Rv. Löwenkopf von vorne. 11,29 g. Barron 1b (dieses Exemplar). Aus Auktion Leu Numismatik AG 81 (2001), 283.

Tridrachmen von Byzanz, Lampsakos, Ephesos, Samos, Iasos, Knidos und Rhodos sind seit langem bekannt. Und man wußte, daß es auch Hekten eines identischen Typs von Kyzikos gibt. So stand zu erwarten, daß irgendwann auch ein Elektronstater aus Kyzikos mit diesem Typ auftauchen würde.

Kyzikos. Elektronstater, um 405/4. Jugendlicher Herakles, zwei Schlangen würgend, unter ihm Thunfisch n. r. schwimmend. Gevierteltes Quadratum incusum. 16.15 g. Unikum. Aus Auktion Leu Numismatik AG 94 (2005), 649.

Tatsächlich wurde in Auktion 94 des Auktionshauses Leu Numismatik AG der erste bekannte Elektronstater von Kyzikos mit einer Darstellung des die Schlangen würgenden Herakles angeboten. Aus stilistischen Gründen dürfte seine Entstehung eng mit den anderen Münzen der Serie mit der Darstellung des jugendlichen Herakles zusammenhängen, so eng, daß wir davon ausgehen, daß er der von Kyzikos geprägte Teil der Serie war.
Die hier angenommene Datierung der Serie ist in der Wissenschaft übrigens nicht völlig unumstritten. J. Barron, Two Goddesses in Samos, Studies Price, S. 23-27, ist der letzte in einer langen Reihe von Forschern, die einen anderen historischen Zusammenhang annimmt. Sie sehen in diesen Münzen das numismatische Zeugnis einer anti-spartanischen Symmachie, die nach dem Seesieg des Konon bei Knidos um 394 v. Chr. entstand. Allerdings gibt es andere, wesentlich schlüssiger Argumente für eine Datierung kurz vor 400, bei S. Karwiese, Herakliskos Drakonopignon, NC 1980, 1-27. Wir folgen in der Darstellung diesem Zeitansatz.

Embleme sind eine typisch barocke Kunstform, die aus drei Elementen besteht: Einem Motto, einer Illustration und einem kleinen Sinnspruch. In unserem Fall lautet das Motto zu diesem Bild: In cunis iam Iove dignus (= in der Wiege schon dem Iuppiter würdig).

Übrigens wurde der die Schlangen erwürgende Herakles ein solcher Gemeinplatz der antiken Kunst, daß ihn die Renaissance wieder entdeckte. Sie machte die Darstellung zu einem Emblem, einer Art Bilderrätsel, mit der die Gebildeten zum Ausdruck bringen wollten, daß sich die wahre Größe jedes bedeutenden Mannes schon während seiner frühesten Kindheit zeigt.

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