Müssen wir den Beginn der Münzprägung um ein halbes Jahrtausend vordatieren?

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Am 18. November 2019 wird im Genfer Auktionshaus Numismatica Genevensis SA unter Nr. 101 ein Objekt versteigert, das geeignet ist, unsere Version der Geldgeschichte in Frage zu stellen. Es handelt sich um einen Silberbarren mit der Namenskartusche des bekannten Pharao Tutanchamun. Dieser Barren wurde im Gewicht eines halben Deben ausgebracht, also in einer Gewichtseinheit, die im ägyptischen Reich als Buchwährung diente. Müssen wir also den Beginn der Münzproduktion um mehr als ein halbes Jahrtausend vordatieren? Kannten schon die ägyptischen Pharaonen das Konzept „Münze“?

Tutanchamun, um 1345-1327 v. Chr. Silberbarren im Gewicht von etwa einem halben Deben. Hergestellt in einem phönizischen Handelshaus oder im Libanon. Tropfenförmiger Schrötling mit einer Kartusche in Form eines Kruges, darin in Hieroglyphen die Inschrift „Tutanchamun, Herrscher von Heliopolis in Oberägypten“. 41,55 g. Valloggia, Barren A (dieses Exemplar).

Das Objekt

Bei dem angebotenen Objekt handelt es sich um einen tropfenförmigen Barren aus hochwertigem Silber. Der Silbergehalt von 98,54 % weist darauf hin, dass es sich um künstlich raffiniertes Silber handelt, das die höchste Reinheitsstufe vorweist, die ein Goldschmied damals erreichen konnte.

Das Gewicht von 41,55 g weicht um 8,7 % von den 45,5 g ab, die einem halben Deben bzw. 5 Kite entsprechen würden. Solch eine Abweichung liegt durchaus im Bereich des Akzeptablen, wie wir aus anderen Epochen der Numismatik wissen.

Die Kartusche in Form eines Kruges nennt den Namen des Pharaos Tutanchamun und bezeichnet ihn als Herrscher von Heliopolis in Oberägypten. Sie datiert damit das Stück auf die Jahre zwischen 1345 und 1327 v. Chr., in denen dieser kurzlebige Pharao, der durch die Ausgrabungen von Howard Carter weltberühmt wurde, regierte.

Der bei Numismatica Genevensis SA angebotene Barren ist eines von zwei Stücken, die aus der Sammlung des bereits 1968 verstorbenen Roger Pereire stammen. Seine Tochter verkaufte die väterliche Sammlung zu Beginn der 70er Jahre. Seitdem liegt der Silberbarren in einer schweizerischen Privatsammlung.

Das ägyptische Währungssystem

Überraschen sollte es einen eigentlich nicht, dass solche, die Funktion einer Münze übernehmende Silberbarren existieren. Seit der Bronzezeit kennen wir genormte Barren aus Bronze, die sicher als überall geschätztes Rohmaterial, vielleicht sogar als prämonetäre Geldform kursierten. Denken wir nun daran, dass die Ägypter – genauso wie die Bewohner des Zweistromlandes – über eine hoch differenzierte Wirtschaft und eine komplexe, im alltäglichen Wirtschaftsleben ständig benutzte Buchwährung verfügten, passt ein dem Währungssystem entsprechender Silberbarren, der als Zahlungsmittel dienen konnte, durchaus ins Bild.

Hunderte von Ostraka aus der Arbeitersiedlung von Theben-West nennen die Preise alltäglicher Waren, Löhne und die Wertmaßstäbe, nach denen beides berechnet wurde. Die Handwerker und Kaufleute des Neuen Reichs kalkulierten in Silber, Kupfer und Getreide, und zwar je nach dem Warenwert. Größere Summen wurden in Silber, alltägliche in Kupfer, kleine in Getreide ausgedrückt. Ganz selten finden wir sogar Gold-Deben als Preisangabe. Neben dem Silber-Deben wurde in Theben-West übrigens noch der Silber-Schenati verwendet, der zunächst 5, später 4 Deben Kupfer entsprach.

Ein Schreiber hält im Getreidespeicher genau fest, wie viel Getreide geliefert wird. Aus der Grabausstattung des Gemniemhat. Sakkara, um 1990 v. Chr. Ny Carlsberg Glyptothek. Foto: UK.

Zwanzig Silberstücke für den Sklaven Josef

Sehen wir uns ein paar praktische Beispiele an. Ein Steuerinventar, das im Auftrag von Ramses III. (1188-1156) angelegt wurde, nennt u. a. die Einkünfte an Kupfer (26.320 Deben), Leinen (3.722 Deben), Weihrauch, Honig und Öl (zusammen 1.047 Deben), Getreide (309.950 Deben), Flachs (64.000 Deben) und Wasservögeln (289.530 Deben).

Dass auch einfache Leute in Deben und Kite rechneten, zeigt eine Rechnung an Erenofre, eine Hausherrin, die eine Sklavin kaufte. Die Kosten dafür betrugen 5 Deben Silber. Sie leerte ihren Wäscheschrank, um diesen Betrag aufzubringen und übergab dem Händler u. a. eine Decke aus oberägyptischem Tuch im Wert von 3 1/3 Kite in Silber, eine djayt-Gewebe aus oberägyptischem Tuch im Wert von 4 Kite in Silber, ein Kleid aus feinem oberägyptischen Tuch im Wert von 5 Kite in Silber – und anderes mehr, bis die Summe von 5 Deben Silber beglichen war.

Der Schritt von so einer elaborierten Buchwährung zu kleinen Silberbarren im Wert von einem halben Deben ist klein. Und tatsächlich würde dies auch eine uns seit Jahrhunderten bekannte Überlieferung in ein völlig neues Licht stellen – jedenfalls hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Geldgeschichte: Im Buch Genesis (Gen 37,28) wird der Verkauf von Josef an midianitische Kaufleute geschildert. Dabei wechselten 20 Silberstücke den Besitzer. Bislang wurden sie als Rohsilber gedeutet, das nach der Übergabe gewogen wurde. Doch hätte man dann nicht eher von einem Gewicht als von einer Zahl gesprochen? Erinnert man sich darüber hinaus an die fünf Deben, die unsere Ägypterin für eine junge Sklavin zahlte, könnte es sich bei diesen Silberstücken durchaus um kleine Barren im Wert von einem halben Deben gehandelt haben. Noch im Höchstpreisedikt des Diocletian haben nämlich männliche Sklaven einen um 30 bis 50 % höheren Wert als weibliche Sklavinnen, so dass ein Preis von 10 Deben in Silber für einen kräftigen männlichen Sklaven durchaus realistisch wären.

Ein Sack voll Silberstücke als Beute eines Diebes

Ein anderer Text bestätigt dieses Bild. Darin wird von einem Diebstahl berichtet: Dabei entwendete ein Mann ein Gefäß aus Gold zu fünf Deben, vier Krüge aus Silber im Gewicht von zwanzig Deben und einen kleinen Sack mit Silberbarren zu elf Deben.

Gibt es keine Vergleichsstücke oder hat man sie einfach noch nicht beachtet?

Bisher sind der Numismatik keinerlei Vergleichsstücke bekannt, was nicht heißen muss, dass es sie nicht gibt. Ihre Bedeutung könnte der wissenschaftlichen Welt bisher entgangen sein, weil es sich bei ihnen um – jedenfalls in den Augen eines Ägyptologen – eher unauffällige Objekte handelt. Es gibt aber durchaus Schatzfunde, in denen Barren aus Gold und Silber enthalten sind. So gehörten zum Schatzfund aus dem Tempel von el-Tod, der zwischen dem Louvre und dem ägyptischen Museum in Kairo geteilt wurde, Silberbarren im Gesamtgewicht von 8,87 kg. Vielleicht entsprechen auch sie dem ägyptischen Gewichtsstandard.

Ein neues Bild der Geldgeschichte

Der bei Numismatica Genevensis SA angebotene Barren ist ein entscheidender Hinweis darauf, dass es keine lydisch-griechische Erfindung war, eine weit verbreitete Buchwährung im Form eines realen Minibarrens auszuprägen und durch einen Stempel zu garantieren.

Und das würde durchaus zu unserem Wissen darüber passen, wie die griechische Kultur fremde Innovationen nutzte, um alltagstaugliche Konzepte zu entwickeln.

Denn auch wenn dieser spektakuläre Barren die Grundlagen für ein funktionierendes Münzsystem hätte legen können, blieb es doch den Griechen überlassen, diesem Gedanken zur Alltagstauglichkeit zu verhelfen.

 

Literatur:

Manfred Gutgesell, Arbeiter und Pharaonen. Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Alten Ägypten. Hildesheim 1989.

David M. Schaps, The Invention of Coinage and the Monetization of Ancient Greece. Ann Arbor 2007.

Michel Valloggia, Note sur deux lingot d’argent de Toutânkhamon, Revue d’égyptologie 68 (2017-2018), S. 141-152.

 

Hier kommen Sie zur Auktion von Numismatica Genevensis.

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