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Sammler, Mäzen, Patient – Das tragische Leben von Rudolf II. Teil 3: Der Sammler

Einblattdruck zur Eroberung von Raab im Jahr 1598.
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Nach dem langen Türkenkrieg sah Rudolf seine gottgewollte Allmacht angekratzt. So flüchtete der Kaiser sich in seine Kunstsammlungen, für die er immer Geld fand. Doch gegen seinen ambitionierten Bruder Matthias half ihm das nicht.

Die Eroberung von Raab

Für Rudolf war der Türkenkrieg eine Art Armageddon, eine endzeitliche Entscheidungsschlacht zwischen den Christen im Dienste Gottes und den Mächten des Bösen personifiziert in den Osmanen. Als Kaiser fühlte sich Rudolf zum Sieg verpflichtet. Leider war der Krieg in der Praxis eher ein Manövrieren permanent unterbezahlter Truppen, die sich den Plünderungen der Osmanen in den Weg stellten. Doch in der Rückeroberung der Festung Raab (ung. Györ, lat. Iauriunum) spürte Rudolf das Ereignis, das für ihn einen Teilsieg gegen die Mächte des Bösen bedeutete.

Am 29. März 1598 gelang es unter dem Kommando des Adolf von Schwarzenberg und des Niklas Pálffy, mittels einer Petarde das Stadttor zu sprengen und die Festung einzunehmen. Der Mann, der die Petarde gebaut hatte, erhielt 300 Reichstaler Gratifikation, die Kommandanten ein Vielfaches davon.

Mit allen damals möglichen Medien wurde dieser Sieg gefeiert. Wir kennen prachtvolle Gemälde, die in den Schlössern Rudolfs zu sehen waren und an befreundete Herrscher geschickt wurden. Man produzierte eine Fülle von Einblattdrucken, die sich an die Bürger und die wohlhabenden Landedelleute richteten. Rudolf befahl den österreichischen Gemeinden, die Raaber Kreuze zu errichten, auf denen eine Inschrift zu lesen stand, in der Gott für die Rückeroberung Raabs gedankt wurde. Damit erfuhr auch die Landbevölkerung von dem Ereignis.

Und natürlich gab Rudolf eine Fülle von Medaillen in Auftrag. Manche Prägungen setzen das christliche Heer vor Raab geradezu mit Christus gleich. Auf einer Klippe im Wert von zwei Dukaten bezieht sich die Umschrift auf die Sprengung des Stadttores. Christus sei in der Lage sogar durch verschlossene Türen zu gehen. Und tatsächlich sehen wir Christus vor einer Tür: Er zeigt der ihn anrufenden Gemeinde den Weg.

Eine andere Medaille präsentiert die Festung von Raab in der Vogelschau. Achten Sie auf die Zugbrücke und das Tor. Dort finden Sie eine Wolke aus Qualm und Staub, um an die Explosion zu erinnern.

Eine andere halbe Talerklippe zeigt den Kriegsgott Mars mit der Umschrift „Von Gott wurde dies vollbracht“. Mars trägt um den Hals einen merkwürdigen Kreis. Es handelt sich nicht um einen Schild, sondern um den uns schon bekannten Ouroboros als Zeichen für das glückliche Zeitalter, das mit dem Sieg von Raab eingeläutet wird.

Der Traum vom Sieg und die Realität

Rudolf glaubte 1598, dass er (resp. das Heer) ein Werkzeug des Himmels im Kampf gegen die Hölle gewesen sei. Für ihn war es ein Ding der Unmöglichkeit, was seine Brüder und seine Ratgeber längst begriffen hatten. Der Krieg gegen die Osmanen konnte nicht gewonnen werden. Er schadete beiden Reichen, also musste ein Friede her. Dieser Friede ist als der Friede von Zsitvatorok in die Geschichte eingegangen. Er wurde am 11. November 1606 geschlossen und legte eine Einmalzahlung von 200.000 Gulden an den osmanischen Sultan fest. Damit wurden die bis dahin als Geschenke schöngeredeten Tribute der Habsburger an die Hohe Pforte endgültig beendet. Der Osmanische Sultan anerkannte den Habsburger Herrscher damit erstmals als gleichberechtigt. Ansonsten wurden mit wenigen Ausnahmen die Grenzen festgelegt, die vor dem Türkenkrieg bestanden. De facto war dieser Vertrag ein diplomatischer Sieg für die Habsburger. Rudolf aber war verzweifelt. Für ihn kompromittierten die Bedingungen alles, für das ein Kaiser stand.

Tizian, Porträt des Jacopo Strada. Heute im Kunsthistorischen Museum, Wien.

Eine Sammlung als politisches Mittel

Was das sakrosankte Amt des „Kaisers“ für Rudolf bedeutete, kommt wunderbar zum Ausdruck, wenn wir seine Kunstsammlungen Revue passieren lassen. In seinen Kunstsammlungen versammelte er den Weltkreis um sich. Das gesamte damals bekannte Universum spiegelte sich in den kostbaren Objekten, die Rudolf aus der ganzen Welt herbeibringen ließ. Trotz Geldmangel musste er das Schönste, das Seltenste, das Beste um sich versammeln. Für Künstler und ihre Werke, für Antiken und seltene Münzen, für raffinierte Automaten und die feinsten geschliffenen Gläser, für kostbare Naturalien und Reliquien, für all diese Dinge war immer genug Geld vorhanden.

Damit wurde der Kaiserhof das Zentrum eines um 1600 bereits sehr aktiven Kunsthandels. Zentrale Gestalt ist in diesem Zusammenhang der italienische Kunsthändler und Numismatiker Jacopo Strada (1507-1588) und sein Sohn Ottavio (1550-1607), die Rudolf II. unmittelbar nach seiner Thronbesteigung an den Prager Hof holte. Der Vater hatte seine Ausbildung als Kunstagent der Fugger gemacht. Spätestens seit 1556 stand er in dieser Funktion auch den Habsburgern zur Verfügung. Wie eng das Verhältnis des Kaisers zu dieser ursprünglich bürgerlichen Familie war, zeigt die Tatsache, dass Ottavios Tochter Katharina die kaiserliche Mätresse wurde, von der Rudolf sechs Kinder hatte – natürlich alle nicht standesgemäß und deshalb für die Thronfolge ungeeignet.

Wenn sich Rudolf gegen Ende seines Lebens immer häufiger in den Räumen seiner Sammlung verkroch, dann wohl vor allem deshalb, weil er in seiner Sammlung der allmächtige Kaiser zu sein schien, als den er sich gerne gesehen hätte. All die Schätze aus der ganzen bekannten Welt schienen von seiner allumfassenden Würde zu sprechen, einer Würde, die er im realen Leben zu verlieren drohte.

Als Rudolf seinen Bruder Matthias 1608 vor Prag traf, kam es zu einer Aufteilung der Macht.

Bruderzwist im Hause Habsburg

Ein gelegentlich in Melancholie versinkender Kaiser, der sich weigerte zu heiraten und Nachwuchs zu produzieren, in Verbindung mit einem äußerst ehrgeizigen Bruder: Diese Mischung war mehr als explosiv. Für Rudolf verschlimmerte sie die Symptome seiner Krankheit. Sein Beichtvater Johannes Pistorius, der ihn wohl am besten von allen Zeitgenossen gekannt haben dürfte, schrieb über ihn: „Er ist nicht besessen wie manche glauben, sondern er leidet an Melancholie, die im Laufe einer langen Zeit allzu tiefe Wunden geschlagen hat.“

Das Verhältnis zwischen den Brüdern war nicht so gestaltet, dass Rudolf sie für so vertrauenswürdig gehalten hätte, dass er ihnen freiwillig einen Teil der Macht übergeben hätte. Er war der Inhaber der kaiserlichen Allmacht! Punktum. Der extrem ehrgeizige Matthias, der sich seit dem Tod des zweitältesten Bruders Ernst im Jahr 1595 große Chancen auf die Nachfolge ausrechnete, war nicht mehr bereit, die Situation so hinzunehmen, wie sie war. Er hielt die Gefahr für zu groß, dass Rudolf sozusagen in letzter Sekunde einen anderen als Nachfolger benennen würde. (Wie gesagt, das Konzept der Primogenitur war um 1600 noch sehr umstritten.) Denkt man außerdem daran, dass sich die religiöse Situation um 1600 erheblich zu verschlimmern begann, gab es für einen toleranten Kaiser keinen Platz mehr. Die religiösen Hardliner, die sich um Matthias versammelten, drängten auf Konfrontation.

Als es also 1599 zu einer schweren gesundheitlichen Krise des Kaisers kam – vielleicht auch hervorgerufen durch den Druck der Brüder, endlich die Nachfolge zu regeln –, trafen sich Matthias, Maximilian und Ferdinand in dem am Semmering gelegenen Schottwien. Dort schlossen sie ihren ersten Vertrag ab, gemeinsam eine Nachfolgeregelung gegenüber dem Kaiser durchzusetzen.

In einer gemeinsamen Urkunde vom 25. April 1606 erklärten die Brüder den Kaiser für geisteskrank und bekundeten offen den Willen, ihn abzusetzen. 1608 hatte Matthias ein Heer versammelt und marschierte auf Prag. Die böhmischen Stände verteidigten ihren Kaiser und so musste Matthias im Vertrag von Lieben die Macht teilen. Rudolf behielt Böhmen, Schlesien und die Lausitz. Matthias nahm sich Ungarn, Österreich und Mähren.

Wobei übrigens nicht alle Untertanen damit einverstanden waren. Gerade die Protestanten fürchteten die Rekatholisierung, die mit der Machtergreifung von Matthias nicht zu verhindern schien. Erst als Matthias ihnen ihre Religionsfreiheit zusicherte, waren sie bereit, ihn als neuen Herrscher anzuerkennen.

Erzherzog Leopold im geistlichen Gewand, 1604.

Das Passauer Kriegsvolk

Um sich gegen einen erneuten Angriff seines Bruders abzusichern, heuerte Rudolf II. eine als Passauer Kriegsvolk bekannt gewordene Söldnertruppe an. Diese war ursprünglich vom Passauer Fürstbischof aufgestellt worden, um im Jülich-Kleveschen Erbstreit eingesetzt zu werden. Der mit Claudia von Medici verheiratete Fürstbischof Leopold von Österreich-Tirol war ein Verwandter Rudolfs und hatte dessen Wohlwollen gewonnen. Man sagt, Rudolf habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, ihn zu seinem Nachfolger zu machen, um so den verhassten Matthias von der Herrschaft auszuschließen.

Angeführt von Leopold versuchten die Söldner, Prag zu „sichern“. Sie besetzten die Kleinseite der Stadt. Die Altstadt blieb in Bürgerhand und wurde erfolgreich verteidigt. Der Stadtrat wusste von den grausamen Übergriffen, die von den Söldnern in der eroberten Stadt Budweis begangen worden waren. Da weder Leopold noch der Kaiser das Geld für den Sold besaßen, hielten sich die Söldner eben anderweitig schadlos.

Leopold musste abziehen, und Matthias besetzte mit seinen Truppen im März 1611 die Stadt. Am 23. Mai des gleichen Jahres ließ er sich in Prag zum König krönen.

Ein einsamer Kaiser inmitten von Kunstschätzen

Damit war dem Kaiser nur noch der Hradschin geblieben, auf dem er inmitten seiner Kunstsammlungen als Kaiser residierte. Und selbst dieses Amt war bedroht. Mit der Krönung zum König von Böhmen war Matthias Kurfürst geworden und besaß in dieser Funktion das Recht, einen Kurfürstentag einzuberufen. Dort sollte die Absetzung von Rudolf und die Wahl von Matthias beschlossen werden. Der vorzeitige Tod Rudolfs II. ersparte ihm dies.

Hatten die Brüder recht gehabt, dass sie die Absetzung des untätigen Kaisers betrieben hatten? Die Nachfolgefrage war bestimmt von existentieller Bedeutung. Allerdings muss man auch sagen, dass Rudolf II. es trotz seiner Melancholie geschafft hatte, den Frieden zwischen Protestanten und Katholiken zu erhalten, während Matthias seinen Nachfolgern einen der schlimmsten Kriege der Menschheitsgeschichte hinterließ: Den Dreißigjährigen Krieg, der durch den Prager Fenstersturz ausgelöst wurde. Die Böhmen stürzten die kaiserlichen Gesandten aus den Fenstern, weil Matthias die von Rudolf II. gewährte Religionsfreiheit verletzt hatte.

 

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