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Sigismondo Malatesta – Condottiere und Herrscher von Rimini

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Im Jahr 1462 sah man ein großes Feuer in Rom: Papst Pius II. verbrannte das Bildnis des berühmt-berüchtigten Sigismondo Malatesta, des einstmals geliebten Sohnes und obersten Hauptmanns der heiligen römischen Kirche. Malatesta wurde als Inbegriff alles Bösen verflucht und sein Urteil, auf ewig in der Hölle zu schmoren, schon zu Lebzeiten gesprochen.
Wer war dieser Mann, den der Papst zur ewigen Verdammnis bestimmte? Ein Ungeheuer? Der Antichrist? Oder einfach ein Kind seiner Zeit?

Sigismund Malatesta, Medaille von Matteo de‘ Pasti. Hill 165. Aus Auktion Numismatica Ars Classica 53 (2009), 518.

Zunächst einmal war Sigismondo Pandolfo Malatesta (1417–1468) nur der zweite von drei unehelichen Söhnen des Pandolfo Malatesta, des früh verstorbenen Herrn von Fano. Pandolfo hatte einen mächtigeren Bruder, nämlich Carlo Malatesta, der in Übereinkunft mit der katholischen Kirche die päpstliche Stadt Rimini verwaltete. Dieser Onkel hatte eine Gonzaga geheiratet, eine Angehörige einer der ältesten Familien Italiens. Mit ihr führte er einen weithin bekannten Hof in Rimini. Dieser Onkel also adoptierte seine drei vaterlosen Neffen, da er selbst keine Kinder hatte.

Wappen der Malatesta. Quelle: LessayCatus / Wikipedia.

Die Malatesta hatten sich in Rimini als die stärkste Familie im Kampf der Ghibellinen gegen die Guelfen herauskristallisiert und kurz vor 1300 die Macht in der Stadt übernommen. Der Papst, der ebenfalls einen Anspruch auf die Stadt gehabt hätte, konnte und wollte nicht eingreifen, da er mit anderen Problemen vollauf genug zu tun hatte. In die Zeit der Machtübernahme der Malatesta fallen die Auseinandersetzungen von Papst Bonifaz VIII. mit Philipp dem Schönen, die 1309 mit der Avignonesischen Gefangenschaft des Papsttums endeten. Die Malatesta hatten sich im Laufe eines Jahrhunderts abwechselnd vom Papst und vom Kaiser zusätzliche Titel verleihen lassen, um ihre Position zu stärken. So war Carlo Malatesta Vikar des Papstes, das hieß, er durfte im Gebiet von Rimini als dessen Statthalter agieren. Zwar hatten die Malatesta ihre eigentliche Machtstellung nicht dem Papst zu verdanken, doch trotzdem versuchte dieser nach dem Tod von Carlo Malatesta die Herrschaft von Rimini an sich zu ziehen und neu zu vergeben. Natürlich wehrten sich die drei jungen Erben und sie konnten sich durchsetzen. Zunächst erbte der Älteste, nach seinem Tod die beiden jüngeren Brüder die Herrschaft des Onkels.

Rüstungsteile aus dem Besitz Sigismondos Malatestas. Foto: Sandstein / Wikipedia.

Domenico und Sigismondo, ihr Verhältnis war nicht frei von Auseinandersetzungen. Sigismondo zog als Herrscher in Rimini, Domenico in Cesena ein. 1433 heiratete der ältere, Sigismondo, Ginevra d’Este und verband sich dadurch mit einer der ältesten Familien Italiens. Sigismondo schien ein Kind des Glücks zu sein. Ein Erfolg jagte den nächsten: Noch im selben Jahr, in dem Sigismondo Ginevra heiratete, schlug ihn Sigismund, der Sohn Karls IV., der nach Italien gekommen war, um sich zum römischen Kaiser krönen zu lassen, zum Ritter. Von all diesen Erfolgen beflügelt, eroberte sich Sigismondo seinen Platz unter den vornehmsten Familien Italiens. Er war ein großer Kriegsheld, ein Condottiere, ein erfolgreicher Unternehmer im militärischen Tagesgeschäft. Er ließ sich von anderen Staaten dafür bezahlen, daß er ihre Kriege mit seinem Können und seinen Söldnern gewann. Das war ein einträgliches Geschäft, weil Sigismondo zu den Besten gehörte. Er setzte die gerade neu erfundene Artillerie sinnvoll ein und soll sogar die Handgranate erfunden haben. Nach nur zwei Jahren wurde er zum Obersten Hauptmann der römischen Kirche ernannt.

Sigismondo Malatesta. Gemälde von Piero della Francesca (Louvre). Quelle: Wikipedia.

Sigismondo war durch seine Feldzüge reich geworden. Er hatte genügend Geld, um seinen Ruf von den großen Künstler und Literaten feiern zu lassen. In diese Zeit fallen seine Bemühungen, in Rimini einen Musenhof einzurichten. Sigismondo stand in engem Kontakt mit vielen Mäzenen des Quattrocento. Dort lernte er bedeutende Künstler kennen, die er mit Aufträgen an seinen Hof zog.

Johannes VIII. Palaeologos. Medaille des Pisanello. Aus Auktion Gorny & Mosch 197 (2011), 5729.

Die Renaissance hatte ja das Verhältnis des Herrschers zur Kunst völlig verändert. Maler, Architekten und Bildhauer galten nun als diejenigen, die den Ruhm des einzelnen über die Jahrhunderte hinweg der Nachwelt überliefern konnten. Gerade war ein weiteres Medium, das dazu dienen sollte, erfunden worden: Die Medaille, ein Objekt der Kleinkunst, das auf der einen Seite das Porträt des Gefeierten zeigte, auf der anderen Seite eine Szene, die eine nähere Charakterisierung des Dargestellten geben konnte. Ihre Herstellung war billig, zumindest wesentlich billiger als die bis dahin üblichen Bilder. Sie war leicht reproduzierbar und kam somit den Bedürfnissen der Fürsten entgegen. Diese hatten nun ein neues Propagandamittel, das ihr Porträt und ihre Leistungen schnell und verhältnismäßig preisgünstig in aller Welt bekannt machen konnte.
Die Familie Malatesta besaß bereits persönliche Kontakte zum Schöpfer der ersten Renaissance-Medaille, Antonio di Puccio, genannt Pisanello. Im Jahr 1433 malte er ein Porträt der ersten Gattin des Sigismondo Malatesta. Etwa 5 Jahre später, nach dem Bittbesuch des Byzantinischen Kaisers, Johannes VIII. Palaiologos, hatte er die erste Medaille geschaffen. Nicht lange danach, wohl in den Jahren 1444 und 1445 entstanden die Medaillen im Auftrage der Malatesta. Berühmt geworden ist vor allem diejenige, die Domenico zeigt, den Bruder Sigismondos, der noch heute im Schatten seines bekannteren Verwandten steht.

Domenico Malatesta. Medaille des Pisanello. Aus Auktion Baldwin 65 (2010), 1080.

Obwohl der junge Malatesta, Herr von Cesena, in der Umschrift als hervorragender Führer der Ritter bezeichnet wird, sehen wir einen sehr zivil wirkenden Mann, der ein mit Pelz besetztes Gewand trägt. Und in der Tat galt die Vorliebe des Domenico vor allem der Literatur, besonders der Dichtung. Er baute in Cesena eine umfassende Bibliothek auf, die ein bedeutendes Scriptorium enthielt, in dem wundervolle, fein illuminierte Handschriften hergestellt wurden. Nichts desto trotz mußte auch dieser schöngeistige Fürst sich dem Kriegshandwerk widmen. Schon mit 17 wurde er Hauptmann im päpstlichen Heer. Die auf der Medaille dargestellte Szene bezieht sich auf ein Ereignis etwa 10 Jahre später. Malatesta war im Kampf gegen die Sforza in der Schlacht von Montolmo in eine gefährliche Lage gekommen: Seine Feinde drohten ihn gefangen zu nehmen. In dieser Situation gelobte er, ein Hospital zu Ehren des heiligen Kreuzes zu errichten, wenn der Herr ihn aus seiner Notlage befreien sollte. Domenico entkam, das Hospital wurde im Jahre 1452 eingeweiht und Pisanello hatte ein wundervolles Motiv für die Rückseite seiner Medaille:
Domenico kniet noch in voller Ritterrüstung vor dem Kreuz. Deutlich erkennen wir das Kettenhemd unter dem Plattenpanzer, die eisernen Handschuhe und Beinschienen. Er hat sich nicht einmal die Zeit genommen, den Helm abzunehmen oder wenigstens das Visier hoch zu klappen, so dringend ist das Anliegen, wegen dem er nun die Füße des Gekreuzigten umschlingt. Pisanello hat eine großartige Szenerie um den zu Gott flehenden Menschen geschaffen: Eine abgelegene Bergeinsamkeit mit einem einzelnen dürren Baum, an den das Streitross gebunden ist. Obwohl das Gelübde wohl im dicksten Schlachtgetümmel geleistet wurde, erblicken wir auf dieser Medaille einen Menschen, der allein ist mit seinem Gott.
Erst am Anfang der Entwicklung sehen wir dennoch die Medaillenkunst gleich auf ihrem Höhepunkt. In dem flachen Relief liegt eine Tiefe, die schier unglaublich scheint. Pisanello zieht den Beschauer gleichsam in die Szene hinein, läßt den Felsvorsprung auf dem sich der Ritter und das Kruzifix befinden als breite Basis erscheinen, weit entfernt von den Felsen im Hintergrund. Dies gelingt ihm mit einem Kunstgriff: Er zeigt das Streitross des Ritters nicht von der Seite, sondern von hinten. Dadurch gibt er dem Auge den Eindruck, der Felsvorsprung müsse sehr breit sein, zumindest eine ganze Pferdelänge. Die Perspektive, durch die Pisanello dieser Trick gelingt, war in der Renaissance zu ihrer Vollendung entwickelt worden. Unser Künstler hatte sich oft genug an dem schwierigen Thema einer Pferdedarstellung von hinten geübt, so daß es ihm auf dieser Medaille in Vollendung gelang.
Nur zwei Jahre später waren für Domenico seine Zeiten als Krieger endgültig vorbei. Alte, schlecht geheilte Kriegsverletzungen hinderten ihn am Gehen, so daß ihm wieder die Zeit blieb, sich mit seinen geliebten Büchern zu beschäftigen.

Sigimondo Malatesta. Medaille des Matteo de‘ Pasti. Aus Auktion Baldwin 64 (2010), 36.

Die bekannteste Medaille für Sigismondo Malatesta stammt von der Hand eines anderen großen Künstlers der Renaissance, von Matteo de‘ Pasti. Sigismondo hatte inzwischen, da seine erste Frau gestorben war, eine illegitime Tochter von Francesco Sforza geheiratet. Er befand sich zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Macht. Das Jahr 1446, das die Medaille trägt, galt Sigismondo als Glücksjahr: Er gewann die Schlacht von Gradara, das Castello Sigismondo, die Festung von Rimini, wurde vollendet und er machte die schöne 13jährige Isotta, Tochter eines Kaufmanns aus Rimini, zu seiner Geliebten.
So sehen wir einen selbstbewußten Fürsten von Rimini im Panzer des militärischen Führers, darüber den Wappenrock, stolz in die Welt blicken. Sigismondo Pandolfo von Malatesta, oberster Hauptmann der heiligen römischen Kirche, so nennt sich dieser militärische Führer. Und auch die Rückseite zeigt eine Szene, die sich auf den Krieg bezieht: Eine scheinbar uneinnehmbare Festung, das Castello Sigismondo in Rimini.

Isotta degli Atti. Medaille des Matteo de‘ Pasti. Aus Auktion Astarte 19 (2006), 585.

Eine andere Medaille desselben Künstlers zeigt das Porträt der Dame, auf deren Eroberung Sigismondo so stolz war, Isotta degli Atti. Ihre langen Haare sind nach Art der Flamen über ein Holzgestell nach hinten gezogen, so daß man ihre hohe Stirn sieht. Die frommen Prediger konnten sich damals über diese Haartracht gar nicht genug aufregen. Schließlich galt sie als Teufelswerkzeug zur Verführung der Männer. Und den Damen, die sich – um die modisch hohe Stirn deutlich zu modellieren – die Haare auszupften, drohten sie an, daß sie in der Hölle an den ausgezupften Stirnhaaren aufgehängt würden, unter ihnen das Feuer des Inferno.
All dies scheint Isotta aber nicht allzu sehr zu beeindrucken. Ruhig und gelassen schaut sie in die Zukunft, eine junge Frau, die sich ihrer Position sicher ist. Auf der Rückseite der Medaille sehen wir den Elefanten, das Wappentier der Malatesta. Er stand nicht nur für die königliche Strenge und den immerwährenden Ruhm, den Sigismondo für sich in Anspruch nahm, sondern mit ihm verband sich ein lateinischer Wahlspruch, den man häufig im Zusammenhang mit den Malatesta findet: Elephas Indus culices non timet (lat. für „Der indische Elefant fürchtet keine Mücken). 

Obwohl auf beiden Medaillen die Jahreszahl 1446 zu finden ist, wurden sie wohl erst in den Jahren nach 1449 hergestellt. Zum einen wissen wir, daß Matteo de‘ Pasti, ihr Schöpfer, erst seit diesem Jahr in Rimini lebte, zum anderen starb in diesem Jahr Polissena Sforza, die zweite Frau von Sigismondo an der Pest. Sigismondo hatte es wohl für schlechten Stil gehalten, noch zu Lebzeiten seiner Frau Medaillen auf seine Geliebte an seine Freunde zu verschenken. Sigismondo heiratete Isotta und baute ihr neben seiner eigenen Grablege eine prachtvolle Kapelle, in der sie einst ruhen sollte. Die Kirche, in der sich beide Grabstätten befinden sollte, sehen wir auf einer weiteren berühmten Medaille von Matteo de’ Pasti.

Sigismondo Malatesta. Medaille des Matteo de‘ Pasti. Aus Auktion Numismatica Ars Classica 53 (2009), 519.

Sie zeigt auf der Rückseite das Templum Malatestianum oder – wie es im kirchlichen Sprachgebrauch heißt – die geplante neue Gestalt der Kirche San Francesco. In dieser Gründung der Franziskaner hatten die Herrscher von Rimini seit Anfang des 14. Jahrhunderts ihre Grablege. Seit 1447 ließ sich dort auch Sigismondo eine Kapelle errichten, in der er einst begraben sein wollte. Ende 1448 betraute der Bauherr Leon Battista Alberti damit, einen völligen Neubau der ganzen Kirche zu entwerfen. Die tatsächliche Ausführung des Werkes lag aber in den Händen des Schöpfers der Medaille. Und so dürfen wir als sicher annehmen, daß dieses gegossene Kleinkunstwerk eher die Vorstellungen Pastis als Albertis zeigt. Schließlich sollte San Francesco nach den Plänen Albertis nur von einer sehr flachen Kuppel gekrönt sein, während wir auf der Medaille eine Kuppel fast wie die des Domes von Florenz sehen, mit den für die Konstruktion notwendigen Streben.

Fassade des Templum Malatestianum. Quelle: cblumens / Wikipedia.

Dieser neue Bau mit der ersten Fassade der Renaissance war als Ruhmestempel der Malatesta geplant, in dem die Fürsten mit ihren treuesten Dienern ein Grab finden sollten. Der ganze Hof in Rimini gefiel sich darin, das Bildprogramm für diese Kirche zu entwerfen. So viel Gelehrsamkeit ist darin eingeflossen, daß die Motive für unsere Kunsthistoriker zu feinsinnig wurden. Bis heute gibt es keine Einigkeit über den inhaltlichen Aufbau des Bildprogrammes von San Francesco. Vergleicht man die Medaille mit einer Zeichnung des heutigen Baubestandes so sieht man deutlich die Ähnlichkeiten der Frontansicht auf der Medaille und dem tatsächlichen Bau. Man sieht aber auch, daß die Kirche unvollendet blieb. Hinter der prunkvollen Renaissancefassade ragt der Giebel der alten Kirche noch hervor.

Der Bau gedieh nämlich nur bis etwa 1460. In dieser Zeit nahm der Konflikt mit dem neuen Papst Pius II. immer ernstere Formen an. Pius II. war Humanist und kannte die Mittel der Propaganda. Er stilisierte Sigismondo zum Ungeheuer: Der Tod seiner ersten Frau? Eindeutig, ein Mord, begangen, um sich mit Francesco Sforza verbünden zu können. Seine zweite Frau, Polissena Sforza, an der Pest gestorben? Von wegen, Sigismondo habe sie eigenhändig erwürgt, und zwar aus Wut darüber, weil sich sein ehemaliger Verbündeter Francesco Sforza gegen ihn gewendet habe. Das Templum Malatestianum eine Kirche? Unsinn, ein heidnischer Liebestempel. In einem Zeitalter, in dem niemand verbindliches Recht sprechen konnte, war Rufmord an der Tagesordnung. Der gewandtere Autor schrieb die Geschichte, die im Gedächtnis der Völker haften bleiben sollte. Und der begnadete Autor Pius II. schrieb die Geschichte so wirkungsvoll, daß wir heute noch in manchem Reiseführer lesen können, wie der grausame Fürst von Rimini seine beiden Gattinnen umbrachte, um hemmungslos seinen Lüsten frönen zu können.

Wer nun war Sigismondo Malatesta? Ein Ungeheuer oder ein fürstlicher Förderer der Kunst? Sigismondo hat uns Medaillen hinterlassen, auf denen er – einfach ein Mensch ist. Kind seiner Zeit, geformt von den Umständen, dessen Spuren heute noch in Rimini auf Schritt und Tritt zu sehen sind.

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