Von der Lira zum Euro. Italiens Geschichte in Münzen – Teil 5: Süditalien und die Mafia

Die Ursprünge der sizilianischen Mafia gehen zurück ins 19. Jahrhundert und sind eng verbunden mit der Einigung und Demokratisierung Italiens. Quelle: Schreibwerkzeug / CC BY-SA 4.0
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Mit der Einigung Italiens taucht im ländlichen Sizilien ein neues Phänomen auf: die Mafia. Seit dem 18. Jahrhundert übersiedeln die adligen Großgrundbesitzer Süditaliens immer öfter in ihre bequemen Wohnsitze in den Städten. Damit lösen sie einen erheblichen Wandel der traditionellen Strukturen aus: Auf den riesigen Landgütern – den Latifundien – verlieren die abwesenden Familien nach und nach die Kontrolle über ihren Besitz. Die neuen Herren auf den Gütern sind die „gabellotti“, die Pächter, die das Land zu horrenden Bodenzinsen an die Bauernfamilien weiterverpachten, sich mit Geld oder Naturalien bezahlen lassen und einen Teil davon den eigentlichen Besitzern abgeben.

Diese Gabellotti beuten nicht nur die Bauernschaft bis aufs Blut aus, sondern machen auch Druck auf die Gutsbesitzer: Sie bieten den Fürsten, Baronen oder Grafen Schutz vor Räubern, Viehdieben oder aufsässigen Bauern. Sollten die adligen Herren diesen Schutz nicht wünschen, wird dem Angebot Nachdruck verliehen: durch umgesägte Ölbäume, abgeschnittene Weinstöcke, ein paar Stück abgestochenes Vieh.

Königreich Italien. Umberto I. 20 Lire 1891. Aus Auktion Künker 324 (2019), 3190.

Um den Schutz der Güter tatsächlich zu gewährleisten, brauchen die Gabellotti jedoch Helfer. Stück für Stück entsteht so ein kriminelles Netzwerk, dessen Kerngeschäft Erpressung ist.

Mit der schrittweisen Ausweitung des Wahlrechts dringt die Mafia auch in den Bereich der Politik vor. Unmittelbar nach der Staatsgründung schränkt das Zensuswahlrecht die Stimmberechtigung zunächst auf nur gerade eine halbe Million Männer ein: Denn der Wahlzensus beträgt 40 Lire – ein Vermögen, das nur die meist adlige und konservative Oberschicht aufzubringen vermag. Bis zum Jahr 1913 wird das Wahlrecht aber auf nahezu alle volljährigen männlichen Italiener ausgedehnt. Das bedeutet, dass viele konservative Abgeordnete in Rom fürchten müssen, ihr Mandat an einen sozialrevolutionären Gegenkandidaten zu verlieren. Dem schafft die Mafia Abhilfe: Unter der sizilianischen Landbevölkerung finden sich genügend Wähler konservativer Abgeordneter – denn die richtige Stimmabgabe verspricht Schutz vor Repressalien. Ganz ähnlich funktionierte übrigens bereits im antiken Rom das Schutz- und Pflichtverhältnis zwischen „cliens“ und „patronus“: Der „cliens“, ein juristisch zwar freier, wirtschaftlich und sozial aber abhängiger Bürger Roms, begibt sich unter den Schutz eines „patronus“. Dieser vertritt ihn gegenüber dem Staat, wofür der Cliens bestimmte Fronleistungen für den Patronus erledigen muss und ihn mit seiner Stimme auch bei den Magistratswahlen unterstützt. Das politische Leben des antiken Roms wird durch diese Klientelverbindungen entscheidend bestimmt.

Solchermaßen erweitert die Mafia die Kontrolle über die sizilianische Landbevölkerung. Die dank mafiöser Hilfe gewählten Abgeordneten aber verhindern im Parlament vorgeschlagene Anti-Mafia- Gesetze. So wachsen die römische Politik und die Mafia immer mehr zusammen, bis sich der Einfluss der „Ehrenwerten Gesellschaft“ nicht mehr auf den Süden des Landes beschränkt. In der Folge wird die wirtschaftliche und soziale Modernisierung Italiens durch diese Verflechtung von Politik und Kriminalität stark erschwert.

Vor allem der Süden Italiens ist im 19. Jahrhundert bitterarm. Viele Menschen leben von der Landwirtschaft – und von der Hand in den Mund. Foto: Giorgio Sommer, zwischen 1895 und 1905.

Was der Zensus von 40 Lire damals bedeutet, können wir kaum noch ermessen. Die meisten Italienerinnen und Italiener können noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts von einem solchen Geldbetrag nur träumen. Viele Familien leben von der Landwirtschaft und fristen ein kümmerliches Dasein. Die Industrialisierung des Landes steckt – verglichen mit jener Großbritanniens, Frankreichs oder Deutschlands – in den Kinderschuhen und beschränkt sich auf Norditalien. Hier gibt es Elektrizität, Transport- und Absatzmöglichkeiten – eine Infrastruktur, die im Süden nicht vorhanden ist. Doch auch die Landwirtschaft selbst ist kaum mechanisiert, und viele Familien können sich kaum ernähren von dem Land, auf dem sie sitzen. Zudem gibt es eine riesige Schar von landlosen Saisonarbeitern, welche auf den riesigen Latifundien im Süden für einen Hungerlohn schuften. Darüber hinaus ist das italienische Volk um 1880 das am höchsten besteuerte Europas. Der Unionskrieg hat den jungen Staat viel Geld gekostet und die koloniale Expansionspolitik verschlingt ebenfalls Unsummen.

Königreich Italien. Umberto I. 50 Centesimi 1889. Aus Auktion Künker eLive 65 (2021), 7550.

Im Jahre 1898 kommt es nach einer schlechten Ernte zu einer massiven Verteuerung des Brotes: Der Preis steigt von 50 auf 60 Centesimi pro Kilo, mancherorts muss man gar bis zu 75 Centesimi dafür bezahlen. Diese Brotteuerung gibt den Ausschlag zu einer Welle revolutionärer Unruhen, die sich von Süditalien mit rapider Geschwindigkeit ausbreitet und in einer regelrechten Aufstandsbewegung in der Lombardei gipfelt. Erst nach blutigen Kämpfen kann der Aufstand von der Armee niedergeschlagen werden. Die Ermordung Umbertos I. (1878–1900) im Jahre 1900 ist der letzte Nachklang dieser erbitterten innenpolitischen Kämpfe.

 

In der nächsten Folge erleben wir, wie die Inflation die Lebenshaltungskosten ins Unermessliche steigen lässt und einen Mann nach dem Ersten Weltkrieg ganz nach oben spült: Benito Mussolini.

Hier finden Sie alle Folgen der Serie „Von der Lira zum Euro. Italiens Geschichte in Münzen“.

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