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Was auf Euro-Münzen zu sehen ist: Das Brandenburger Tor Teil 1

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Eigentlich erscheinen die deutschen Euro-Münzen ziemlich einfallslos, wenn man sie mit denen anderer Länder vergleicht. Eichenlaub hat man ja schon zur Genüge gehabt und der deutsche Bundesadler zeichnet sich auch nicht durch seine Originalität aus. Nur das Brandenburger Tor war bei der Einführung des Euro neu im Bildprogramm der Umlaufmünzen. Hier wird der Symbolgehalt eines Bauwerkes numismatisch anerkannt, das nicht erst mit der Wende zum baulichen Inbegriff der deutschen Nation und ihrer Einheit wurde. Aber gehen wir zurück zum Anfang, ins Jahr 1788.

1788 verströmte das alte Brandenburger Tor (hier in einem Stich von 1764) nicht mehr genug Glanz für die Metropole Berlin. Friedrich Wilhelm II. ließ daher einen monumentaleren Bau entwerfen.

Der Bau eines neuen Tores

1788, in diesem Jahr wurde das alte Brandenburger Tor abgerissen. Dieses war nichts anderes als ein einfacher Durchlaß, der den Ring der Befestigungen unterbrach, um einerseits eine Verbindung nach außen zu schaffen und andererseits die Warenzölle besser kontrollieren zu können. Doch so ein kleines, unscheinbares Tor galt nicht länger als zeitgemäß. Berlin hatte sich zur Hauptstadt von europäischem Rang gemausert und seine Vergangenheit als Festung weit hinter sich gelassen. Man brauchte nun etwas Monumentaleres, Eindrucksvolleres, um den Eingang zur Stadt zu markieren. Der sparsame alte Fritz war tot, und der neue König Friedrich Wilhelm II., ein Mann der in völlig unpreußischer Tradition dem Militär eher ab-, und der feinsinnigen Unterhaltung zugeneigt war, erteilte einen Bauauftrag nach dem anderen. Für seine neue Hauptstadt brauchte er prachtvolle Paläste und Plätze, breite Straßen und eben auch ein Tor, durch das man trefflich bei einer festlichen Parade einmarschieren konnte.

So faßte man also den Entschluß, einen Triumphbogen bauen zu lassen. Einen Anlaß dafür hatte man schnell gefunden. Die preußische Armee brachte 1788 in den Niederlanden allein durch ihre Anwesenheit ein paar Revolutionäre wieder unter Kontrolle. Ein Wochenendkrieg war es gewesen, eine militärische Parade ohne wirkliche Bedeutung, die schon fast in Vergessenheit geraten war, als die Pläne für das überwältigende Triumphtor, das dieses kleine Sieglein feiern sollte, gezeichnet waren.

Der Autodidakt Carl Gotthard Langhans (1732-1808) entwarf das neue Brandenburger Tor.

Ein Architekt namens Langhans

Verantwortlich für Entwurf und Bau des Brandenburger Tores war Carl Gotthard Langhans, geboren am 15. Dezember 1732 in Landeshut / Schlesien. Langhans hatte nicht an einer der im 18. Jahrhundert in Mode kommenden Kunsthochschulen studiert. Er war Autodidakt, bildete sich nach einem Jura- und Mathematikstudium selbst weiter. Förderer finanzierten dem begabten jungen Mann Bildungsreisen nach Italien und Frankreich, von denen er zurückkam mit voll gezeichneten Skizzenbüchern, den Kopf gefüllt mit den neuen Ideen des Klassizismus. Doch es sollte noch dauern, ehe der Architekt die Gelegenheit bekam, einen repräsentativen Monumentalbau zu errichten. Langhans trat zwar in den Dienst Friedrichs des Großen und entwarf im staatlichen Auftrag, doch Praktisches stand zunächst im Vordergrund: Schlesien war zerstört und mußte wieder aufgebaut werden. Und so zeichnete Langhans in der Provinz Kasernen und Brücken, Straßen und Kanäle, Pfarrkirchen und Häuser.

In einem Stich stellte Johann Carl Richter (etwa 1795) die Athener Propyläen dem Brandenburger Tor gegenüber. Die Ähnlichkeit trug dem Architekten Langhans zu seinen Lebzeiten viel Kritik ein.

Den Sprung in die Hauptstadt schaffte er erst spät und ihm kam dabei ein Glücksfall zu Hilfe. Friedrich Wilhelm II. bereiste nämlich nach dem Tode Friedrichs II. die wichtigsten Städte seines Reiches, um sich huldigen zu lassen. Dabei passierte er auch Breslau und dort hatte Langhans die Festdekorationen entworfen. Die fielen so sehr aus dem Rahmen, daß der gerade gekrönte Monarch 1788 Langhans zum Direktor des Oberhofbauamtes in Berlin machte. Und als solcher erhielt er den Auftrag, das Brandenburger Tor neu zu gestalten.

Langhans bekam eine Vorgabe: Dem zu bauenden Tor sollte möglichst viel …“freye Öffnung und viel Durchsicht gegeben“… werden. In einer Denkschrift schrieb er daraufhin an den König: „Die Lage des Brandenburger-Thores ist in ihrer Art ohnstreitig die schönste von der ganzen Welt, um hiervon gehörig Vortheile zu ziehen, und den Thore so viel Oefnung zu geben, als möglich ist, habe ich bey dem Bau des neuen Thores, das Stadt-Thor von Athen zum Modelle genommen.“ Ein klassizistischer Bau sollte es also werden. Berlin, das man längst schon Spree-Athen nannte, bekam nun auch seine Propyläen. 110.902 Taler insgesamt kostete der Bau, der spät im Jahr 1789 in Angriff genommen wurde, also im gleichen Jahr, in dem mit dem Sturm auf die Bastille die Revolution in Frankreich ihren Anfang nahm.

Das Brandenburger Tor (hier in einer Darstellung von 1796) galt vielen Zeitgenossen als ideenlose Kopie des Athener Vorbildes.

Hohn und Spott über das Brandenburger Tor

Man kann über den künstlerischen Wert des Brandenburger Tores trefflich streiten, und dies ist in der Vergangenheit auch geschehen. Besonders Johann Gottfried Schadow spottete über seinen nicht akademisch ausgebildeten Kollegen: „War es Mißtrauen gegenüber den eigenen Ideen oder Bequemlichkeit, genug, er (Langhans, Anm. d. Verf.) entlehnte gerne. Auf seinen Reisen hatte er seine Mappen gefüllt, und eine Wiederholung anerkannter Meisterwerke dünkte ihm sicherer als neue Originale von unser einem.“ Viele Zeitgenossen Schadows teilten diese Meinung und hielten das Brandenburger Tor für einen Bau, der nicht gerade sonderlich viel Esprit versprühte. Erst um die Wende zum 19. Jahrhundert ließ man Langhans als dem Vorreiter des Klassizismus in Berlin mehr Gerechtigkeit zuteil werden. So schrieb ein Literaturkritiker im Jahre 1893: „Obwohl eine Nachbildung der Propyläen auf der Acropolis zu Athen, mit denen es die allgemeine Anordnung eines von zwei vorspringenden Flügelbauten eingefaßten Thores gemein hat, ist es (das Brandenburger Tor, Anm. d. Verf.) doch keine bloße Nachahmung, sondern geistvolle Neuschöpfung von bedeutender monumentaler Wirkung.

Die Attikareliefs zeigen den Einzug der Friedensgöttin. Foto: World3000 / CC BY-SA 3.0
Auch die Metopen orientieren sich am antiken Vorbild mit einer allegorischen Schlacht zwischen Kultur und Barbarei in Form mythischer Wesen, nämlich der Lapithen und der Kentauren. Foto: Axel Mauruszat / CC BY-SA 4.0

Langhans hatte für sein Bauwerk ein großes ikonographisches Programm aufgestellt. Gemeinsames Thema sollte nicht der Sieg im Krieg sein, sondern der Sieg als Bringer des Friedens. So zeigte das Attikarelief den Einzug der Friedensgöttin im Triumph, die Reliefs der Metopen waren dem Kampf der Lapithen gegen die Kentauren gewidmet, eine antike Parabel, die den Kampf der Kultur gegen die Barbarei symbolisiert. Auf den Durchfahrten sahen die Betrachter die Taten des Herakles, ein im 19. Jahrhundert wohl verstandenes Gleichnis für den Fürsten, der durch seine rechtschaffene Regierung große Taten zum Wohle der Untertanen vollbringt. Krönung des Bildprogrammes und reale Bekrönung des Brandenburger Tores sollte eine von vier Pferden gezogene Quadriga werden, die eine Mischung zwischen Sieges- und Friedensgöttin lenkte. Schadow, ausgerechnet der, der eben so mißgünstig über den Architekten urteilte, erhielt den Auftrag, die Quadriga zu entwerfen. Ein Potsdamer Kupferschmied wurde mit der Ausführung betraut. Trotz mancherlei Schwierigkeiten wurde die Quadriga gerade noch rechtzeitig fertig, doch welch Schrecken als das Kunstwerk die Hauptstadt erreichte: Viktoria war nackt, und das war ein Anblick, den man einem preußischen Bürger oder gar einer Bürgerin nicht zumuten konnte. Die Siegesgöttin mußte schnell bekleidet werden. Man schmiedete ihr nachträglich einen Mantel, sägte die Beine ab, um das neue Kleidungsstück anzubringen und im September 1793 wurde das Bauwerk mit Quadriga vollendet.

Für die Preußen ein Albtraum: An der Spitze seiner Truppen zog der siegreiche Napoleon am 27. Oktober 1806 durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. Gemälde von Charles Meynier (1810).
Als die Franzosen wieder abgezogen waren, hatten sie die Quadriga mitgenommen. Auf dem Brandenburger Tor blieb nur eine eiserne Stange zurück, die dem Kunstwerk als Stütze gedient hatte. (Stich vor 1817).

Exponat im Musée Napoléon

Da stand sie nun, die Victoria, und blickte von ihrem luftigen Standort auf das dauernde Kommen und Gehen herab. Damals mußten noch große Tore geöffnet werden, wollte ein Besucher das Tor durchschreiten. Der mittlere Durchgang gar blieb den Passanten von fürstlichem Geblüt vorbehalten.

Doch bald sollten die Berliner unwillkommenen Besuch erhalten. Am 27. Oktober 1806 zog Napoleon in Berlin ein, das Friedrich Wilhelm III. und seine Frau, die berühmte Königin Luise von Preußen, fluchtartig verlassen hatten. Damit war es ausgerechnet der „französische Emporkömmling“, der das Brandenburger Tor als erster im Triumph durchzog. Zwei Jahre sollte der ungebetene Besuch bleiben. 60.000 Franzosen mußten von den 170.000 Einwohnern Berlins beherbergt werden. Und dies wurmte die Berliner sicher mehr als die Beutezüge von Monsieur Dominique Vivant Denon, Directeur général des Arts, den Napoleon damit beauftragt hatte, in jedem Land die wichtigsten Kunstwerke zu beschlagnahmen, um damit ein gewaltiges „Musée Napoléon“ ausstatten zu können. Zu den in Berlin „organisierten“ Kunstwerken zählte – sicher sehr zum Ärger von Herrn Schadow – Monsieur Denon die Quadriga des Brandenburger Tores nicht, aber immerhin zu den Trophäen. So wurde Victoria trotz lebhafter Proteste von allen Seiten mit Hilfe des gleichen Kupferschmiedes, der ihren Guß durchgeführt hatte, vom Dach abgenommen und nach Paris verbracht. Übrig blieb auf dem Tor nur eine eiserne Stange, die vorher dem Kunstwerk Stütze geboten hatte.

 

Im zweiten Teil lesen Sie, wie die Quadriga wieder zurückkehrte und das Brandenburger Tor vom hässlichen Entlein zum Symbol Deutschlands wurde.

Immer wieder erschien das Brandenburger Tor auf Prägungen, so auf der zehnten Silber-Quadriga der Münze Berlin.

Deutschland gab 2014 eine 10-Euro-Gedenkmünze auf Langhans’ Kritiker, den Schöpfer der Quadriga aus, auf Johann Gottfried Schadow.

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