Wie der heilige Markus nach Venedig kam

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Angefangen hatte die ganze Misere der Fischer an der Lagune mit dem Tod Karlmanns, des jüngeren Bruders von Karl, den man später den Großen nennen sollte. Karl okkupierte sofort das brüderliche Erbe, sehr zum Ärger von Karlmanns Frau, die ihren Vater, König des Langobardenreichs, um Hilfe für ihre minderjährigen Söhne bat. Damit erreichte sie nur, dass Karl auch noch das Langobardenreich eroberte. 774 setzte er sich in Pavia die eiserne Krone auf. Als er wieder nach Aachen zog, ließ er seinen Sohn Pippin zurück, der beauftragt war, ganz Norditalien unter die Kontrolle der Karolinger zu bringen.
Dies war die Zeit, als die kleinen Fischer und Händler der Lagune, die bis dahin in Malamocco ihren Sitz gehabt hatten, sich auf den relativ sicheren Rivo Alto (= „hohes Ufer“, heute Rialto) zurückzogen. 809 nämlich eroberte Pippin Malamocco. Die Venezianer freilich erzählten diese Geschichte ganz anders: Das wahre Venedig habe Pippin nicht erobern können! Er habe zwar versucht, eine Schiffsbrücke zum Rivo Alto zu bauen, doch der HErr schickte seine Fluten, die Pferde scheuten, und das ganze Heer versank wie einst das von Pharao in der Adria.

Wie auch immer, 812 jedenfalls war Venedig bereits wieder unabhängig. Nun ja, nicht offiziell. Theoretisch hatte Karl der Große im Frieden von Aachen dem byzantinischen Kaiser Venedig, Dalmatien und Istrien im Austausch für die Anerkennung des eigenen Kaisertitels als gleichberechtigter Partner im Westen zugestanden. Aber der byzantinische Kaiser war weit, und Venedig gedieh prächtig als Drehscheibe zwischen Ost und West. Nicht, dass zu Beginn des 9. Jahrhunderts bereits Luxuswaren die Pfeffersäcke reich gemacht hätten. Es war der Stockfisch, der mit der einsetzenden Christianisierung im Westen zu einem Exportschlager wurde. Fisch war Fastennahrung – und im Binnenland nur schwer zu bekommen. Also lieferte Venedig seinen Stockfisch. Und Salz. Und Getreide, Olivenöl, Wein, Sklaven, was halt so gebraucht wurde. Einzelne mutige Händler fuhren mit ihren kleinen Schiffen schon damals über die Adria hinaus bis nach Sizilien, Griechenland, Syrien und Ägypten. Äußerst nützlich in einer Zeit, in der die Karolinger schon wieder ihre Finger nach Venedig ausstreckten.

Ludwig der Fromme. Denar, Venedig, um 819-822. Von großer Seltenheit. Aus der Sammlung des Grafen Zoppola und Pierre Stettiner. Aus der kommenden Auktion Künker, Sammlung Edoardo Curti (März 2013), Nr. 2133. Schätzung: 15.000 Euro.

Johannes Diaconus berichtet in seiner Chronik die merkwürdige Geschichte von einer Verschwörung in Venedig. Zwei Männer, die an einem Aufstand gegen den von Byzanz eingesetzten Dogen teilgenommen hatten, seien zu König Lothar, dem Sohn von Ludwig dem Frommen geflohen. Ihr Haus und ihre Waren seien in Venedig beschlagnahmt worden. Nun war einer der beiden Männer, Johannes Tornaricus, ein „monetarius“, also ein Münzmeister …

Ludwig der Fromme. Denar, Venedig, 820-825. Aus der kommenden Auktion Künker, Sammlung Edoardo Curti (März 2013), Nr. 2140. Schätzung: 1.400 Euro.

Alan Stahl will in seinem monumentalen Werk zur Münzprägung von Venedig diese interessanten Pfennige, die keinerlei Zusammenhang haben mit den tatsächlichen Machtverhältnissen in Venedig zur Zeit ihrer Prägung, mit diesem aufständischen Münzmeister in Verbindung bringen. Nur so ließe sich die tatsächliche politische Situation mit den vorhandenen Münzen verbinden.

Auf jeden Fall bemühte man sich in den höchsten Kreisen am Kaiserhof, Venedig zur Raison zu bringen. Und tatsächlich gelang der große Coup 827: Die Synode von Mantua beschloss, dass einzig der Patriarch von Aquileia der wahre Patriarch sei. Nicht unbedingt spektakulär, möchte man meinen. Doch die Venezianer begriffen sofort, welche Absicht dahinter steckte. Bis dahin war der Bischof von Grado für sie zuständig gewesen. Der Patriarch von Aquileia aber wurde von den Karolingern eingesetzt. So hätte sich über die Hintertüre der Kirchenpolitik karolingische Kontrolle in ihre Lagune gedrängt.

Nun, ein Patriarch war eine kirchliche Autorität, der seine Macht einzig darauf gründete, dass ihn der Überlieferung nach ursprünglich ein Apostel eingesetzt hatte. Und das Patriarchat Aquileia war stolz darauf, vom hl. Markus persönlich gegründet worden zu sein. Da kam den Venezianern ein Händler gerade Recht, der aus dem Osten kam, um eine Ladung Reliquien mit gutem Gewinn im Frankenreich zu verkaufen. Der Schiffseigner behauptete nämlich, er habe den hl. Markus aus Alexandria im Frachtraum. Die venezianischen Realpolitiker sahen sofort die Chance, die sich ihnen bot: Heilige waren ein politisches Argument – im gesamten Mittelalter. Den heiligen Reliquien wurde die Macht zugetraut, sich selbst den Ort zu wählen, an dem sie verehrt sein wollten. Und die „freiwillige“ Entscheidung des heiligen Markus, sich in Venedig niederzulassen, die konnte man prächtig gegen den Patriarchen von Aquileia ausspielen, der in seiner Kirche noch nicht einmal ein Knöchelchen vom Leib des Heiligen besaß!

Venedig. Denar, 9. Jh., vielleicht 829-836(?). Aus der kommenden Auktion Künker, Sammlung Edoardo Curti (März 2013), Nr. 2240. Schätzung: 12.500 Euro.

Kein Wunder, dass dieser heilige Leib für viel zu wertvoll erachtet wurde, um ihn der Kirche anzuvertrauen. Man verbrachte ihn in die private Hauskapelle des Dogen, wo er heute noch liegt, in San Marco. Und kein Wunder, dass die Venezianer äußerst diplomatische Münzen herausgaben. „Christus schütze Venedig“, dagegen konnte niemand etwas sagen. Und „Unser Herr schütze den römischen Kaiser“ war ebenfalls völlig unverfänglich. Ob damit der byzantinische oder der westliche Kaiser gemeint war, blieb der Interpretation des Nutzers überlassen.

Ob es der heilige Marcus war, der Venedig seine relative Unabhängigkeit zwischen den Kaiserreichen bewahrte? Jedenfalls wurde erst mehrere Jahrhunderte später, zur Zeit der Blüte der Lagunenstadt die endgültige Version von dem Mythos formuliert, wie der heilige Markus nach Venedig kam: Ein böser Kalif, so erzählt der Doge Andrea Dandolo in seiner Chronik, habe geplant, die Kirchen Alexandrias zu zerstören. Zufällig habe damals ein starker Sturm zwei gottesfürchtige Kaufleute aus Venedig nach Alexandria gebracht. Diese hätten sofort die Kirche besucht, um zu beten, und seien dabei mit den jammernden und klagenden Priestern ins Gespräch gekommen. Sie hatten Angst, der hl. Markus, der in ihrer Kirche begraben lag, würde nicht mehr die Ehrerbietung erhalten, die ihm doch eigentlich zustand. Schnell war man sich einig, die heiligen Reliquien in das fromme Venedig zu bringen. Der Transport des vollständig erhaltenen Leibs des Evangelisten wurde durch einen von Gott geschickten starken Regen erleichtert. Die muslimischen Zöllner schreckten vor dem Schinken zurück, mit dem der hl. Markus so sorgfältig bedeckt worden war. Und so gelangten die Gebeine des Heiligen auf wundersame Weise nach Venedig, um die Serenissima bei ihrem Aufstieg zu einer der größten Mächte des Mittelmeerraums zu beschützen.

Venedig. Goldene Osella 1734. Aus Auktion Künker 221 (2012), geschätzt: 2.000 Euro, zugeschlagen: 3.000 Euro.

Eine schöne Geschichte, die von den Venezianern jahrhundertelang ernst genommen wurde. Sie sahen sich als die Auserwählten des heiligen Markus, die ihre Markuslöwen rund ums Mittelmeer aufstellten.

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