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Die Zweite Französische Republik und ein Münzwettbewerb

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Ende Februar 1848 hatten die Arbeiter und die ärmeren Bürger Frankreichs genug von dem so genannten Bürgerkönig Louis Philippe. Er war in ihren Augen ein Herrscher der Reichen, der den ärmeren Einwohnern Frankreichs mit dem Wahlrecht die politische Mitbestimmung verweigerte. Als seine Behörden eine Propagandaveranstaltung zu Gunsten des allgemeinen Wahlrechts untersagten, begannen in Paris die Aufstände.

Sie waren erfolgreich. Am 26. Februar 1848 rief die liberale Opposition die Zweite Republik aus. Zum Präsidenten wählte man einen Mann, der sich bis dahin mehr als romantischer Dichter als im politischen Bereich profiliert hatte: Alphonse de Lamartin.

Die Mitglieder der Provisorischen Regierung von 1848. Links vorne der Präsident Lamartin, ganz rechts der erste in einer langen Reihe von Finanzministern, die für den Wettbewerb verantwortlich zeichneten: Michel Goudchaux.

Eine Währung für eine neue Gesellschaft

Während die Anführer der revolutionären Kräfte untereinander stritten, ob das Wahlrecht wirklich allgemein – natürlich nur für den männlichen Teil Frankreichs – oder auf die vermögenden Klassen beschränkt sein sollte, entschied die Provisorische Regierung, dass die französische Währung ein neues Gesicht bräuchte. Ein Königsporträt gehörte definitiv nicht mehr in den Geldbeutel der Bürger!

So schrieb der Finanzminister am 3. Mai 1848 einen Wettbewerb aus, um Münzen „au type de la République“ zu schaffen. Gestaltet werden sollten die Nominale 20 Francs, 5 Francs und 20 Centimes. Jeder Wettbewerbsteilnehmer musste Originalmatrize, also den Urstempel, einen Prägestempel sowie alle für die Matritze verwendeten Punzen abgeben – und zwar für Vorder- und Rückseite. Der Urheber des siegreichen Entwurfs erhielt 10.000 Francs, musste sein Münzbild aber noch nach den Vorgaben der Jury überarbeiten. Ferner wurde er mit den Arbeiten an zwei bis vier weiteren Nominalen betraut, wofür er extra bezahlt werden sollte.

Als zweiten und dritten Preis lobte der Finanzminister je 1.000 Francs aus. Alle anderen Teilnehmer blieben auf den durchaus beträchtlichen Kosten für die Stempelherstellung sitzen.

Wechselnde Minister und viele Fragen

Die Ausschreibung zeichnete erst einmal Fragezeichen in die Gesichter vieler Graveure. Was bitte verstand der Herr Finanzminister unter einer Münze „au type de la République“? Ein gemeinsames Schreiben wurde verfasst und überraschenderweise bereits am 12. Mai beantwortet. Überraschenderweise nicht wegen der Gewohnheiten einer trägen Bürokratie, sondern weil der bisherige Finanzminister erst am Vortag, dem 11. Mai, durch den Wirtschaftsjournalisten Charles Duclerc ersetzt worden war.

Der erließ am 18. Mai ein zusätzliches Edikt. Das legte fest, dass sich alle Teilnehmer bis zum 15. Juni anzumelden hätten. Als Abgabetermin für die Probearbeit wurde der 23. September fixiert. Und hinsichtlich der Darstellung spezifizierte die Zusatzverordnung: „Der Künstler soll erfinden nicht kopieren; als neue Republik brauchen wir einen neuen Typ von Münze. Konsequenterweise muss die phrygische Mütze, die auf den alten Kupfermünzen das Haupt der Republik bedeckte, nicht als Kopfbedeckung der am Wettbewerb teilnehmenden Münzen dienen. Indessen kann dieses Symbol unter den Attributen genutzt werden.“

Am 15. Juni hatten sich 45 Künstler als Teilnehmer eintragen lassen. 32 von ihnen lieferten zum verlängerten Abgabetermin, dem 31. Oktober, ihre Vorschläge. Sie erreichten schon wieder einen neuen Finanzminister. Charles Duclerc war durch einen Systemwechsel am 28. Juni durch Michel Goudchaux ersetzt worden, der seinerseits sechs Tage vor Ablauf der Frist Geschichte war.

Probe zu 5 Francs 1848 von F. Alard. Fast Stempelglanz. Taxe: 3.500 Euro. Aus Auktion Künker 337 (22-25. Juni 2020), Nr. 1939.

32 Künstler mit unterschiedlichen Vorstellungen von der Republik

Während sich nämlich die 32 Künstler noch den Kopf darüber zerbrachen, wie eine Republik am besten darzustellen sei, hatte sich das konservative Frankreich wieder gefunden. Und an jenem 6. November des Jahres 1848, an dem die Jury erstmals tagte, hatte Napoleons Neffe Charles-Louis-Napoléon Bonaparte, der mit der Februarrevolution wieder nach Frankreich zurückgekehrt war, bereits den Kampf um das Amt des Präsidenten der französischen Republik aufgenommen.

Aber noch dürfen wir mit den liberalen Kräften von einer freisinnigen Republik träumen und uns ansehen, wie sich die französischen Künstler deren Personifikation vorstellten.

Wer aber hatte überhaupt an dem Wettbewerb teilgenommen? Nun, unter den Künstlern befanden sich sowohl bekannte Größen wie der Haupt-Graveurmeister der Pariser Münzstätte Jacque-Jean Barre (1793-1855), der Genfer Medailleur Antoine Bovy (1795-1877) oder der „Vater der modernen Medaille“ Eugène André Oudiné. Aber auch unbeschriebene Blätter wie der damals erst 30jährige André Vauthier-Galle oder der heute fast vergessene Frank Magniadas lieferten einen Beitrag.

Alle Künstler waren mit der Aufgabe konfrontiert, einen Frauenkopf zu gestalten, der sofort als Inkarnation der französischen Republik zu erkennen war. Keine leichte Aufgabe. Frauengesichter sehen sich ähnlich, und die Attribute, die man damals mit der Republik verband, waren europaweit verbreitet. Es galt also etwas Spektakuläres zu entwerfen, um die aus 11 Personen mit insgesamt 9 Stimmen zusammengesetzte Jury zu überzeugen, zu der auch bekannte Künstler wie Jean-Auguste-Dominique Ingres oder der damals sehr bekannte François Rude gehörten.

Spätestens am 10. November 1848 lagen der Jury Probeabschläge aller Münzen vor. 10 Abschläge im vorgesehenen Metall und zusätzlich fünf Zinnabschläge wurden pro eingereichtem Vorschlag angefertigt. Dazu prägte man für die Schar der begeisterten Sammler 161 komplette Abschlagssammlungen in Zinn.

Probe zu 5 Francs 1848 von Caunois. Vorzüglich bis Stempelglanz. Taxe: 3.500 Euro. Aus Auktion Künker 337 (22.-25. Juni 2020), Nr. 1945.

Die meisten Künstler beschränkten sich bei ihrem Entwurf der Republik auf ein klassisches Profil in Verbindung mit einem eindrucksvollen Kranz, in den sie so ziemlich alles einarbeiteten, was damals symbolisch aufgeladen war. Sie nutzten Lorbeerblättern für die Sieghaftigkeit, Eichenblättern für die Bürgernähe, Ähren für die Fruchtbarkeit, Efeu und Weinlaub für die in Frankreich so wichtige Weinproduktion. Manche arbeiteten zusätzlich einen Handschlag für die Einigkeit, einen Stern oder ein gleichschenkliges Dreieck für die Gleichheit ein.

Probe zu 5 Francs 1848 von Domard. Fast Stempelglanz. Taxe: 4.000 Euro. Aus Auktion Künker 337 (22.-25. Juni 2020), Nr. 1946.

Besonders viel Sorgfalt verwendete der Medailleur Jean François Domard (1792-1858), um die Losung der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – in sein Bild der Republik umzusetzen: Die phrygische Mütze über dem Kopf, einst Symbol für den freigelassenen Sklaven, symbolisiert die Freiheit, das Diadem in Form eines gleichschenkligen Dreiecks die Gleichheit. Das Faszienbündel, das mehrere Ruten enthält und als ganzes unzerbrechbar ist, während die einzelnen Stöcke leicht geknickt werden können, steht für die Tugend der Brüderlichkeit.

Probe zu 5 Francs 1848 von A. Bouchon. Fast Stempelglanz. Taxe: 3.500 Euro. Aus Auktion Künker 337 (22.-25. Juni 2020), Nr. 1943.

Der heute völlig vergessene A. Bouchon griff mit seiner Darstellung einen antiken Mythos auf, den die Kunstgeschichte als „Caritas Romana“ kennt: Ein Mann namens Ciro war zum Tode verurteilt worden. Seine Tochter, die ihn täglich besuchen durfte, rettete ihn, indem sie ihn von ihrer Brust trinken ließ.

Probe zu 5 Francs 1848 von J. J. Barre. Fast Stempelglanz. Taxe: 4.000 Euro. Aus Auktion Künker 337 (22.-25. Juni 2020), Nr. 1940.

Auch wenn er auf einen bereits aus dem Jahre 1845 stammenden Entwurf zurückgriff, Jacques-Jean Barres Personifikation wäre wirklich eine intelligente Neuerung gewesen: Er deutete die häufig im antiken Zusammenhang für Personifikationen genutzte Mauerkrone um. Für ihn war die wichtigste Verteidigung jedes Staates nicht seine Befestigung, sondern seine Bürger, also wird Barres Mauerkrone aus Menschen gebildet.

Probe zu 5 Francs 1848 von E. A. Oudiné. Stempelglanz. Taxe: 3.500 Euro. Aus Auktion Künker 337 (22.-25. Juni 2020), Nr. 1960.

Die Entscheidung der Jury

Am 25. November 1848 wählte die Jury den Sieger. Erschienen waren allerdings nur die Vertreter von acht Stimmen, so dass die unerfreuliche Möglichkeit eines Patts im Raum stand.

Doch hinsichtlich des 5-Francs-Stücks gab es bereits im 4. Wahlgang eine absolute Mehrheit: Eugène André Oudiné vereinigte auf seinen Entwurf fünf Stimmen (Abb. 7). Ob es ihm dabei geholfen hat, dass er ein Schüler des Jury-Mitglieds Ingres war? Der zweite Preis ging an Routinier Barre (Abb. 6), der dritte an Jean François Domard (Abb. 4).

Barre muss diese Entscheidung mit großem Ärger erfüllt haben. Er landete in allen drei Kategorien auf Platz 2, erhielt also kein einziges Mal die 10.000 Francs und den Auftrag, sondern insgesamt lediglich 3.000 Francs. Auch die anderen Künstler, die leer ausgegangen waren, waren aufgebracht. Sie versuchten, eine zweite Chance durch eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erzwingen. 20 von ihnen wandten sich in einem Protestschreiben an das Finanzministerium. Ihr wichtigstes Argument war, dass nicht alle Mitglieder der Jury bei der endgültigen Wahl anwesend gewesen seien.

Der von der Beschwerde initiierte Briefwechsel dauerte bis zum 28. Juli 1849 und endete damit, dass die glücklosen Künstler wenigstens ihre Stempel zur Weiterverwendung zurückerhielten. Sie nutzten sie teilweise für neue Medaillen, teilweise zur Nachprägung von Sammleranfertigungen der Proben.

Durch den Streit begann erst im September des Jahres 1849 die Prägung der neuen Münzen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich der politische Wind bereits gedreht.

Napoleon III. Gemälde von Franz Xaver Winterhalter von 1855.

Der Neffe des großen Napoleon

Am 20. Dezember 1848 wurde verkündet, dass Napoleon bei der Wahl des ersten Präsidenten der Zweiten Französischen Republik 74,2 % der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Es zeigte sich, dass gerade in den bäuerlichen Gebieten, in denen die Männer zum ersten Mal ihre Stimme abgeben durften, die konservativen Überzeugungen weitaus tiefer verwurzelt waren, als es sich die städtischen Intellektuellen hätten vorstellen können.

Während die Straßburger und die Pariser Münzstätte Münzen mit dem Kopf der neuen Republik prägten, reiste Napoleon durch das ganze Land und bereitete einen Staatsstreich vor. Am 2. Dezember 1851 ließ er die Nationalversammlung mit Gewalt auflösen. Die blutigen Kämpfe, die daraufhin ausbrachen, entschied Napoleon für sich. Und noch einmal nutzte er den guten Namen seines Onkels, um mittels eines Volksentscheids das Kaisertum wieder einzuführen. Das war das Ende der Zweiten Französischen Republik.

Und als Napoleon III. am 3. Januar 1852 ein Dekret unterzeichnete, das sich der Prägung neuer Münzen mit seinem Porträt widmete, wurden sie bereits kurz darauf in großen Mengen geprägt.

Die Republik kehrte erst wieder ins Münzbild zurück, als Napoleon 1870 abgesetzt wurde.

Die dargestellten Münzen werden in den Sommer-Auktionen von Künker angeboten. Hier lesen Sie den ausführlichen Vorbericht.

Interessieren Sie sich für französische Geschichte? Dann sollten Sie unbedingt erfahren, wie Napoleon Bonaparte die Macht der Medaillen für sich nutzte!

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