Numismatische Sommerschule in China

Die „Familia“ der Numismatischen Sommerschule.
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Wieso, weshalb, warum? Der Blick einer vorbeigehenden Studentin ist urplötzlich fest angelockt durch eine Gruppe Studenten, die im Sonnenschein eines schwülheißen Sommernachmittags tief und ruhig auf ihre Skizzen des von der Antike inspirierten Fakultätsgebäudes für Geschichtswissenschaften, gegenüber der Statue des Gründers des Institute for the History of Ancient Civilizations (IHAC), Professor Lin Zhichun, konzentriert sind. Was für eine merkwürdige Begegnung auf dem Campus und das mitten in der vorlesungsfreien Zeit! Wer sind sie? Was machen sie da? Und warum nur richten sie ihren Blick immer wieder auf das Gebäude?

„Gruppenskizze“ – Antikes am Gebäude der Fakultät der Geschichtswissenschaft der Northeast Normal University.

Es ist eine bunte Truppe junger Gäste am IHAC der Northeast Normal University in der nordostchinesischen Stadt Changchun, darunter Masterstudenten in den Fächern antike Weltgeschichte, Kunst, Literatur und Wirtschaft sowie Doktoranden der Altertumswissenschaften aus Beijing, Shanghai, Tianjin, Nanjing und sogar aus Kalifornien. Wie vielfältig ihre Identitäten und Erfahrungen auch sind, sie haben in diesen 12 Tagen eine Gemeinsamkeit: Sie sind Teilnehmer der ersten Numismatischen Sommerschule in China unter dem Thema „Darstellungen der Macht auf und mit den antiken Münzen“. Durch das gemeinsame Interesse am griechisch-römischen Altertum angezogen, haben sie auch ein gemeinsames Ziel: antike Münzen kennenzulernen, die dahinter steckenden Geschichten zu entdecken und diese wissenschaftlich aufzubereiten sowie ansprechend zu präsentieren.

Prof. Dr. Sven Günther: „Die Bibliothek steht Euch offen“!

Diese Chance auf einen anderen Zugriff auf die westliche Antike verdanken sie Professor Sven Günther, dem Vizedirektor des IHAC, Althistoriker und Spezialist für Numismatik. Als Initiator der Sommerschule ist es seine Idee, nicht nur mit der einzigen universitären Lehrsammlung und Spezialbibliothek für Antike Numismatik in China den Studenten alles rund um die griechisch-römischen Münzen „beizubringen“, sondern hier am IHAC eine ideale Möglichkeit für alle Teilnehmer zu schaffen, im Rahmen der Sommerschule selbst etwas zu entdecken, und zwar durch Zusammenarbeit mit Kollegen aus unterschiedlichen altertumswissenschaftlichen Disziplinen. Daher sind auch Professor Dr. Andreas Grüner und Dr. Elisabeth Günther aus dem Institut für Klassische Archäologie der Universität Erlangen als Experten ans IHAC und zur Sommerschule eingeladen. Darum sind die 100 intensiven Kursstunden derart gestaltet, dass den Lernenden die antiken Münzzeugnisse nicht allein aus historischer, sondern auch aus archäologischer und kunsthistorischer Perspektive eröffnet werden und zwar mit Einblicken in die Facetten Politik, Wirtschaft, Herrschaftsrepräsentation, Mythologie, Ikonographie, Architektur sowie anderen Formen antiker Kunst. Wie eben am Gebäude des Historischen Fakultät, dessen Fassade von antiker Architektur stark beeinflusst wurde.

Und was für Inspiration von dieser interdisziplinären Konstellation ausging! Obschon die Arbeit in Form von Seminarblöcken zu verschiedenen Themen an jedem Morgen und freier Projektarbeit nachmittags sehr intensiv war, war der Kursraum unter Aufsicht einer Kapitolinischen Wölfin – ein Geschenk des italienischen Diktators Mussolini an den letzten chinesischen Kaiser Puyi – stets mit Freude und Begeisterung gefüllt.

Die Entscheidung: Augustus zwischen „Pax“ und „Virtus“.
Die Münzen „fühlen“!

Die Münzen aus dem 2000 Jahre fernen Altertum waren nämlich bisher für die Studenten fast nur stumme Bilder in Büchern gewesen – nun lagen sie vor und schon bald auf ihren Händen! Ihre Farben und Formen, die Spuren der Zeit wurden somit schlagartig lebendig und führten sie in jene Zeit zurück, in der spannende Geschichten spielten, die sie dann während der Kurszeiten auch tatsächlich wieder zum Leben brachten: „Virtus“ und „Pax“ gerieten so beispielsweise in heftige Auseinandersetzung, ob das Römische Reich die militärische Herausforderung aus Germania annehmen sollte, und „Augustus“ hielt eine leidenschaftliche und pathetische Rede, um – auf Vorschlag seines konfuzianischen Beraters – seine Bevölkerung von dem endgültigen Sieg und Frieden durch Krieg zu überzeugen.

In der freien Projektarbeit zeigte sich allerlei Genie der Studenten fürs Forschen und Aufbereiten von Themen wie „Tradition und Innovation in der Münzprägung der Flavier“ oder „Männer und Frauen in der severischen Dynastie“ mit dem Verfassen von präzisen wissenschaftlichen Texten, Design von Postern und performativer Darstellung bei der Präsentation der Arbeiten am Abschlusstag. Dem Kurskonzept entsprechend waren diese Projektarbeiten als Verbindung von wissenschaftlicher Arbeit mit Originalen und entsprechender Forschungsliteratur, kreativer Umsetzung und Erlernen von Sozial- und Organisationskompetenzen in der Gruppe angelegt. So waren die Teilnehmer innerhalb kurzer Zeit längst nicht mehr fremde Namen, sondern wurden Freunde, deren Forschungsinteressen, universitäre Erfahrungen und Hobbys auch außerhalb der Kurszeiten in langen Abenden und Nächten intensiv diskutiert wurden.

Im Palastgarten des letzten chinesischen Kaisers.

Von daher war auch die After-Work-Party am Ende der ersten Kurswoche der ideale Ort, um sich untereinander und mit den Betreuern auszutauschen. Bei einem kühlen deutschen Bier sprachen beide Generationen junger Altertumswissenschaftler mit unterschiedlichen Nationalitäten über eigene Träume, Ziele und Zukunftsperspektiven, die in China mit wachsendem Interesse an Latein und Griechisch rosiger als in Europa aussehen. Bei der Kaiserpalastbesichtigung am darauffolgenden Samstag waren die Rollen dann umgekehrt, denn die chinesischen Studenten waren nun die enthusiastischen Lehrer, um den Gästen aus Deutschland aus der chinesischen Geschichte zu erzählen. Jedoch lernten auch sie etwas: den Baustil des Palastes mit den Augen der europäischen Archäologen und Historiker zu sehen!

Bruderzwist und Mutter Julia Domna als gescheiterte Schlichterin im Haus der Severerkaiser.

Bei der abschließenden Präsentationsrunde am Ende der zweiten Woche mit Auszeichnungen für die besten Projektthemenumsetzungen konnten alle schließlich ihre Mühen und tagelangen Diskussionen über Analyse und Interpretation des jeweiligen Projektthemas bestaunen. „Happy End!“, so schrieben viele Teilnehmer in ihren Wechat-Profilen mit Stolz unter die vom IHAC verliehenen Zertifikate.

Preisgekrönt – Poster „Game of Power“ samt Collage aller Gruppenposter.
Preisgekrönt – Poster „Game of Power“ samt Collage aller Gruppenposter.

Das Thema „Games of Power“ gewann den ersten Preis, das die Konflikte in der Späten Römischen Republik gespiegelt in Münzen der entscheidenden Akteure wie Cato, Octavian und Marcus Antonius virtuos darstellte. Die Kreativität und Vielseitigkeit der chinesischen Studenten haben somit den Münzen aus der fernen alten Mittelmeerwelt neue Vitalität eingehaucht.

Es ist schwer, „Tschüß“ zu sagen.

Für die Dozenten war es besonders anregend, dass die Studenten ein Problem aus interkulturellem Blickwinkel betrachten und deswegen Fragen stellen können, die einem Deutschen oder Europäer niemals einfielen. So zeigte sich Professor Grüner, unter seinem neuen chinesischen Namen Professor „An De Yong (安德勇)“ äußerst positiv überrascht. Sein erster Chinabesuch am IHAC in Changchun war immer wieder durch neue und ungewohnte Erfahrungen geprägt. Kulturschock? „Nein, alles total positiv und stimulierend.“ Genau dies war es für alle Beteiligten, Dozenten wie Studenten, durch den Fokus auf die antiken Münzen aus dem Römischen Reich, das so intensive Begegnungen ermöglichte. „Auf neue Perspektiven, auf neue Ideen, und auf neue Freundschaften!“, waren denn auch die Grußworte des IHAC-Direktors Professor Zhang Qiang beim abschließenden Festbankett, welche den Ertrag der Sommerschule präzise zusammenfassten.

Chen Mo ist Doktorandin am Lehrstuhl von Professor Sven Günther, IHAC, NENU, Changchun.

 

Die MünzenWoche berichtete wiederholt von den Geschehnissen am IHAC:

In einem Projektseminar entwickelten Studenten am IHAC einen interaktiven Zugang zu antiken Münzen.

Und 2018 thematisierten die Studenten die Rolle der Frauen in der Antike anhand von Münzen in einer Ausstellung (Achtung: neben Originalen waren auch sogenannte Becker-Fälschungen zu sehen!).