Die Enttäuschung der Pandora

von Kate Fitz Gibbon
übersetzt von Björn Schöpe

Dieser Artikel ist zuerst auf Englisch in zwei Teilen auf der Webseite des Committee for Cultural Policy erschienen. Sie finden Sie hier und hier. 
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9. März 2017 – Die Operation Pandora, ein großangelegtes Untersuchungsprogramm, dauerte zwei Monate und wurde in 18 Ländern durchgeführt. In Anbetracht des Umfangs dieser Aktion wurden allerdings nur sehr begrenzte Ergebnisse erzielt. Pressetexte von Europol und der spanischen Polizei halten fest, dass insgesamt 3.500 Stücke sichergestellt wurden, etwa die Hälfte davon archäologische Objekte.

Während der Operation Pandora stellte die Polizei unter anderem Münzen sicher, die aus einem spanischen Museum gestohlen worden waren. Foto: Europol.

Während der Operation Pandora stellte die Polizei unter anderem Münzen sicher, die aus einem spanischen Museum gestohlen worden waren. Foto: Europol.

Die Fotos, die als Illustration für die groß aufgemachten Pressemeldungen dienen, dürften die interessantesten Funde zeigen: viele stark verkrustete Münzen, eine Auswahl von Keramikscherben, einen gewöhnlichen Ring aus islamischer Zeit und 500 Objekte, vor allem mittelalterliche spanische Münzen, die zuvor aus einem spanischen Museum in Murcia gestohlen worden waren.

Die griechische Polizei fand ein Marmorfragment eines osmanischen Grabsteins, ein Gemälde des Heiligen Georg aus dem 18. Jahrhundert und „zwei Objekte aus byzantinischer Zeit“, kaum bemerkenswerte Dinge. Dergleichen kann man bei vielen europäischen Trödlern und auf Flohmärkten finden.

Auch archäologische Objekte wurden gefunden, so zum Beispiel in Spanien. Foto: Europol.

Auch archäologische Objekte wurden gefunden, so zum Beispiel in Spanien. Foto: Europol.

Nach Polizeiangaben stammen diese Ergebnisse aus den Untersuchungen von über 48.000 Personen, 29.000 Fahrzeugen und 50 Booten und Schiffen. Außerdem wurden im Rahmen der Operation 75 Festnahmen durchgeführt, wobei die Presseerklärung keine Angaben zu den Anklagepunkten macht. Es reicht, dass die Exekutive ihre Arbeit macht und gegenüber dem Schmuggeln von illegalen Altertümern aufmerksam ist, und es bleibt zu hoffen, dass diese Botschaft vom Plündern abhält.
An Operation Pandora beteiligten sich Zoll, Polizei und Ermittler aus Belgien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Italien, Kroatien, Malta, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Serbien, Spanien und der Schweiz sowie insbesondere Polizeieinheiten in Spanien und Zypern. Die Operation wurde unterstützt von Europol, Interpol, Unesco und der Weltzollorganisation (WCO). Bei der Operation wurden auch verdächtige Objekte im Internet aufgestöbert, woraufhin es zu Sicherstellungen und Verhaftungen kam.

Die Polizei äußerte, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf Objekte konzentriert habe, die aus „Kriegsgebieten“ stammten. Wenn das alles zu nichts anderem gedient hat, dann machen die dürftigen Ergebnisse der Operation Pandora wenigstens deutlich, dass es in Europa keinen aktiven Antikenhandel mit dem Nahen Osten gibt. Außerdem hat die Aktion keine Belege für eine Verbindung des Handels mit Terrorismus erbracht.

Das Timing und die Betonung von „größeren Beschlagnahmungen“ in der offiziellen Pressemeldung lassen Zweifel aufkommen, da diese Kommentare erst volle zwei Monate nach Beendigung der Operation abgegeben wurden. In den USA und Europa dauert eine größere Kampagne an, die sich auf Behauptungen stützt, es gebe Verbindungen zwischen Terrorismus und Kunstmarkt – die aber bislang unbelegt sind. Die Dürftigkeit der Funde ist wohl nur ein weiteres Beispiel für die Fake News der Milliarden von Dollar, die „Halsabschneider im Kulturmarkt“ erwirtschaften, oder von den Altertümern aus Syrien und Irak, die den Terrorismus finanzieren.

Solche Lügengeschichten werden zur Zeit von handelsfeindlichen Aktivisten verbreitet, um Vorschläge für neue Regulierungen der Europäischen Union zu stärken, mit denen der legale Handel von antiker Kunst unmöglich gemacht werden soll. (Für eine ausgewogenere und realistische Analyse, siehe The Real Value of the ISIS Antiquities Trade von Ben Taub im New Yorker oder Inside ISIS’s Antiquities Trade von Fiona Rose-Greenland.) Hätte man die Mittel für diese Operation von 18 Ländern nicht besser einsetzen können, indem man Projekte zur Restaurierung und Bewahrung unterstützt oder auch archäologische Fundorte gesichert hätte? Und das nicht nur im Nahen Osten sondern auch in Ländern, die sich an diesen Polizeiaktionen beteiligt haben?

Die meisten Fachleute sind sich einig darin, dass Länder Maßnahmen ergreifen sollten, um ihr Kulturgut zu schützen, bevor es beschädigt oder gestohlen wird. Einsatzkräfte direkt vor Ort (sogar Freiwillige) scheinen sehr viel wirkungsvoller zu sein, um vom Plündern abzuhalten und die Sicherheit des Kulturgutes zu gewährleisten. Aber gerade Griechenland, das an der Operation Pandora teilgenommen hat, hat kürzlich Gelder zurückgezogen, die für den Schutz von mehreren seiner bedeutendsten archäologischen Stätten gedacht waren.

Die polnische Polizei nahm ebenfalls an der europaweiten Razzia gegen das Schmuggeln von illegalen Altertümern namens Operation Pandora teil. In einer Pressemeldung äußerte die polnische Polizei, dass sie „Kunstwerke und Kulturgüter“ sichergestellt habe. Unter den 75 Personen, die in ganz Europa verhaftet wurden, war auch ein Pole aus Poznan (Posen) in Westpolen, der verdächtigt wird, eine Metallsonde verwendet zu haben. Der Mann hatte sich vergeblich um eine Erlaubnis der Stadtverwaltung für seine Schatzsuche bemüht, die in Polen legal ist, sobald man eine solche Erlaubnis einholt. Die polnische Polizei beschlagnahmte in seinem Haus 1.000 Objekte. Also fast ein Drittel der insgesamt 3.500 Objekten, die während der Operation Pandora in ganz Europa sichergestellt wurden. Die polnische Polizei sagte, die Gegenstände seien ein wichtiger Teil von Polens kulturellem Erbe und bat die Kollegen in den anderen europäischen Ländern, sie zu informieren, falls weitere Gegenstände aus dem Polen des Zweiten Weltkriegs gefunden werden.

Es gibt einen Zauberspruch, den Harry Potter einsetzt, um Irrwichter genannte Wesen zu bekämpfen. Diese erscheinen jedem als das, was derjenige am meisten fürchtet: Riesenspinnen, Todesfeen, Mumien, internationale Netzwerke des Antikenschmuggels … solche Dinge eben. Und der Zauberspruch, der illegal gehandeltes Kulturerbe in weniger Furchterregendes wie z. B. verrostete Patronenhülsen aus dem Zweiten Weltkrieg verwandelt, heißt „Riddikulus!“, was sich, wie jeder Lateinschüler weiß, vom lateinischen Wort für lächerlich ableitet.

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