Keine Gedenkmünze für Enid Blyton

Diese Plakette an dem Haus, in dem Enid Blyton als Kind lebte, erinnert an Großbritanniens erfolgreichste Jugendbuchautorin. Die vermutlich auch die umstrittenste des Landes ist. Foto: Ash / CC BY-SA 3.0
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„Fünf Freunde, das sind wir. Julian, Dick und Anne, George und Timmy der Hund …“ Wer in den Siebzigern und Achtzigern aufwuchs, hat sicher noch den Refrain der Fünf-Freunde-Serie im Ohr; Kindheitserinnerungen an spannende Geschichten und mutige Kinder.

Die Autorin, Enid Blyton, gilt nicht nur in ihrer Heimat England, sondern auch international als eine der kommerziell erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen überhaupt mit über 600 Millionen verkauften Exemplaren ihres über 700 Bände umfassenden Werks. Generationen von Jugendlichen führte sie mit ihren Geschichten zum Lesen – bis heute.

Eine Münze für Großbritanniens erfolgreichste Autorin

Statistisch gesehen dürften Enid-Blyton-Fans heute also auch in der britischen Royal Mint sitzen. Eine Münze für Blyton war somit geradezu zu erwarten. Nicht zu erwarten war der Verlauf einer Sitzung im Dezember 2018. Ein Ausschuss erwog tatsächlich, Blyton auf eine neue 50-Pence-Münze zu setzen. Doch wie aus dem öffentlich verfügbaren Protokoll hervorgeht, gelte Blyton als „Rassistin, Sexistin, homophob und habe allgemein eine schlechte Reputation als Schriftstellerin.“ In der Münzstätte fürchtete man heftige Reaktionen in der Öffentlichkeit, kurzum das, was man in der Zeit von Facebook und Co. einen Shitstorm nennt.

Vielleicht hatten die Mitglieder des Komitees das vor Augen, was in Finnland vor zwei Jahren passierte: Als Reaktion auf geplante, ziemlich gewagte Münzmotive fluteten Kritiker sämtliche Social-Media-Kanäle der Münzstätte mit Unmut-Äußerungen. Die Politik griff ein, und der zuständige Minister, der das Motiv übrigens vorher genehmigt hatte, verkündete, dass diese Münzen so nicht erscheinen würden.

Der Buchtitel der Erstausgabe des ersten Bandes in der Reihe der Fünf-Freunde-Geschichten von 1942.

Autorin mit Ecken und Kanten

Tatsächlich ist Enid Blyton durchaus umstritten: Sie schreibe seicht und zeichne ihre Figuren schablonenhaft, wobei sie stereotype Klischees bediene. Da ist etwas dran. Die Figur des Golliwog zum Beispiel karikierte geradezu schwarze Menschen – und stand damit in der Tradition der seinerzeit in England allgemein beliebten Minstrels. Und ja, die Guten in Blytons Büchern kommen aus der Mittel- oder Oberschicht, die Angehörigen von Randgruppen passen sich an oder sind eben bestenfalls „sonderbar anders“ oder gleich böse.

Waschen wir die Vergangenheit sauber?

Aber solche Kritik gibt es nicht nur an Blytons Werk. Agatha Christie änderte ihren Krimi „Zehn kleine Negerlein“ gleich nach Erscheinen 1939 in „Und dann gabs keines mehr“. Astrid Lindgren dagegen weigerte sich stets, ihre Bücher umzuschreiben, obwohl Pipis Vater ein „Negerkönig“ war. In modernen Übersetzungen ist dort zwar politisch korrekter von „Südseekönig“ die Rede, aber das ändert nichts daran, dass er sich weiter in kolonialer Großmachtherrlichkeit als Herrscher in Taka-Tuka-Land feiern lässt.

Heute begegnen die Fünf Freunde nicht mehr „Zigeunern“, sondern „Landfahrern“. Das stößt zwar weniger auf, aber die Stereotype bleiben. Das ist eben die Krux: Die Zensur von Worten greift zu kurz.

Lasset uns wie die Kinder werden

Wenn ich diese Geschichten mit meiner Tochter lese, dann sehe ich, dass sie mit ebenso leuchtenden Augen zuhört wie ich vor dreißig Jahren. Erst heute bin ich mir der Stereotype bewusst, damals versank ich nur in der spannenden Geschichte. Mit meiner Tochter spreche ich natürlich darüber, dass man früher manches anders sah. Und meine Tochter versteht das – und liebt die Geschichten trotzdem. Damit ist sie manchem Erwachsenen voraus. Kinder unterscheiden nämlich sehr wohl zwischen dem, was sie lesen, und ihrem eigenen Handeln.

Und wir können an alten Büchern die Veränderung unseres Wertesystems wahrnehmen. Wir waren nicht immer alle öko, fair und offen. Erinnern Sie sich noch an die coolen Typen à la Humphrey Bogart mit Glimmstengel auf der Leinwand, die in Gegenwart von Kindern in der Küche qualmten? Und auch über uns werden unsere Enkel vielleicht einst mit runzelnder Stirn urteilen: Wie konnte man nur Bücher schreiben, in denen Menschen sich töteten oder Tiere aßen?

Auch Astrid Lindgren (hier auf einem Foto von 1960) war nie unumstritten wegen einzelner Formulierungen in ihren Büchern oder ihrer Haltung zum Suizid.

Werk hui, Autorin pfui?

Im Independent sprach sich Harriet Hall aus einem anderen Grund gegen die Blyton-Münze aus. Blytons Werke, so Hall, solle man ruhig kritisch weiter lesen, doch die Autorin zu ehren sollte uns unsere Moral verbieten.

Natürlich wollen wir keine Faschisten und Rassisten auf ein Podest stellen. Doch die Auswahl an makellosen Menschen in der Geschichte unserer Länder dürfte überschaubar sein. Wie viele umstrittenen Entscheidungen lässt man einem Politiker durchgehen, wenn man überlegt, ihn mit einer Münze zu ehren? Wie viele anstößige Äußerungen einem Künstler, wie viele unappetitlichen Passagen einem Schriftsteller? Das muss die Gesellschaft immer wieder aufs Neue verhandeln.

Astrid Lindgren ist trotz ihrer umstrittenen Formulierungen seit 2016 auf einem schwedischen 20-Kronen-Schein abgebildet, Shakespeare, dessen „Kaufmann von Venedig“ bisweilen mit dem antisemitischen Propagandawerk „Jud Süß“ gleichgesetzt wird, wurde von der Royal Mint selbstverständlich mit drei Sammlermünzen geehrt.

Eine Empfehlung für Münzstätten

Die Royal Mint verwies in einer dünnen Stellungnahme darauf, dass man bemüht sei, „vielseitig und inklusiv“ die Themen zu vergeben, aber dass nicht „jedes Ereignis auf eine britische Münze kommen könne“. Da bleibt doch der bittere Beigeschmack, dass sich die Verantwortlichen vor dem Gespräch scheuten. Mainstreamkompatible Themen wie Blumen, Sport und Tiere sind da bequemer.

Mutiger wäre es, nicht im Hinterzimmer über Motive zu entscheiden. Wie wäre es mit einer öffentlichen Umfrage, wie es das schon in verschiedenen Fällen gab? Man könnte in Blytons Fall auch die Ausgabe einer Gedenkmünze statt einer Umlaufmünze in Erwägung ziehen. So nimmt man Kritiker ernst und nimmt ihnen gleichzeitig den Wind aus den Segeln.

Und was hätte die Autorin von diesem Rummel gehalten? Blyton soll einmal gesagt haben: „Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich überhaupt nicht.“ Vielleicht sollten wir hinhören, was die Unterzwölfjährigen zu Blytons Werk sagen. Möglicherweise wäre die Royal Mint dann zu einer anderen Entscheidung gekommen.

 

Wer noch einmal an seine 70er- oder 80er-Jahre-Kindheit erinnert werden möchte, sieht und hört hier das Intro der Fünf-Freunde-Fernsehserie.

Die Daily Mail hat die Rücknahme der Idee einer Enid-Blyton-Münze im August 2019 öffentlich gemacht.

Im Independent lesen Sie Harriet Halls Kommentar zu der Diskussion.

Ganz anders die Beurteilung im Telegraph: Blyton war keine Sexistin, sondern ein Genie!