Sponsianus – Kaiser oder Hirngespinst?

Eine Goldmünze, die Sponsianus zugeschrieben wird. © The Hunterian, University of Glasgow.
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Eine Studie der Universität Glasgow sorgt für Wirbel in der Tagespresse. Die Forscher glauben, durch neue Untersuchungen nachweisen zu können, dass mehrere Münzen, die bislang als moderne Fälschungen galten, doch antik seien. Der darauf abgebildete Kaiser Sponsianus hätte demnach tatsächlich gelebt. Schauen wir uns die Sponsianus-Münzen einmal näher an.

 

Sponsianus und seine Münzen

Es gibt keine antike Schriftquelle, die einen Kaiser oder Usurpator namens Sponsianus erwähnt. Seine vermutete Existenz stützt sich ausschließlich auf mehrere Münzen, die zuerst im 18. Jahrhundert erwähnt wurden. Carl Gustav Heraeus kaufte im März 1713 mehrere Goldmünzen für die kaiserliche Münzen- und Medaillensammlung in Wien an, darunter auch eine, die einen gewissen Sponsianus zeigt. Diese Münzen sollen kurz zuvor in Siebenbürgen gefunden worden sein. Weitere Münzen tauchten wenig später in anderen europäischen Sammlungen auf. Heute kennen wir noch vier Münzen des Sponsianus, von denen zwei in Wien aufbewahrt werden, eine in der Hunterian Collection in Glasgow und eine im rumänischen Sibiu.

 

Die vier Goldmünzen, die das Hunterian zeigt. Oben: Sponsianus und Gordianus III. Unten: beide von Philipp I./II. © The Hunterian, University of Glasgow.

Die erste Reaktion auf diese Münzfunde war enthusiastisch: Man war überzeugt, einen neuen römischen Usurpator oder gar Kaiser entdeckt zu haben, wie die Inschrift und das Porträt mit Strahlenkrone nahelegten. Er hätte sich in einer Bürgerkriegsphase etwa 248/249 n. Chr. von seinen Truppen zum Kaiser ausrufen lassen. 1868 änderte sich diese Deutung, als der damals führende Experte für römische Münzen, Henry Cohen, vernichtend urteilte: „Ich halte diese Stücke für lächerlich erdachte moderne Fälschungen, noch dazu sehr schlecht ausgeführt.“

 

Die neue Studie des Hunterian

Paul N. Pearson ist ein Geologe und Paläoklimatologe am University College London. Er hat sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie klimatische Faktoren Krisenzeiten beeinflussten. Eine Epoche, der er sich wiederholt gewidmet hat, ist das römische Reich im dritten Jahrhundert. Pearson näherte sich mit seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund den Sponsianus-Münzen somit aus einer anderen Richtung. Er untersuchte alle vier Sponsianus-Münzen gründlich mit UV-Licht, Elektronenmikroskopen und Infrarotlichtspektroskopie. Jesper Ericsson, Kurator am Hunterian, lieferte ergänzend die numismatische Expertise für eine gemeinsame Studie, die die Forscher am 23. November 2022 in PLoS One veröffentlicht haben.

Pearson und Ericsson halten die Sponsianus-Münzen für echte antike Münzen. Pearson sagte: „Eine wissenschaftliche Analyse dieser extrem seltenen Münzen retten Kaiser Sponsianus aus der Dunkelheit. Unsere Hinweise deuten darauf hin, dass er das römische Dakien beherrschte, einen isolierten Vorposten mit Goldminen, zu einer Zeit, als das Reich von Bürgerkriegen zerrissen war und die Grenzgebiete von plündernden Invasoren überrannt wurden.“

 

Es sind vor allem zwei Punkte, die die Forscher betonen: Unter den Mikroskopen erkannten sie Abriebspuren und Erdreste. Diese deuten sie als Hinweise auf längeren Gebrauch (in der Antike) und auf jahrhundertelange Lagerung in der Erde.

 

Kritische Stimmen

Unmittelbar nach Veröffentlichung der Studie meldeten zahlreiche Medien die Entdeckung eines neuen römischen Kaisers und dass die Existenz des Sponsianus endlich bewiesen sei. Aus der Wissenschaft kamen vor allem zweifelnde Reaktionen. Jerome Mairat, Kurator des Heberden Coin Room im Ashmolean Museum in Oxford sagte zu CNN: „Wie jeder in der numismatischen Welt, bin ich fest davon überzeugt, dass diese Münze eine moderne Fälschung ist. Diese ganze Theorie, dass die Münze echt sei, ist sowohl unwissenschaftlich als auch unbegründet.“ Auch Richard Abdy, Experte für römische Münzen im British Museum, soll über die Autoren der Studie und ihre Schlussfolgerungen gesagt haben: „Sie haben ihrer Fantasie freien Lauf gelassen.“

 

Eine Goldmünze, die Sponsianus zugewiesen wird, angeblich um 260-270 n. Chr. Vorderseite: Büste des Sponsianus mit Strahlenkrone, nach rechts. Rückseite: Zwei Figuren in Toga mit Priestergeräten auf zwei Seiten einer Säule, darauf ein Mann mit Perlenstab. © The Hunterian, University of Glasgow.

Ganz so einfach ist es vielleicht nicht, denn in der Tat sind die Sponsianus-Münzen ungewöhnlich in ihrer Machart – sowohl für antike Münzen als auch für moderne Fälschungen. Der Althistoriker und Numismatiker Johannes Wienand sprach zahlreiche offene Fragen in Twitterposts an, ebenso wie der Numismatiker Marjanko Pilekić. Auch der Warschauer Numismatiker Aleksander Bursche wies uns auf eine ganze Reihe von Aspekten hin, die seiner Ansicht nach in der Studie nicht ausreichend berücksichtigt wurden.

So erinnert Bursche daran, dass alle diese Münzen gegossen und nicht geprägt wurden. Dies sei ihm für keine römische Goldmünze des dritten Jahrhunderts bekannt, selbst sogenannte barbarische Imitationen von Nachbarvölkern seien stets geprägt worden. Die Gewichte der Münzen entsprechen nicht dem römischen System. Die Schrift ähnele in ihrem Stil eher Imitationen (oder Fälschungen) des 16. bis 18. Jahrhunderts, genau wie der Name des Kaisers im Genitiv (Sponsiani statt Sponsianus oder einer Abkürzung) sehr ungewöhnlich sei.

Der Name Sponsianus ist in der Antike nahezu unbekannt. Die Glasgower Studie argumentiert daher: So etwas denkt sich kein Fälscher aus, der sein Produkt plausibel machen möchte. Bursche weist hingegen darauf hin, dass Sponsianus offensichtlich die latinisierte Form eines siebenbürgischen Adligen sei, wie sie im 18. Jahrhundert gebräuchlich war.

Sponsianus-Münzen kennen wir nur aus der Zeit des frühen 18. Jahrhunderts, als sie in verschiedene Sammlungen kamen. Später wurden nie wieder ähnliche Stücke gefunden. Das sei zumindest auffällig, so Bursche, da 95% aller römischen Goldmünzen des 3. Jahrhunderts seit dem 19. Jahrhundert gefunden wurden – auch dank moderner Metalldetektoren. Und auch der Goldgehalt sei auffällig niedrig für römische Münzen des mittleren dritten Jahrhunderts.

Was ist nun mit den Abriebspuren und der Erde? In dem Punkt sind sich alle Wissenschaftler einig: Diese beweisen nicht, dass die Münzen wirklich antik sind. In der Glasgower Studie heißt es, dass man bislang von keinen modernen Fälschungen wisse, die man erst benutzt und dann vergraben hätte, um ihre Echtheit vorzutäuschen. Aber das ist nur ein Indiz. Möglicherweise entstanden die Abriebspuren sogar erst nach dem Fund. Und auch die Erdreste belegen nicht sicher, wie lange die Münzen in der Erde waren. In ihrer Studie räumen die Forscher selbst ein: „Wir wissen, dass frühere Fälscher Methoden eingesetzt haben, um Münzen künstlich altern zu lassen, darunter auch Abriebspuren, die Benutzung simulierten, und Färbung, um den Eindruck einer Patina zu erzeugen … Auch wenn uns nicht bekannt ist, dass Schmutz oder Erde auf Münzen gerieben oder geklebt wurde, ist das nicht auszuschließen.“

 

Wer war Sponsianus?

Insbesondere Johannes Wienand und die Althistorikerin Mary Beard wiesen darauf hin, dass Sponsianus – selbst wenn die Münzen echt seien – nicht als neuer Kaiser anzusehen ist, wie in den Medien kolportiert. Die Universität Glasgow selbst behauptet, einen „lange verlorenen Kaiser entdeckt“ zu haben, obwohl die Studie eine etwas andere Geschichte erzählt. Ganz sicher kam Sponsianus nie nach Rom und wurde auch nie vom Senat anerkannt. Wenn es ihn denn gegeben hat, dann wird er auch nach Ansicht von Pearson und Ericsson eher ein Kommandeur gewesen sein, den seine Truppen zu ihrem Herrscher ausriefen – und der danach vermutlich nicht mehr lange lebte. Aber belegt die Studie die Existenz des Sponsianus überhaupt?

 

Professor Paul N. Pearson, UCL (University College London) und Jesper Ericsson, The Hunterian, University of Glasgow, betrachten eine Münze des Sponsianus unter dem Mikroskop. © The Hunterian, University of Glasgow.

Sind die Münzen des Sponsianus echt oder Fälschungen?

Die Zusammensetzung des Metalls, die Ausführung (gegossen statt geprägt), der Inschriftenstil und die Sprache, der Name und die Motivästhetik, die Fundumstände und die Seltenheit – die Sponsianus-Münzen sind und bleiben ein Mysterium. Sie sind keine typisch römischen Münzen, stechen allerdings auch aus bekannten Fälschungen hervor. Doch lassen sich auch weiterhin mehr Argumente dafür finden, sie als neuzeitliche Fälschungen zu verstehen. Solange wir keine anderen Hinweise auf die Existenz des Sponsianus haben, sollten wir davon Abstand nehmen, auf so dünnem Boden einer Argumentation eine fantasievolle Geschichte zu schreiben, wie es in der Glasgower Studie geschieht.

Dabei ist die Studie selbst sehr zu loben. Es wäre sicher lohnenswert, weiter Münzen so gründlich zu untersuchen und ausgehend von einer breiteren Materialbasis ähnliche Fragen zu stellen. Aber es ist wie bei der Kriminaltechnik: Die moderne Technik kann nur Hinweise auf den Täter oder den Tathergang liefern. Die Hinweise deuten, gewichten und das Puzzle zusammensetzen, müssen die Ermittler. Und hier scheinen die Hinweise nicht auszureichen, um die Geschichte des dritten Jahrhunderts umzuschreiben.

 

Die Glasgower Studie können Sie bei PLoS nachlesen.

 

Ein Kaiser, der ebenfalls durch zwei (anscheinend echte) Münzen und immerhin ein paar Erwähnungen in späten Schriftquellen belegt ist, ist Proculus.

 

Sponsianus hat es u.a. auch in den Spiegel geschafft.

 

Hier lesen Sie die Anmerkungen von Johannes Wienand in seinem Twitter-Account:

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In seinem Twitter-Account diskutiert Marjanko Pilekić die neue Studie:

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In einem Blogbeitrag ging Mary Beard der Frage nach, ob ein historischer Sponsianus überhaupt ein Kaiser gewesen wäre.