Weltmacht Portugal Teil 3: Lissabon, ein Erdbeben und das Ende des Glaubens an einen gütigen Gott

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Ausgerechnet am Allerheiligentag des Jahres 1755 erschütterte ein Erdbeben die Stadt Lissabon fast sechs Minuten lang. Direkt im Stadtzentrum riss die Erde auf. Alle Kirchen und viele Paläste versanken in meterbreiten Erdspalten oder wurden von dem anschließenden Brand vernichtet. Wer das Beben überlebte, ertrank in dem gewaltigen Tsunami, der die Hafenstadt nach dem Erdbeben heimsuchte.

Während der König zitternd in seinem Zelt saß – er sollte bis zu seinem Tod die Angst vor geschlossenen Räumen nicht mehr ablegen, organisierte der Marques de Pombal den Wiederaufbau. Von seinem Pragmatismus zeugt folgende Aussage: „Und nun? Beerdigt die Toten und ernährt die Lebenden.“ Seine architektonischen Maßnahmen prägen heute das Stadtbild, und wir sollten auf unseren Spaziergängen durch Lissabon immer wieder auf den Marques stoßen.

Das Erdbeben von Lissabon löste unter den Philosophen in ganz Europa eine hitzige Debatte aus, wie ein allmächtiger und gütiger Gott ein Erdbeben so etwas hatte geschehen lassen können? Warum hatte es ausgerechnet am Allerheiligentag stattgefunden? Wieso hatte es das Rotlichtviertel verschont und die Kirchen zerstört?

Dem persönlich ziemlich unausstehlichen Voltaire, der gerade wegen seiner jüngsten Intrige von Friedrich II. persönlich aus Berlin geworfen worden war, diente das Erdbeben als Anlass für einen zutiefst pessimistische Roman, in dem er einen naiven Held namens Candide mit allen Schrecken seiner Zeit konfrontiert, eben auch mit dem Erdbeben von Lissabon.

Der alte Goethe schrieb noch 1811 über die Eindrücke, die das Beben auf ihn als sechsjährigen Knaben machte: „Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, der ihm die Erklärung des ersten Glaubens-Artikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen.“

Ostersamstag, 4. April 2015

Ehrlich gesagt, wir waren gar nicht so böse auf das Erdbeben. Denn dort, wo die Stadt nach den Plänen des Marques de Pombal mit breiten Avenidas wieder aufgebaut worden waren, konnte man sich wesentlich einfacher bewegen als in den erhalten gebliebenen engen, von Touristen überfüllten Gassen der Altstadt. Lissabon ist berühmt für seine Taschendiebe, die nach Aussage der Einheimischen nur diejenigen bestehlen, die nicht perfekt portugiesisch reden… Wir mieden also eher die alten Viertel und bewegten uns gerne auf der Achse Avenida da Libertade – Rossio – Praca do Comercio.

Vor dem wunderschönen Lift, der die Baixa mit Bairo Alto verbindet, stand jedes Mal, wenn wir vorbeigingen eine Schlange von mindestens 500 Metern Länge. Foto: KW.

Wo vor dem Erdbeben die Inquisition ihre Heimat hatte und ihre Autodafés durchführte – vielleicht hatte sich der Herrgott doch genau überlegt, wohin er sein Erdbeben schickte, ist heute eine gigantische freie Fläche. Hier schuf man nicht nur genug Platz für den großen Markt von Lissabon, sondern auch für die beliebten Stierkämpfe.

Vom Rossio aus hat man einen guten Blick auf die Ruine der Carmo-Kirche, einst die wichtigste gotische Kirche von Lissabon. Sie stürzte während des Erdbebens ein. Man hat die Ruine als Denkmal stehen lassen.

Zwischen Rossio und Praca do Comercio liegt die Baixa, das nach dem Erdbeben wieder errichtete Viertel der Händler und Handwerker. Baixa heißt nichts anderes als „nieder“ (Baixa Baviera ist also auf Deutsch Niederbayern), und tatsächlich muss man in der Baixa nicht ständig irgendwelche Wege hinauf- und hinunterlaufen, was man in Lissabon zu schätzen lernt. Wer dagegen ins Bairo Alto (dt. hohe Viertel) will, der kann entweder schnaufend zu Fuß laufen, eine Trambahn benutzen (Achtung, viele Taschendiebe!) oder einen der Aufzüge (Achtung, noch mehr Taschendiebe!), vor denen zu jeder Tag- und Nachtzeit eindrucksvolle Menschenschlangen auf die Beförderung warteten. Im Bairo Alto gibt es dann viele kleine Restaurants und noch mehr Läden, in denen die unzähligen Touristen all das kaufen können, wovon sie sich daheim fragen, warum es ihnen in Lissabon so gut gefiel.

Direkt am Ufer des Tejo öffnet sich die Stadt mit der Praca do Commercio zur Welt. Hier sieht man die Schiffe vorbeigleiten, von denen man sich mit einiger Phantasie vorstellen kann, dass sie in die weite Welt hinausfahren. Über allem thront das Standbild des Unglückskönigs José I., unter dessen Herrschaft das Erdbeben stattfand. Es ist Josés Leistungen beim Aufbau gewidmet, die wahrscheinlich vor allem darin bestanden, den Marques von Pombal nicht zu stören.

Der wird übrigens anderweitig geehrt. Rund 100 Jahre später errichtete man einen Triumphbogen, mit dem sich die Stadt zur Praca do Comercio öffnet. Darauf ist Pombal zusammen mit Vasco da Gama gleichberechtigt abgebildet.

Wer wissen möchte, wie Lissabon früher ausgesehen hat, dem steht im Museu Nacional do Azulejo eine wunderbare Quelle zur Verfügung. In diesem ehemaligen Klarissinnen-Kloster befindet sich ein Kachelgemälde mit der Darstellung Lissabons. Es ist nicht leicht, dorthin zu kommen. Man muss den richtigen Bus finden sowie die passende Haltestelle. Ich mag die etwas schwierig zu erreichenden Museen (möglichst ohne Sternchen im Baedeker). Sie haben den Vorteil, dass sie selbst an Osterwochenenden nicht völlig überlaufen sind. Kein Wunder, dass wir uns entschieden, den Ostersamstag dort zu verbringen.

Tatsächlich warteten nur drei weitere Touristen die 20 Minuten an der Station, bis der Bus in die richtige Richtung fuhr. Die Einheimischen sind unsichere Touristen gewohnt. Als wir uns suchend umblickten und die Station zu verpassen drohten, an der wir hätten aussteigen müssen, warfen sie uns ziemlich energisch (aber immerhin rechtzeitig) aus dem Bus.

Beinahe hätten wir trotzdem das Museum nicht gefunden. Es sieht von außen einfach unglaublich unscheinbar aus. Dabei bietet es innen Kostbares. Der Höhepunkt ist ein mehrere Meter langer Kachelfries mit einer Darstellung Lissabons, wie es vor dem Erdbeben ausgesehen hat.

Darauf sind nicht nur die bedeutenden Gebäude zu sehen wie der Torre de Belem oder der königlichen Palast, von dem das Erdbeben nichts übrig ließ, sondern auch die alte Zollstation mit dem Getreidespeicher und der Markt des Stadtteils Ribaira.

Ein kleiner technischer Schatz ist diese Darstellung einer Gezeitenmühle, die den Tidenhub nutzt, um ihr Mühlwerk anzutreiben. Solche Gezeitenmühlen gab es seit dem Mittelalter vor allem an den Küsten des Atlantik, da hier der Unterschied im Wasserstand zwischen Ebbe und Flut ausreichte, um ein Mühlwerk anzutreiben.

Azuleijo kommt aus dem Arabischen. Al zulaij heißt eigentlich nichts anderes als „kleiner polierter Stein“.

Was irgendwann mal als buntes, haltbares Gemälde begann, mit dem man Teile der kirchlichen Architektur bedeckte (Kacheln waren haltbarer und pflegeleichter als alle Textilien und jedes Fresko), wurde bald zum Schmuck von Privathäusern.

Natürlich eignete sich das Material auch prächtig, um damit ganze Geschichten zu erzählen, wie die vom jungen António Joaquim Carneiro, einem Bauernsohn, dem die Arbeit auf dem Bauernhof nicht gefiel.

Estacao do Oriente, gebaut von Santiago Calatrava. Foto: KW.

In der Stadt angekommen, entschied er sich, das Handwerk eines Hutmachers zu lernen. Er hatte Erfolg. Sein Laden war gut besucht, und er verkaufte an die beste Gesellschaft.

Carneiros Hüte wurden so beliebt, dass er eine Fabrik baute, um die Nachfrage zu decken. Mit seinen Kachelbildern verewigte der Hutmacher sich und sein Schicksal in einer Art Comic des 18. Jahrhundert. Auch wer kein Wort Portugiesisch spricht, wird diese kleine Episode der Industrialisierung anhand der Bilder sofort verstehen.

Nach einem feudalen Mittagessen im Kreuzgang des ehemaligen Klosters, der nun als empfehlenswertes Museumsrestaurant dient, wollten wir wieder zurückfahren. Kein leichtes Unterfangen. Irgendwie standen wir falsch. Jedenfalls warteten wir bald eine Stunde, ohne dass ein Bus in die richtige Richtung ging. Aber wofür verfügt man über eine gewisse Grundintelligenz? Wenn er in die eine Richtung fährt, muss er ja schließlich irgendwann zurückkommen.

Linha Vermelha, Metro-Station Oriente. Foto: KW.

Also, warum nicht mit unserem Tagesticket einsteigen, und dann einmal rundum fahren, um zuletzt richtig wieder anzukommen. Gesagt, getan. Wir fuhren bald eine Stunde durch interessante Vororte von Lissabon, die so ganz anders und alltäglich aussahen. Als wir zuletzt an der Estacao do Oriente, dem wohl wichtigsten Bahnhof von Lissabon ankamen, warf uns der Busfahrer aus dem Bus mit dem Hinweis, er habe jetzt Feierabend. Jetzt hätten wir wieder eine Ewigkeit warten können, bis der nächste Bus zurückgehen würde. Wir entschieden uns stattdessen für die Metro.

Linha Vermelha, Metro-Station Oriente. Foto: KW.

Das war ein Glück, denn so erhielten wir noch die moderne Fortsetzung unseres Ausflugs in die Kunst der bemalten Kacheln. Die Metro-Station Oriente ist nämlich ein Museum der ganz anderen Art. Hier findet sich Kachel-Kunst von bekannten und unbekannten Künstlern.

Wir verpassten nicht nur eine, sondern gleich mehrere U-Bahnen, ehe wir alle bunten Bilder ausführlich gewürdigt und fotographiert hatten. Und damit war wieder einmal ein ereignisreicher Tag vorbei.

Die Touristen waren immer noch nicht weniger geworden. Nichtsdestotrotz stürzen wir uns in der nächsten Folge ins mittelalterliche Lissabon, ehe wir nach Ostern von der pulsierenden Touristen-Metropole Abschied nehmen.

 

Hier finden Sie alle Folgen der Serie „Weltmacht Portugal“.