Ein Jahr „Münze des Monats“ der Forschungsstelle für islamische Numismatik Tübingen

Dieser Dirham des Buyiden-Königs Sultan ad-Daula eröffnete die Rubrik „Münze des Monats“ im Oktober 2018. (C) FINT EF2 B1 - Av.
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Vor einem Jahr, am 1. Oktober 2018, wurde die FINT-Website neugestaltet. Ein idealer Anlass, um eine neue Rubrik ins Leben zu rufen: Die „Münze des Monats“ war geboren. Seitdem wurde und wird dort zu Beginn eines jeden Monats ein anlassbezogen ausgewähltes Stück aus der Tübinger Uni-Sammlung islamischer Münzen in Bild und Schrift präsentiert und dem Leser in seinem historischen Kontext erläutert. Als Anlässe können z. B. Jahres- oder Feiertage sowie aktuelle Ereignisse dienen. Ziel ist es, nicht nur den Besuchern der Forschungsstelle, sondern auch einem breiteren Publikum einen lehrreichen Einblick in den kostbaren Bestand zu bieten. Denn islamische Münzen stellen insbesondere auf Grund ihrer umfangreichen Inschriften ganz hervorragende Primärquellen dar, welche z. B. jahrgenau Auskunft über die Entwicklung der Herrschaftsverhältnisse an einem bestimmten Ort geben.

Tübingen: eine der Top Drei

Die Tübinger Sammlung zählt mit ca. 75.000 Münzen zu den drei größten und besten ihrer Art weltweit. Der systematisch nach Münzstätten – d. h. geographisch – geordnete Bestand enthält Prägungen aus allen Regionen und Epochen, von Indien bis al-Andalus, vom 7. Jh. bis in die Neuzeit, und wird von Wissenschaftlern wie ein historisches Archiv benutzt. Seit Gründung der FINT im Jahre 1990 wird die Sammlung von einen Kustos betreut, im Sylloge-Format publiziert und intensiv für die Forschung genutzt.

Bislang stammen fast alle Münze-des-Monats-Beiträge vom Sammlungskustos und FINT-Leiter Dr. Sebastian Hanstein selbst, doch wurde die Rubrik auch für Gastbeiträge geöffnet.

Zwölf Monate FINT-Münzen

Die erste FINT-Münze des Monats wurde zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Beitrags im Oktober 2018 vor exakt 1000 Jahren geprägt, unter dem Buyiden-König Sultan ad-Daula in der iranischen Stadt Schiraz. Bemerkenswert an diesem künstlerisch-ansprechenden Dirham sind in erster Linie sein innovatives Design, die Herrschertitulatur sowie die Nennung eines abbasidischen Kronprinzen (der noch im Prägejahr verstarb).

Mit Turkmenistan-Bezug ging es im November um einen Dinar von der Sorte aus Nischapur, welche wegen ihres zuverlässig hohen Feingehalts lange Zeit eine wichtige Goldwährung des überregionalen Handels war. Auf dem 1099/1100 geprägten Stück sind immerhin vier Personen genannt, darunter der Seldschuken-König Sandschar uns sein Bruder, Sultan Muhammad, sowie ein Emir namens Isma‘il, dessen Identität ein Rätsel darstellt.

Jesus mit einem Evangelienbuch auf einer Kupfermünze der türkischen Artuqiden-Dynastie in Ostanatolien. (C) FINT 2005-6-3.

Im Dezember folgte zu Weihnachten ein christliches Motiv – auf einer islamischen Münze! Zu sehen ist Jesus mit einem Evangelienbuch nach byzantinischem Vorbild. Geprägt wurden solche Kupfermünzen im 12. Jh. unter der türkischen Artuqiden-Dynastie in Ostanatolien, wobei christliche Motive nur den Anfang machten. Auch römische und hellenistische Vorlagen sind zu erkennen, welche z. T. kreativ verändert wurden – ohne dass wir diese faszinierende Ikonographie heute gänzlich verstehen.

Der Januar 2019 bot Gelegenheit, der ersten islamischen Dynastie zu gedenken, jener der Umayyaden. Diese wurde zwar 750 in den Kernländern des arabischen Reiches von den Abbasiden gestürzt, doch gelang es einem überlebenden Prinzen, sich bis auf die Iberische Halbinsel zu retten und dort ein unabhängiges Emirat zu gründen. Dass Abd ar-Rahman III., ein Nachkomme dieses Flüchtlings, im 10. Jh. schließlich wieder Anspruch auf das Kalifat erhob, dokumentiert sein Dirham von 948 ebenso wie den im selben Jahr erfolgten Umzug der Münzstätte von Córdoba in die neue Palaststadt Madinat az-Zahra.

Im Februar war es der 40. Jahrestag der Islamische Revolution im Iran, welcher dazu veranlasste, das zwölferschiitische Imamat zu thematisieren. Denn theoretisch amtiert der oberste Führer des Irans nur in Vertretung für den seit 941 verborgenen 12. Imam Muhammad al-Mahdi, einen Nachkommen des Propheten Muhammad. Die Münze des Monats erinnert daran, dass die Herrschaftsübernahme als Staatsoberhaupt schon einmal für den 8. Imam Ali ibn Musa offiziell eingeleitet worden war – auf dem 818/19 in Samarkand geprägten Dirham des Abbasiden-Kalifen al-Maʾmun ist Ali nämlich als dessen designierter Thronfolger aufgeführt!

Für den März wurde wegen des internationalen Frauentags eine Silbermünze ausgewählt, welche ausnahmsweise unter einer Sultanin geprägt wurde, auch wenn diese als Herrscherin nur Spielball mächtiger Emire war und letztlich wieder abgesetzt wurde. Die Rede ist von Sati-Beg aus der Dynastie der mongolischen Ilchane. Ihre Münze, auf der die übliche Herrschertitulatur gendergerecht angepasst ist, wurde 1338/39 in Erzurum (heutige Türkei) geprägt, wie eine spiegelverkehrte Inschrift verrät.

Im April 2019 machte der Tenno den Thron freiwillig für seinen Sohn frei. Ein vergleichbarer Vorgang ist in der islamischen Geschichte kaum zu finden; von einem der seltenen Fälle zeugt aber eine kleine Silbermünze (akçe), die unter der ersten Regierung des Osmanen Mehmed II. 1444/45 in Edirne (auf dem Balkan) entstand. Mehmed war damals, noch als Teenager, Sultan geworden, weil sein Vater Murad II. nach erfolgreicher Abwehr äußerer Feinde ganz verwunderlicherweise abgedankt hatte! Angesichts von Unruhen, bei denen auch die Reduzierung des Münzgewichts eine Rolle spielte, sah sich Murad allerdings schon 1446 zu einem Rückzug vom Rückzug gezwungen, welcher ebenfalls numismatisch dokumentiert ist.

Anfang Mai fand an der FINT wie jedes Jahr das Tübinger Treffen der Oriental Numismatic Society statt. Einer der Vorträge behandelte die Münzprägung der Qarmaten, einer radikal-siebenerschiitischen Sekte, welche von Bahrain aus im 10. Jh. u. a. bis nach Palästina vordrang. Von dort, aus Tabariya, stammt auch die 972 geprägte Münze des Monats, deren Inschriften auf das Problem der nicht leicht zu verstehenden Führungsstruktur des Qarmaten-Staates verweisen. An dessen Spitze stand nämlich nur manchmal eine einzelne Person und ansonsten eine Art Herrschergremium (auf den Münzen nur: „die Herren Oberhäupter“), weshalb schon von einer „Qarmaten-Republik“ gesprochen wurde.

Zum Kindertag im Juni wurde eine Münze präsentiert, welche vom Sultanat der Bahmaniden-Dynastie in Zentralindien zeugt. An dessen Spitze rückten nämlich nicht nur ausnahmsweise, sondern gleich mehrfach hintereinander – eher bemitleidenswerte – Minderjährige, darunter der auf dem ebenso dicken wie schweren Kupferstück aus Bidar genannte Muhammad-Schah (III.). Dieser saß von 1463 bis 1482 auf dem Thon, während das Reich zunächst noch von seinem überaus fähigen Wesir Mahmud Gavan zusammengehalten wurde.

Eine Wüstenspringmaus auf einer abbasidischen Kupfermünze! Warum? Wenn wir das nur wüssten … (C) FINT 1991-5-5.

Im Juli wurde es endlich Zeit für einen ersten Gastbeitrag. Dieser gebührte dem ehemaligen FINT-Kustos Dr. Lutz Ilisch, welcher sich eine abbasidische Kupfermünze aus Homs (Syrien) aussuchte. Abgebildet ist darauf – warum auch immer – eine Art Wüstenspringmaus; zudem liest man den Namen des Prägeherrn Marwan ibn Baschir. Nicht nur die Frage nach der Datierung dieses interessanten Typs führte zu einem kleinen Ausflug in die Wissenschaftsgeschichte.

Die Münze des Monats August wurde von jemandem ausgesucht und erläutert, der zu dieser Zeit gerade wieder einmal als Forschungsgast an der FINT weilte: von Thomas A. Sinclair (ehem. Prof. an der University of Cyprus). Der Spezialist für die türkische Geschichte Armeniens und Anatoliens wählte einen Doppeldirham des Eretniden Ala ad-Din Ali (reg. 1365–80) aus Erzincan (Türkei) und thematisierte sowohl den „Schein-Gegenstempel“ darauf als auch das seiner Meinung nach gefälschte Prägejahr.

Der September schließlich war der Monat, in dem sich einst, anno 1260, die Schlacht von Ain Dschalut ereignet hatte: jene denkwürdige Entscheidungsschlacht, in der die ägyptischen Mamluken das weitere Vordringen der Mongolen im Nahen Osten stoppen konnten. Die Münze des Monats, ein sehr seltener Dirham des Ayyubiden al-Mansur Muhammad aus Hamah, ist ein Produkt dieses Sieges der Muslime; sie steht für die politische Neuordnung Syriens durch den Mamluken-Sultan Qutuz in jenem Herbst 1260.

 

Mit allen ausführlichen Texten und den Bildern finden Sie hier die Rubrik „Münze des Monats“.

Für mehr Informationen zur Forschungsstelle kommen Sie hier direkt zur FINT-Website.

Über die Gründung und Geschichte der Forschungsstelle informiert ein eigener Wikipedia-Eintrag.

Bei Academia finden Sie das Profil des FINT-Kustos Sebastian Hanstein.

In unserem Who’s who haben wir seinen Vorgänger, Lutz Ilisch, vorgestellt.