Homo ludens – oder warum Spielgeld ins British Museum gehört

Robert Bracey, Playing with Money. Spink, London 2019. 168 S., farbige Abbildungen. Paperback, 15 x 21 cm. ISBN: 978-1-912667-04-8. £20.
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190.000 Menschen besuchten 2019 in Essen die Spielemesse. Was sie dort taten? Nun, sie spielten. Sie probierten die neuesten Brettspiele aus, mit denen alle Generationen spielerisch den Alltag vergessen können. Dabei dienten die ersten industriell hergestellten Brettspiele eigentlich einem ganz anderen Zweck. Sie sollten nicht zerstreuen, sondern Kinder erziehen und belehren, ihnen spielerisch Wichtiges über das Leben beibringen. Und was ist das Wichtigste im heutigen Leben? Geben Sie es zu. Auch wenn Sie noch so gerne idealistische Antworten auf diese Frage geben würden, müssen Sie eingestehen, dass ohne Geld das tägliche Leben nicht mehr funktioniert. Und so spielt das Geld in einer Fülle von Spielen eine existentielle Rolle – ob man es gewinnen will oder sinnvoll einsetzt, um eine bessere Welt zu schaffen…

Der Autor beginnt sein Büchlein mit einer Verteidigung. Wie es denn sein könne, dass so eine hehre Institution wie das British Museum sich mit diesem Thema beschäftige? Eine Verteidigung, die eigentlich nicht notwendig wäre. Wir kennen das British Museum als die Institution, die immer schon ein wenig weiter dachte als andere, sobald es darum geht, das menschliche Leben zu dokumentieren. Nicht umsonst hielt eine Vertreterin des British Museum bereits vor mehr als einem Jahrzehnt bei einem ICOMON-Treffen einen Vortrag zu Überlegungen des Departments „Coins and Medals“, wie man modernes Computergeld in die Sammlung aufnehmen könne, um es für die Nachwelt aufzubewahren und zu katalogisieren.

Mindestens genauso avantgardistisch war es, als das British Museum 1863 sein erstes Spielgeld für die Sammlung erwarb. Nur zwei Jahre später konnte es eine umfangreiche Privatsammlung von Spielgeld ankaufen. Heute besitzt es eine ziemlich umfangreiche Sammlung von Brettspielen, die sich mit dem Thema Geld beschäftigen. Man führt diese Objekte unter der Kategorie „Paranumismatics“. Darunter befinden sich historisch sehr spannende Spiele, so zum Beispiel ein Spiel, das Norman Angell im Jahr 1931 kreierte, um eine These zu unterstützen, die er 1913 in seinem Buch „The Great Illusion“ ausführlich dargelegt hatte: Nämlich dass niemand durch einen Krieg Geld gewinnen kann. Wo sich ein Buch in theoretischen Überlegungen erschöpft, die man glauben kann oder auch nicht, zeigt ein Spiel die Zusammenhänge unwiderleglich auf. Ob Norman Angell auch wegen dieses cleveren PR-Tricks den Friedensnobelpreis im Jahr 1933 erhielt?

Schon dieses eine Beispiel zeigt, dass unsere Spiele das Geldverständnis der Gesellschaft klarer und ungeschminkter abbilden als es ein einzelner Geldschein je könnte. Wer würde sich nicht an die herrlichen Monopoly-Abende seiner Jugend erinnern, wenn Berge von Geldstapeln den skrupellosesten Kapitalisten zum Sieger machten? Spielgeld ist deshalb wesentlich mehr als eine spielerische Nachahmung von Geldscheinen und Münzen, als Teil eines Geldspiels sind sie ein Spiegel unserer Gesellschaft und der Theoriegebäude, auf denen sie beruht.

Genau diese Seite des Spielgelds behandelt Robert Bracey in seinem gehaltvollen Büchlein. Er schreibt keinen Katalog zu der Ausstellung „Playing with Money“, die noch bis zum 29. September 2019 im British Museum zu sehen sein wird. Er verfasst keinen Katalog von „Spielgeldtypen“, sondern gibt historische und wirtschaftsgeschichtliche Informationen anhand des Studiums interessanter Objekte, die in der Sammlung des British Museums liegen. Er schildert Spiele detailliert in ihrem historischen Zusammenhang, und so wird das Büchlein eher zu einem Essay über Brettspiele, die Geld zum Thema haben, als zu einer historischen Behandlung von Spielgeld.

Wer also einen Katalog sucht, um damit Spielgeld qualifizieren zu können, der braucht „Playing with Money“ nicht. Wer wissen möchte, welche unterschiedlichen Formen Spielgeld von der Vergangenheit bis heute annehmen konnte, der wird ebenfalls enttäuscht sein. Wer aber in die Frage einen Einblick gewinnen will, warum der spielende Mensch und seine Brettspiele nützlich sein können, um zu verstehen, welche Einstellung ein Mensch in einer bestimmen Epoche des 20. Jahrhunderts zum Thema Geld hatte, der sollte unbedingt den Essay lesen. Er ist eine Bereicherung nicht nur für Numismatiker, sondern vor allem für Wirtschaftshistoriker und Sozialkundler.

Und das Schönste: Die neuen Einsichten vermitteln sich dem Leser geradezu spielerisch.

 

Herausgegeben wurde das Buch bei Spink & Son, wo Sie es auch bestellen können.

Die Ausstellung „Playing with Money“ haben wir selbstverständlich in der MünzenWoche vorgestellt.