Münzen aus postkolonialer Sicht

Aufnahme aus Macht. Mittel. Geld. ©Chris Schwagga, SHMH-MHG.
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Anlässlich der 8. Triennale der Photographie 2022 präsentiert das Museum für Hamburgische Geschichte bis zum 15. August 2022 eine künstlerische Installation. Das Museum für Hamburgische Geschichte präsentiert gemeinsam mit der mexikanisch-deutschen Kuratorin Yolanda Gutierrez und dem ruandischen Fotografen Chris Schwagga eine zwischen musealen Objekten, Tanz und Photographie angesiedelte künstlerische Installation. Inspiriert vom Motto „Currency“ der diesjährigen Triennale der Photographie wird die Objektgruppe der Kolonialmünzen aus der Sammlung des Museums durch eine fotographisch festgehaltene tänzerische Intervention in Bewegung gebracht. Mit der Tänzerin Eva Lomby, mit der Gutierrez bereits zusammengearbeitet hat, wird die Ausdruckskraft des Körpers als Inspirationsquelle in den Schaffensprozess Schwaggas mit einbezogen, so dass am Ende eine Collage aus Fotographien und Exponaten aus dem Museum für Hamburgische Geschichte entsteht.

Chris Schwaggas Fotografien beleuchten verschiedene Aspekte aus unterschiedlichen Perspektiven: historische, (post-)koloniale, kulturelle, soziale, ästhetische und technische. Schwagga nimmt dabei gleichzeitig den Blick der ehemals Kolonisierten auf. Welche Bedeutung und Funktion hatten diese Münzen und für wen? Welche wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Auswirkungen hatte die Einführung der Kolonialwährung in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Östafrika? Durch die künstlerische Installation soll in mehrfacher Hinsicht ein Perspektiv- und Bedeutungswechsel ermöglicht werden, der ein anderes Licht auf die Geschichte wirft.

Aufnahme aus Macht. Mittel. Geld. ©Chris Schwagga, SHMH-MHG.

Photographien zirkulieren, Münzen rotieren – das Motto „Currency“ der 8. Triennale der Photographie und die hier gezeigte Ausstellungsintervention liegen nahe beieinander. Die Ausstellung mit Photographien von Chris Schwagga ist mit Blick auf die Sammlung der Kolonialmünzen des Museums für Hamburgische Geschichte entstanden. Die Münzen wurden überwiegend in Berlin und ab 1904 auch in Hamburg geprägt. Sie dienten als Zahlungsmittel in den Kolonien des Deutschen Reiches in Afrika. Zugleich sind sie bisher kaum beachtete Zeugnisse einer deutschen Vergangenheit, die von Ausbeutung. Gewalt und Unterdrückung gekennzeichnet war.

„Kolonialmünzen sind ein starker Ausdruck der herrschenden Kolonialmacht in den im 19. und 20. Jh. auch von Deutschland gewaltsam unterworfenen und kolonisierten Ländern. Die Münzen hatten nicht nur eine Geldfunktion, sie waren als Tauschmittel auch wichtig für die lokale Wirtschaft. Symbolträchtig zeigen die Münzen in Form von Wappen und Inschriften, wer vor Ort die Herrschaft über die einheimische Bevölkerung ausübte. Sie waren zugleich Propagandainstrument und Insignien politischer Macht. Deutsch-Ostafrika mit der Hauptstadt Dar es Salaam war die größte und reichste Kolonie des Deutschen Reiches. Seit 1884 wurde für diese Kolonie eigenes Geld hergestellt, das auch in Uganda, in Mozambique und besonders auf Sansibar im Umlauf war und die regionalen Zahlungs- und Tauschmittel verdrängte. In einer künstlerischen Intervention demonstrieren die Choreografin Yolanda Gutierrez und der aus Kigali stammende Fotograf Chris Schwagga gemeinsam mit der Tänzerin Eva Lomby, was sie mit diesen Kolonialmünzen verbinden. Mit ihrer Arbeit und ihrer Perspektive erobern sie einen Teil der Geschichte zurück.” Ralf Wiechmann. Kurator für Numismatik am Museum für Hamburgische Geschichte.

Aufnahme aus Macht. Mittel. Geld. ©Chris Schwagga, SHMH-MHG.

„Wir bewegen uns zwischen den Welten: der Welt der Photographie und der des Tanzes, der Welt in Kigali und der in Hamburg, der Welt der Numismatik und der der Kunst. Wir rotieren, wie die Münzen es tun. Wir halten sie in den Händen und geben sie weiter. Alles gerät in Bewegung. In den Photographien von Chris Schwagga wird dieser Zustand sichtbar an einen anderen Zustand gebunden: den Augenblick der Stille und den Augenblick der Bewegung. Der Bezug zum Körper ist in seiner Arbeit immer präsent. Er bleibt zwar anonym, aber dennoch erkennbar. Er schafft eine unmittelbare Nähe zum Objekt, den Münzen. In den Photographien verwandelt Schwagga die Münzen in ein fremdes Objekt, in einen Haarschmuck, in ein modisches Gewand und zugleich in einen schweren Panzer. Der Körper wird zum charakteristischen Hauptmotiv der Bilder und bestimmt über die Münzen und nicht umgekehrt. Die Münzen sind nur noch ein Element von vielen. Durch Chris Schwaggas Photographien betrachten wir die koloniale Vergangenheit als einen Teil der Geschichte, in der die Unterdrückten die Handelnden und zum Subjekt der Ereignisse werden. Durch die tänzerische Intervention von Eva Lomby tritt der Körper während der Ausstellung aus dem Bild heraus. Er verkörpert in der Bewegung die Stille und die Ausdruckskraft der dargestellten Bilder. Der tanzende Körper in der Ausstellung macht uns darauf aufmerksam, dass er sich nicht wie die Münzen auf ein bloßes Objekt reduzieren lässt.” Yolanda Gutierrez, Kuratorin der Ausstellung.

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Stiftung Historische Museen Hamburg.

Im Museum für Hamburgische Geschichte fand dieses Jahr übrigens ein Empfang der VdDM e.V. und der Numismatischen Kommission statt.